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Alzheimer: Wenn auf die Angehörigen vergessen wird

  mann blick auf bergeDie Altersdemenz entfremdet den Patienten nicht nur von sich selbst. Die Krankheit lässt sich nicht heilen. Und sie stellt die Angehörigen vor eine große Herausforderung.

Früher war die "Mutti schon sehr verloren" oder der "Opa schon sehr verkalkt". Heute werden manche dieser Altersdemenzen genauer diagnostiziert. Ist die Diagnose "Alzheimer-Krankheit" werden Angehörige auf eine große Probe gestellt. Immerhin werden 70 Prozent der Erkrankten zu Hause gepflegt.

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Alois Alzheimer

1907 sind die Symptome und Veränderungen im Gehirn das erstem Mal von Alois Alzheimer, einem deutschen Neurologen, beschrieben worden.
Er erkannte, dass fortlaufend Zellen abgebaut werden und deswegen die Hirnmasse schrumpft. Zwischen den Zellen lagern sich "senile Plaques" ab - das sind Ablagerungen aus Produkten der Eiweißspaltung. Sie behindern die Versorgung und Aktivitäten der Nervenzellen und führen in letzter Konsequenz zum Absterben der Zellen.
Eine Folge ist der signifikante Mangel des Botenstoffes Acetylcholin, der eine besondere Rolle bei der Informationsübertragung im Bereich der Gedächtnisleistungen spielt.
Das alte Gehirn produziert einerseits weniger Botenstoff, andererseits stehen durch den verfrühten Zelltod auch weniger Übertragungsstellen (Synapsen) zwischen den Zellen zur Verfügung. In Summe führt das zu einer stetigen Verschlechterung aller Denk- und Handlungsabläufen des Alzheimer-Patienten.

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Frühstadium

Der Krankheitsverlauf zeigt im fortschreitenden Prozess des Zellabbaus auch stabile Phasen.

Im Frühstadium machen sich Vergesslichkeit und Orientierungsschwäche bemerkbar. Der Erkrankte findet die passenden Wörter öfter als gewöhnlich nicht und kann Gesprächen mit anderen nicht mehr folgen. Auch das Kurzzeitgedächtnis beginn zu leiden und frühere Interessen werden bedeutungslos.
Natürlich leiden auch Antrieb und Vitalität, der Erkrankte ermüdet rascher als gesunde Gleichaltrige und ist oft depressiv.
Das alles führt auch zu einer mangelnden Urteilsfähigkeit und Entschlusskraft. Und letztlich gehen die Kranken anderen Menschen aus dem Weg, sie ziehen sich zurück, werden misstrauisch und launisch - auch der eigenen Familie gegenüber.
Das alles bemerken die Erkrankten aber sehr wohl. Sie bemerken, dass etwas nicht stimmt und reagieren mit Aggression oder Depression. Dabei ist allerdings eine selbständige Lebensführung sehr wohl noch möglich. Autofahren ist aber bereits eingeschränkt.

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Mittleres Stadium

Im mittleren Stadium verstärken sich die Defizite. Das Gedächtnis - neben der Merk- auch die Erinerungsfähigkeit - lässt noch mehr nach, die Sprachfähigkeit ist empfindlich gestört und somit auch die Kommunikation mit der Umwelt. Auch die Orientierung leidet vermehrt und der Mensch verirrt sich oder läuft öfter fort.  Schon jetzt ist eine Hilfe im Alltag nötig.

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Spätstadium

Mit dem starken geistigen Abbau geht einen hohe Pflegebedürftigkeit einher. Dem Harndrang wird nun unkontrolliert nachgegeben. Essen und Trinken werden zunehmend schwierig - oder einfach vergessen. Es müssen also die Pflegenden darauf achten, dass der Patient genug feste und flüssige Nahrung zu sich nimmt.

"Für Pflegende und Angehörige besonders belastend sind die in dieser Phase zusätzlich zu den Hirnleistungseinbußen auftretenden Verhaltensstörungen", so Dr. Hans Huber, Oberarzt der Abteilung für neurologisch-psychiatrische Gerontologie an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

"Angehörige und Pflegende müssen wissen, dass verletztende Verhaltensweisen oder Äußerungen nicht böse Absicht sondern Symptom der Erkrankung sind, um zur weiteren Pflege motiviert zu sein. Vermeintliche Kränkungen machen den Betreuenden - und damit auch dem Betreuten - das Leben schwer, verursachen Mehrkosten durch frühere institutionelle Versorgung und unnötige Krankenhausaufenthalte", so der Spezialist.

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Hilfe ist möglich

Im Frühstadium ist es noch möglich, den Kranken zu beschäftigen und mitarbeiten zu lassen. Das wichtigste in diesem Stadium ist, dem Kranken Erfolgserlebnisse zu ermöglichen und ihm das Gefühl zu geben, dass er trotz seiner Erkrankung von der Familie angenommen wird. Möglichkeiten zur Hilfe sind, seine Alltagskompetenz zu trainieren oder mit ihm Selbsthilfegruppen zum Erfahrungsaustausch aufzusuchen - seine Zustimmung natürlich vorausgesetzt. Im mittleren Stadium wird die Lage bereits schwieriger: Die pflegenden Angehörigen dringen nun am besten mit kurzen, langsam gesprochenen Sätzen zum Kranken durch. Der Kranke kann durch Beruhigung unterstützt werden und am besten werden ihm Erinnerungshilfe angeboten. Im Spätstadium können oft nur mehr Augen- und Berührungskontakt dem Patienten helfen. Körpersprache ist im späten Stadium oft der einzige Zugang. Wenn noch möglich, vermittelt die ruhige und vertraute Stimme des pflegenden Angehörigen dem Erkrankten ein Gefühl der Geborgenheit. Mit dem Konzept der "Basalen Stimulation" (siehe Link: Alzheimer Forum) kann dem Erkrankten der Kontakt mit dem eigenen Körper erhalten werden. So werden z.B. verschieden harte Waschlappen bei der Körperpflege eingesetzt oder die Schluckbewegungen werden durch harte Brotrinde oder Kaugummi gefördert. Alte Familienfotos und Gegenstände in kräftigen Farben können die Erinnerung und Aufmerksamkeit ein wenig erhalten oder wieder wecken. Schon ein einziger Gegenstand, der ins Blickfeld gerückt wird, kann den Tag des Kranken verändern!

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Therapien

Oberarzt Dr. Huber: "Ziel eines Therapiekonzepts ist es, den Verlauf der Erkrankung zu verlangsamen und Alltagskompetenz solange und so gut als möglich zu erhalten. Medikamentös kann das heute durch Medikamente, die die Acetychilinkonzentration im Gehirn erhöhen, bewirkt werden. Psychopharmaka werden - wenn erforderlich - zur Behandlung der Depression und zur Verhaltenskorrektur eingesetzt."

Wichtig ist auch die Behandlung begleitender körperlicher Erkrankungen, die die Lebensqualität, aber auch zusätztlich die Hirnfunktion beeinträchtigen, so der Spezialist weiter. Zusätzlich müssen aber auch alle aktivierenden Maßnahmen (Physio- und Ergotherapie, psychotherapeutische Interventionen, Hirnleistungstraining) ergriffen werden und dem Patienten eine seiner Krankheit gerecht werdende Umgebung angeboten werden.

Besonders pflegende Angehörige können im Alltag die verschiedensten Gedächtnisübungen einbauen, solange sie nur nicht schulmeisterlich wirken! Denn es gilt immer zu bedenken, dass der Erkrankte sehr wohl seine Umwelt noch wahr nimmt, auch wenn er nicht mehr angemessen auf sie reagieren kann. Das geht vom Abfragen des Datums und der Uhrzeit über die Bezeichnung von Tieren bis hin zu den Namen der Kinder und Enkelkinder. Weil das Langzeitgedächtnis weniger stark leidet, bekommen Fotoalben und Erinnerungsstücke eine besondere Bedeutung. Sein Gehirn befiehlt dem Körper nur mehr sehr selten Aktivität und Bewegung. Deswegen muss von außen dafür gesorgt werden, dass sich der Kranke rührt. Muskeln schwinden, wenn sie nicht gebraucht werden!

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Was kann der pflegende Angehörige tun?

"Der überwiegende Anteil der dementen Patienten lebt zu Hause und wird dort betreut. Das Verbleiben in der vertrauten Umgebung ist ein den Krankheitsverlauf mitbestimmender Faktor. Daher kommt den ambulanten Pflegemaßnahmen besondere Bedeutung zu", stellt Prof. Dr. Gerhard Ransmayr, Vorstand der Abteilung Neurologie und Psychiatrie am AKh Linz, fest. "Neben den Angehörigen ergänzen teilstationäre Betreuungsformen, wie Tagesstätten und Tageskliniken das ambulante Versorgungsangebot", so der Spezialist.

Das deutsche Alzheimer Forum gibt eine Reihe von Ratschlägen für den Umgang mit Alzheimer-Patienten.
Die wichtigsten sind, dass dem Erkrankten solange wie möglich die Selbstbestimmung und Eigenständigkeit erhalten wird. Das kann durch die Einübung von Routinen bewerkstelligt werden. Beschäftigen Sie ihn und trainieren Sie alltägliche und relevante Tätigkeiten. Strukturieren Sie seinen Alltag und schreiben Sie wichtige Telefonnummern, Adressen und Daten in einen großen Kalender.
Falls die Vergesslichkeit schon weiter fortgeschritten ist, müssen wichtige Daten und kommende Ereignisse mehrmals angekündigt werden. Auch Besuche von Freunden müssen immer wieder und lange vorher angekündigt werden.
Bei Spaziergängen kann immer wieder auf Fixpunkte der Umgebung hingewiesen werden — "Hier ist der Bäcker" oder "Da wohnt Frau X."

Aber auch der Erkrankte kann - solange er noch dazu in der Lage ist - mithelfen seinen zukünftigen Alltag zu strukturieren und relevante Entscheidungen zu treffen. Finanzielle Angelegenheiten sollten geregelt werden, solange sich der Patient dieser Situation noch gewachsen fühlt. Bei der Diagnose "Alzheimer" sollten die kommenden Jahre am besten gemeinsam mit Familie, Freunden und Fachleuten besprochen und geplant werden. Auch wichtige medizinische Entscheidungen — wie etwa lebensverlängernde Maßnahmen — sollten mit einem Arzt geklärt werden. Und immer sollte im Umgang mit Alzheimer-Patienten Ruhe und Geduld bewahrt werden - nicht der Mensch spielt der Umwelt einen Streich, sondern das kranke Gehirn macht scheinbar sinnlose Dinge mit dem Menschen.

Mag. Christian Boukal

April 2006


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020