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Mobbing im Klassenzimmer

Mobbing im KlassenzimmerWenn sich das eigene Kind plötzlich zurückzieht und nicht mehr zur Schule gehen will, kann Mobbing dahinterstecken. Warum es dazu kommt und wie Eltern erkennen, ob ihr Nachwuchs Opfer ist, erklärt Dr. Luise Hollerer.

„Mobbing ist ein zielgerichtetes, systematisches Verhalten gegen eine andere Person, das auf die Minderung von deren Selbstwert abzielt“, sagt Dr. Luise Hollerer vom Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen. Der Begriff kommt aus dem Englischen, wobei „to mob“ so viel wie angreifen oder anpöbeln bedeutet. Handelt es sich um schulische Gewalt, wird auch der Begriff Bullying verwendet („to bully“ = schikanieren).

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Mantel der Verschwiegenheit

In der Schule kann sich Mobbing auf vielfältige Art und Weise äußern. So können betroffene Kinder in Form von körperlicher Gewalt – wie durch Treten, Schubsen oder Schlagen – schikaniert werden. Es kommt aber auch vor, dass mit Erniedrigungen und Ausgrenzungen psychischer Terror ausgeübt wird. Kinder können sich über andere ständig lustig machen, sie können ihre Aussagen dauerhaft kritisieren oder sie verspotten und bei gemeinsamen Aktivitäten oder Gruppenarbeiten ausgrenzen. Gerade rund um die Pubertät gibt es eine Zeitspanne, wo Jugendliche sehr dünnhäutig sind. Sie erleben Andersartigkeit massiv gegen sich selbst gerichtet und haben überzogene Wertungstendenzen. „Dabei reicht es schon, wenn ein Kind sagt, dass ihm diese oder jene Musik gefällt, den anderen der Gruppe aber nicht, um ausgeschlossen zu werden“, erklärt die Psychotherapeutin. Charakteristisch beim Mobbing ist aber, dass die Handlungen wiederholt auftreten – es handelt sich somit um kein einmaliges Ereignis.

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Anzeichen erkennen

Doch wie werden Eltern oder das Lehrpersonal auf Mobbing aufmerksam? Betroffene Kinder gehen plötzlich nicht mehr alleine zur Schule oder lassen sich hinfahren, obwohl sie sonst immer öffentliche Verkehrsmittel benutzt haben. Sie bleiben in der Pause auf ihrem Sitzplatz, ziehen sich zurück und wirken bedrückt. Oder sie vermeiden es, an gemeinsamen Aktivitäten teilzunehmen und weisen oft auch einen Leistungsabfall auf. Zudem können körperliche Probleme wie ständige Kopfschmerzen oder Schlafstörungen hinzutreten. „Die Herausforderung angesichts der unterschiedlichen Anzeichen ist sicherlich, Mobbing zu erkennen“, sagt Hollerer. Nicht zuletzt deswegen, weil es häufig unter dem Mantel der Verschwiegenheit liegt. „Nur 20 bis 30 Prozent der Opfer sprechen während des aktiven Mobbings darüber, die meisten erst später“, ergänzt die Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin.

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Gefahr: Soziale Netzwerke

Besondere Gefahr geht von neuen Medien aus. So können über soziale Netzwerke wie Facebook falsche Gerüchte besonders rasch verbreitet werden. Die Rede ist dann vom sogenannten Cyber-Mobbing. Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Opfer oft nicht wissen, wer dahinter steckt – die Angriffe erfolgen anonym. Zudem sind sie diesen öffentlich ausgesetzt und können nicht, wie beim „normalen“ Mobbing, den Täterinnen oder Tätern aus dem Weg gehen. „Jeglicher Schutzraum fällt weg“, bestätigt Hollerer.

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Wertschätzendes Schulklima wichtig

Die Ursachen für die Schikanen sind meist persönlicher oder systemischer Natur. „Kinder müssen im Laufe ihrer Entwicklung lernen, sich in eine Gruppe ein-, über- oder unterzuordnen. Je nach Persönlichkeit des Kindes gibt es einige, die Führerschaft nur dann übernehmen können, wenn sie andere heruntermachen. Andere wiederum fühlen sich in der Gruppe unsicher und ängstlich. Sie können leicht Opfer werden“, sagt die Psychotherapeutin. Aber auch das Umfeld kann zu Mobbing beitragen. Hollerer: „In einem beziehungs- und respektlosen Schulmilieu tritt Bullying häufiger auf.“ Umgekehrt gilt: Klare Regeln, Wertschätzung im Klassenzimmer, ein angemessen hoher Leistungsstandard sowie eine gute Vernetzung mit den Eltern sorgen dafür, dass Kinder ihre Entwicklung positiv bewältigen können und sich nicht allein gelassen fühlen. „Lehrerinnen und Lehrer können also unendlich viel dazu beitragen, um Mobbing zu verhindern“, bringt es die Psychologin auf den Punkt.

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Was Eltern tun können

Für Eltern hingegen ist es umso wichtiger, mit ihrem Nachwuchs in Kontakt zu bleiben und über deren Umfeld Bescheid zu wissen. Sie sollten darüber informiert sein, welche sozialen Kontakte das Kind hat und wie diese erlebt werden. Ein offenes Gesprächsklima erleichtert es den Kindern, über ihre Ängste und Probleme zu sprechen, die Eltern wiederum ernst nehmen sollten. „So lernt das Kind, seine Gefühle einzuordnen. Wenn es sagt, dass immer jemand gegen ihn ist, gehört dieser Vorfall mit dem Lehrpersonal besprochen, wobei Eltern von der Schule einen Handlungsplan einfordern sollen“, rät Hollerer und ergänzt: „Wenn Kinder von selbst nicht reden können, ist professionelle Hilfe wichtig. Gruppenverhalten erfordert ein bestimmtes Handlungsrepertoire, das einige Kinder nicht kennen und nicht haben. Um entsprechende Strategien zu entwickeln, ist psychologische Begleitung sinnvoll.“

MMag. Birgit Koxeder
April 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020