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Stress am Arbeitsplatz gefährdet Herz

Stress am Arbeitsplatz gefährdet HerzStudien belegen: Als Stress empfundener Leitungsdruck wirkt sich negativ auf die Herz-Gesundheit aus. Stress schädigt das Herz und wird heute als ein eigenständiger Risikofaktor anerkannt.

Die Gründe für Arbeitsstress sind mannigfaltig: Zu hohe Arbeitsbelastung, Überstunden, Zeit- und Termindruck, eingeengte Entscheidungsspielräume, Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten oder Konkurrenz unter Kollegen sind nur einige von vielen möglichen Ursachen.
Nicht jede Stresssituation bedeutet eine Gefahr für das Herz. Negativer Disstress entsteht vor allem dann, wenn Belastungssituationen lange andauern oder immer wiederkehren. Bei Dauerstress bleiben Herzfrequenz und Blutdruck über einen längeren Zeitraum erhöht, der Körper befindet sich dadurch in einer permanenten Alarmsituation.

Psychische Belastung als Gefahr für das Herz

Seit langem ist bekannt, dass bestimmte Faktoren wie Rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung des Herzens erhöhen. Aber auch arbeitsbedingter Stress kann zur psychischen Belastung werden und die Gesundheit des Herzens gefährden. Ältere Arbeitnehmer sind von Herz-Kreislauf-Erkrankungen besonders häufig betroffen. Das Herzinfarktrisiko steigt ab einem Alter von 55 Jahren stark an.
Mediziner warnen vor einem Zuviel an negativem Stress im Berufsleben. „Der direkte Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren wie Arbeitsstress und Herzerkrankungen ist durch zahlreiche Studien mittlerweile belegt. Körper und Psyche zusammen entscheiden, ob jemand gesund und zufrieden ist oder nicht. Die so wichtige Lebenszufriedenheit braucht beides. Andererseits ist Zufriedenheit ein starker Motivator, gesund zu leben“, sagt Prim. Dr. Rudolf Vikydal, Leiter der Abteilung für Innere Medizin am LKH Steyr.

Kann Stress einen Infarkt auslösen?

Dauerhafter Stress führt häufig zu einer erhöhten Herzschlagfrequenz, zu erhöhtem Blutdruck und wahrscheinlich auch zu Gefäßschädigungen. „Eine akute Stresssituation kann im Normalfall jedoch nicht in einen akuten Herzinfarkt münden. Das ist nur in Ausnahmefällen möglich, wenn das Herz bereits vorbelastet ist. Dauerhafter Stress jedoch kann sehr wohl über Jahre hinweg zum Infarkt des Herzens führen“, so der Kardiologe. In welchem Ausmaß Stress am Entstehen eines Herzinfarktes ursächlich beteiligt ist, lässt sich im Einzelfall schwer nachweisen.

Direkte Schädigung

Ging man früher davon aus, dass Stress nur indirekt über eine ungesunde Lebensweise auf das Herz wirkt, weiß man heute, dass Stress ein unabhängiger, direkter Risikofaktor ist.
Ständiger Stress schädigt infolge vermehrter Ausschüttung von Stresshormonen auf Dauer das Herz-Kreislauf-System. Der hohe Hormonspiegel führt zu vermehrten Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen, welche sich dadurch verengen. Ein Umstand, der sogar einen Herzinfarkt auslösen kann. Aber auch Magen, Darm, Nieren und das Immunsystem werden belastet und geschädigt.
Stress bedeutet in erster Linie, dass ein Reiz auf den Körper wirkt. Das Nervensystem reagiert darauf, indem es vermehrt Adrenalin und Cortisol ausschüttet. Langfristig führt ein hoher Cortisolwert zu schlechten Blutzucker-, Blutfett- und Blutdruckwerten. Diese Faktoren gelten ebenfalls als Risiken für Herzkreislauf-Erkrankungen.
Bei Stress beschleunigt der Herzschlag, der Blutdruck steigt und der Körper wird in einen reaktionsbereiten Zustand versetzt. „Das macht uns biologisch gesehen kampfbereit. Das Problem ist, dass wir am Arbeitsplatz natürlich nicht kämpfen und auch nicht davonlaufen können und den Ärger quasi in uns hinein fressen. Es ist daher kein Fehler, wenigstens nach der Arbeit zu laufen und sich gewissermaßen abzureagieren“, sagt der Kariologe.
Stress wirkt auch direkt auf das vegetative Nervensystem ein. Die Herzfrequenzvariabilität sinkt, die so wichtige Balance von Sympathikus und Parasympathikus geht verloren. Parasympathikus und Sympathikus sind körpereigene Regulationssysteme des vegetativen Nervensystems, die auf Herz-Kreislauf wie Bremse und Gas beim Auto wirken. Sie sind dafür verantwortlich, dass sich das Herz der jeweiligen Situation angemessen anpassen kann. Wird ihre Balance durch Stress gestört, gewinnt der Sympathikus Oberhand. Dann schlägt der Puls ständig auf hohem Niveau und verhindert Entspannung und eine Entlastung des Herz-Kreislauf-Systems.

Indirekte Schädigung

Nach wie vor ist aber auch der indirekte Zusammenhang gegeben, nämlich, dass gestresste Menschen oft auch eine ungesunde Lebensweise praktizieren: Sie ernähren sich zu fett- und zuckerreich (Fastfood etc.), sie essen zu schnell und zuviel, sie bewegen sich zuwenig, rauchen häufig, trinken zuviel Alkohol und schlafen zuwenig und schlecht.

Studien

Verschiedene Studien aus den letzten Jahren belegen den Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und dem Risiko für einen Herzinfarkt. Eine der größten bisherigen Studien zu diesem Thema mit fast 200.000 Männern und Frauen ergab, dass diejenigen, die über Arbeitsstress geklagt hatten, um 23 Prozent öfter einen Herzinfarkt bekamen, als jene, die keinem Stress ausgesetzt waren. Das Risiko blieb auch dann erhöht, wenn andere Einflussfaktoren wie Lebensstil, Alter, sozialer Status etc. berücksichtigt wurden. (Originalpublikation: Mika Kivimäki et al. Job strain as a risk factor for coronary heart disease: a collaborative meta-analysis of individual participant data“. The Lancet, doi: 10.1016/S0140-6736(12)60994-5; 2012.)

Je nach Untersuchungsgegenstand der Studien ergaben sich verschiedene Stressoren, die sich auf die Herzgesundheit negativ auswirken können:

  • Leistungsdruck, vor allem bei schlechter Bezahlung.
  • Geringe Entscheidungsfreiheit, wenig Gestaltungsspielraum, wenig Kontrolle über das Geschehen.
  • Zeitdruck, hohes Arbeitsaufkommen (z.B. wenn die Arbeitsmenge im Büro nicht mehr bewältigt werden kann und der Beschäftigte einen Teil der Arbeit mit nach Hause nimmt.)
  • Ständige Unterbrechungen und Störungen des Arbeitsablaufs.
  • Häufige Notwendigkeit für Überstunden.
  • Missverhältnis zwischen Bezahlung und erbrachter Leistung (Ungleichgewicht von Anstrengung und Belohnung).
  • Mangelnde Anerkennung im Beruf (sg. Gratifikationskrise).
  • Beschäftigte befürchten oder erfahren tatsächlich eine Verschlechterung ihrer Arbeitssituation.
  • Niedrige Stellung im Beruf, niedriger Lohn.
  • Konkurrenzdruck, Mobbing.
  • Ständige Verfügbarkeit: Auch die ständige Erreichbarkeit durch Handy oder mobiles Internet kann zu psychischer Überlastung führen.

Stress ist auch subjektiv

Wie jemand auf eine Situation reagiert, entscheidet, ob negativer Stress entsteht oder nicht. Teilweise macht man sich den Stress daher auch selbst, vor allem durch seine Einstellung, was man subjektiv als stressig, also als belastend empfindet. „Entscheidend ist, ob ich mich über etwas aufrege oder ob ich darauf völlig gelassen reagieren kann. Das liegt in der Persönlichkeit eines Menschen begründet und lässt sich nur mit viel Mühe verändern.“ sagt Prim. Vikydal.

Aktivität nach der Arbeit hilft

Psychische Ausgeglichenheit und eine gesunde Lebensweise sind die besten Voraussetzungen, um mit Stress fertig zu werden. „Wer objektiv nichts gegen eine belastende Arbeitssituation tun kann, dem bleibt nur die Möglichkeit, die Dinge als gegeben hinzunehmen, also die Situation anzunehmen, wie sie ist. Das kann einigen Druck aus der Sache nehmen“, sagt der Kardiologe.
Nach der Arbeit bleibt die Möglichkeit, Stress durch körperlichen Ausgleich zu reduzieren. Laufen und jede Art von Sport machen den Kopf frei und bauen Stresshormone ab. Auch Entspannungsmethoden wie Autogenes Training, Yoga oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen sind geeignet, die Anspannung zu reduzieren.

Dr. Thomas Hartl
Jänner 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020