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Nackenschmerzen

NackenschmerzenVielen Menschen sitzt der Peiniger fest im Genick. Die Halswirbelsäule ist neben der Lendenwirbelsäule einer der schmerzanfälligsten Teile des Bewegungsapparats. Muskelverspannungen sind der häufigste Grund für Nackenschmerzen.

Stundenlanges Stillsitzen auf der Couch oder vor dem Computerbildschirm – das stört das fein abgestimmte Regelsystem aus Sinnesreizen und nachfolgender Muskelreaktion, das die Muskelspannung steuert. Unter dem eintönigen Haltungsimpuls der Nerven neigen einzelne Muskelfasern dazu, zu verkrampfen, sich zu verkürzen und zu verhärten – diese so genannten Triggerpunkte werden als Knoten spürbar. Kleinste Auslöser wie etwa Zugluft oder eine abrupte Bewegung genügen, um einen Triggerpunkt und damit den Schmerz erneut zu wecken. Eine vorgebeugte Schonhaltung, die Schwanenhalshaltung, wird angestrebt. Das Verspannungsproblem fängt oft leise an, kann aber zu Verrenkungen und Blockierungen von Wirbelkörpern führen, besonders im oberen Bereich der Halswirbelsäule. Schwindel, sogar Tinnitus und Lähmungen können die Folge sein. Der Schmerztherapeut Primar Dr. Josef Macher, Anästhesiologe, Intensivmediziner und ärztlicher Leiter am Diakonissen-Krankenhaus Linz, warnt: „Spätestens wenn derartige Beschwerden auftauchen, müssen Patienten mit chronischen Nackenschmerzen zum Arzt.“

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Verschleißerscheinung

Ungenügend korrigierte Fehlsichtigkeit kann zu einer Fehlhaltung verleiten, ebenso wie Beinlängendifferenzen und das Tragen hoher Absätze, die die Statik der gesamten Wirbelsäule verändern. Hinter erstmals auftretenden Nackenschmerzen kann ein akuter Bandscheibenvorfall stecken, der auf eine Nervenwurzel oder die Rückenmarkshaut drückt. Die zunehmenden Schmerzen ziehen meist einseitig in Schulter, Arm, Hand und Finger und können von Nackensteife, Kraftlosigkeit und Empfindungsstörungen begleitet sein. Ein Schleudertrauma nach Unfällen kann Verletzungen von der Muskelzerrung bis zum Wirbelbruch bedeuten und muss in jedem Fall rasch ärztlich begutachtet werden. Chronisch entzündliche Prozesse wie rheumatoide Arthritis oder Morbus Bechterew, eine Erkrankung des rheumatischen Formenkreises mit fortschreitender Versteifung von Gelenken, Verlust von Knochensubstanz bei Osteo porose, eine angeborene oder erworbene Skoliose, also eine seitliche Verbiegung der Wirbelsäule mit Verdrehung der einzelnen Wirbelkörper – auch diese Grundleiden können schuld sein am chronischen Nackenschmerz. Ein extrem schmerzhafter Versuch, den Kopf zu senken, begleitet von extremer Lichtempfindlichkeit und hohem Fieber, kann Zeichen für eine Meningitis-Infektion sein. Bei urplötzlich und erstmalig auftretenden Nackenschmerzen, die eventuell auch in Arme sowie Kiefer- oder Kehlkopfbereich ausstrahlen, muss auch an einen möglichen Herzinfarkt gedacht werden. Mitunter kann aber auch ein Tumor an der Wirbelsäule den Schmerzen zugrunde liegen. Ungewohnte, heftige Nackenschmerzen sind immer Grund für eine sofortige ärztliche Untersuchung.

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Schaltkasten

Die Angst, die im Nacken sitzt, die Last, die jemand auf seinen Schultern trägt – der Volksmund beschreibt bildreich mögliche psychische Verstärker, seltener Auslöser von Nackenschmerzen. Ob die verstärkte Muskelanspannung tatsächlich Ausdruck für seelische Probleme, Depressionen, Überforderung, Angst oder Stress ist, auch das muss abgeklärt werden.

Schon die klinische Untersuchung kann klare Hinweise auf den Ursprung der Nackenschmerzen geben. Primar Josef Macher vergleicht die Halswirbelsäule und die zugehörigen Nervenbahnen mit einem Schaltkasten, wo alle elektrischen Leitungen bestimmten Versorgungsgebieten zugeordnet sind. Geprüft werden Position und allseitige Beweglichkeit der Halswirbelsäule und Schultergelenke, Muskelspannung, Nervenfunktionen und Schmerzcharakter. Meistens wird so der neurologische Herd schon weitgehend eingegrenzt. Röntgen, Computer- oder Kernspintomografie sind unentbehrlich, wenn neurologische Ausfälle vermuten lassen, dass ein Bandscheibenvorfall, ein Tumor oder eine Zyste eine Nervenwurzel bedrängen. Nur in diesen Fällen und bei Wirbelbrüchen ist eine Operation das Mittel der Wahl – und natürlich wenn kurz- bis mittelfristig bestehende Schmerzen nicht mehr anders beherrschbar sind.

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Vielseitiger Therapieplan

Verspannungsbedingte Langzeit-Nackenschmerzen, die nicht von selbst verschwinden, brauchen einen Mix gut abgestimmter Maßnahmen. Sanftes Dehnen, Wärmeanwendungen mit Rotlicht, Fangopackungen, warme Nackenduschen – alles was hilft, ist erlaubt. Spezielle physikalische Techniken wie Akupunktur, Schröpfen, kraniosakrale Therapie, Chiropraktik und Osteopathie wirken positiv auf das vegetative Nervensystem und helfen, den Schmerzmittelbedarf zu senken. In der Schmerztherapie werden auch Wickeltechniken mit Schmerzölen sehr erfolgreich eingesetzt. Injektionen mit einem lokalen Betäubungsmittel und Cortison direkt an die Nervenwurzel sind gewebsabschwellend und eine erste, anhaltende Starthilfe zur Schmerzbekämpfung. Das überempfindlich gewordene Schmerzgedächtnis des Körpers kann zusätzlich durch „Botenstoff-Medikamente“ neu programmiert, sprich die Schmerzschwelle angehoben werden.

Wichtig sei die interdisziplinäre Vernetzung von Neurologen, Neurochirurgen, Orthopäden, Internisten, Rheumatologen und Physiotherapeuten, betont Dr. Josef Macher. Obwohl chronische Schmerzen nicht von heute auf morgen abflauen und mit Rückschlägen immer zu rechnen ist – Hauptsache, die Richtung stimmt. Und wenn schon nicht völlige Schmerzfreiheit erreichbar ist: Ein persönlicher Wohlfühlzustand ist immer das Ziel.

Klaus Stecher
Juli 2010

Foto: Shutterstock, privat

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Die Halswirbelsäule

Die überaus bewegliche Halswirbelsäule ist aus insgesamt sieben Wirbelkörpern – den sogenannten cervicalen Wirbeln C1 bis C7 – aufgebaut. Im Gegensatz zur Brustwirbelsäule, die nach außen gewölbt ist, weist die Halswirbelsäule (wie auch der Bereich der Lendenwirbel) eine Wölbung nach innen auf. Der etwa 3,6 bis 4 Kilogramm schwere Kopf ruht mit der Schädelbasis auf dem Träger C1, der auch Atlas genannt wird. Gleich darunter schließt sich der Dreher C2, auch Axis genannt, an. Die Nackenmuskulatur stabilisiert diese Konstruktion. Bei einem Bandscheibenvorfall entspricht die Schmerzausstrahlung dem Verlauf jenes Nervenstrangs, dessen Wurzel durch den Bandscheibendefekt eingezwängt wurde.

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Schmerzspirale

Die Kontrollschranken-Theorie geht von einem körpereigenen Schmerzhemmsystem aus, das individuell und situationsangepasst die Weitergabe von Schmerzimpulsen ins Rückenmark bremst. Das erklärt, warum Schwerverletzte zunächst oft keine Schmerzen spüren. Ein ständiger Schmerzreiz macht diese Schranke durchlässig, der Patient wird schmerzempfi ndlicher, der Schmerz wird chronisch. Eine stets enger werdende Spirale aus zunehmender Bewegungseinschränkung, Schonhaltung, höheren Schmerzmitteldosen und gesteigertem Schmerzerleben kommt in Gang.

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Gesunder Trick

Häufig benutzte Gegenstände nicht in Griffweite auf dem Schreibtisch anordnen, sondern so, dass man öfter zu einem kurzen Aufstehen gezwungen ist – das genügt, um die monotone Haltung zu unterbrechen und durch den Wechsel von Be- und Entlastung die drohende Nackenmuskelverspannung abzuwenden.

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Kommentar

Nackenschmerzen„Täglich ein bis zwei Stunden Gehen oder Laufen ist eine einfache, aber wirksame Aktivität zur Kräftigung der Muskulatur. Es geht aber auch um die Balance der jeweiligen muskulären Gegenspieler zur Stützung der Wirbelsäule. Der Kreiselteller eignet sich gut für entsprechende Gleichgewichtsübungen.“
Prim. Dr. Josef Macher
Ärztlicher Leiter, Anästhesiologe, Intensivmediziner und Schmerztherapeut, Diakonissen-Krankenhaus, Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020