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Sexueller Missbrauch: Reden, reden, reden...

Reden, reden, reden ...- KindEs gibt für Kinder eine "Impfung" gegen sexuellen Missbrauch. In Österreich werden pro Jahr rund 800 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern bekannt. Die Dunkelziffer wird von Experten mindestens auf das Zehnfache angesetzt. Nur in sechs Prozent der Fälle ist der Täter ein Fremder. Das Leid, das hinter diesen Fakten steckt, ließe sich meist vermeiden. Mit reden, reden, reden ...


Natürlich gibt es auch den Fremden, der Kinder anspricht, sie in sein Auto locken, sich mit Geschenken das Vertrauen erschleichen will. Davor muss man Kinder warnen. Beim Thema sexueller Missbrauch droht die weitaus größere Gefahr jedoch aus dem unmittelbaren Lebensumfeld der Kinder – quer durch alle sozialen Schichten.

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Mit der Gefahr unter einem Dach

In jedem vierten bekannt gewordenen Fall haben die Kinder mit den Tätern sogar unter einem Dach gewohnt. Robert Karbiner, Psychotherapeut aus Linz, hat viel mit Opfern von sexuellem Missbrauch gearbeitet und weiß: "Für Kinder, die im engsten Familienumfeld missbraucht werden, ist es der reinste Horror. Für sie gibt es überhaupt keine Schutzzone, keinen sicheren Hafen mehr." Der Schmerz, den die Kinderseelen durch den Missbrauch erleiden, wird dann potenziert, wenn sich die Kinder jemandem anvertrauen und ihnen nicht geglaubt wird. Untersuchungen zeigen, dass ein Kind durchschnittlich sieben Anläufe braucht, um mit seinen Notsignalen Gehör zu finden. Robert Karbiner: "Die Gefahr, dass Kinder sich sexuelle Geschichten zusammenreimen, ist vergleichsweise gering. Es sollte daher jeder Hinweis ernst genommen werden. Auch wenn es dem mutmaßlichen Täter noch so wenig zugetraut wird. Das Thema muss so bald wie möglich auf den Tisch."

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Täter unauffällig

Die Täter sind meist sozial überangepasst. Natürlich ist es schwierig, den Tätern das Handwerk zu legen. Die eigene Scham und die Angst vor der Schande sind allzu oft Komplizen der Täter. Und die machen natürlich ihrerseits alles, um unentdeckt zu bleiben. Im Notfall schaffen sie es sogar noch, die Täter-Opfer-Rolle umzukehren. Meist sind sie hoch manipulativ und sozial überangepasst. Sie planen ihr Verbrechen langfristig und wägen die Risken genau ab. Dazu gehört auch die Auswahl der Opfer. "Beliebte" Opfer sind eher einsame, wenig selbstbewusste Kinder.

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'Nein' sagen lernen

Die Umkehrung dieses "Opferprofils" ist für Kinder auch nach dem Rat erfahrener Kriminalisten die beste "Impfung" gegen sexuellen Missbrauch: Selbstbewusstsein, sich Nein sagen trauen und alles hinterfragen, was einem seltsam vorkommt. Ein Kind muss etwa sagen dürfen, wenn ihm "Bussis" oder Berührungen von Verwandten unangenehm sind. Robert Karbiner mit einem Rat für Eltern: "Am wichtigsten ist gegenseitiges Vertrauen und das offene Gespräch. Eben reden, reden, reden ...".


Heinz Macher

Juli 2006


Foto Bilderbox, privat

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Notsignale

Das Kind:

  • spielt mit den eigenen Genitalien oder mit denen anderer Kinder oder Erwachsener,
  • küsst nicht altersgemäß,
  • legt sein Schamgefühl ab,
  • macht anzügliche Bemerkungen, die nicht seiner Art entsprechen,
  • stellt nicht altersgemäße Fragen,
  • erzählt von sexuellen Dingen, die es schwer erfinden kann,
  • entwickelt Fantasien, die sexuell überzogen sind und nicht mit dem Alter des Kindes übereinstimmen.

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Fragen, die Eltern mit Ja beantworten sollten:

          • Spricht mein Kind mit jemandem über seine Probleme?
          • Kenne ich die Sorgen meines Kindes?
          • Gebe ich vor meinem Kind Fehler zu?
          • Darf mein Kind ungewollte Zärtlichkeiten ablehnen?
          • Kenne ich die Freunde meines Kindes?
          • Ist mein Kind immer in Gruppen unterwegs oder viel allein?

          Quelle: "Finger weg!", Aktion der Vereinigung österreichischer Kriminalisten

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          Kommentar

            Kommentarbild von Hr. Robert Karbiner zum Printartikel "Oft hört man, dass für Opfer von sexuellem Missbrauch das Leben zu Ende ist. Das ist glücklicherweise nicht so. Auch wenn es schwer und langwierig sein kann – eine Therapie kann fast in allen Fällen helfen."
          Robert Karbiner
          Psychotherapeut, Linz




          Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020