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Alzheimer: Wenn das Vergessen zum Problem wird

alzheimer und vergesslichkeitDie Altersdemenz entfremdet den Patienten von sich selbst. Was als kleine Vergesslichkeit beginnt, kann sich mit der Zeit zu einer völligen Desorientierung wandeln. Sich rechtzeitig auf die Folgen für das gemeinsame Leben einzustellen ist wichtig. Die Krankheit lässt sich nicht heilen, aber durch Medikamente und die richtige Betreuung sowie Information mildern.

"Die Mutti ist jetzt schon sehr verloren." Oder: "Jetzt ist der Opa aber schon sehr verkalkt." Das hört man umso öfter je älter die Familienmitglieder sind. Denn nur ein bis zwei Prozent der unter 65-Jährigen erkranken an einer Form der Demenz. "Alzheimer" ist ein Wort, das im täglichen Sprachgebrauch erst eine kurze Karriere hat. Früher waren die Erkrankten "vergessen", "verloren" oder "verkalkt".

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Die meisten 'Alten' sind gesund

Mit zunehmendem Alter steigt nämlich die Möglichkeit an dieser Form einer "dementiellen" Erkrankung zu leiden. Bei 25 - 30 Prozent der über 85-Jährigen ist mit einer Alzheimer Erkrankung zu rechnen, bei den 75-Jährigen "nur" mit acht Prozent. Das heißt aber auch, dass die Hochbetagten ab 85 Jahren zu 70 Prozent gesund sind.


Die eindeutige Ursache der Alzheimer-Erkrankung ist nicht geklärt, ein höheres Alter ist aber sicher ein Risikofaktor ebenso wie hoher Blutdruck und Stoffwechsleerkrankungen. Die Selbsthilfegruppe "Alzheimer Angehörige Austria" rechnet wegen des Anstiegs der Lebenserwartung damit, dass sich die Zahl der dementen Personen in Österreich von derzeit 100.000 bis zum Jahr 2050 auf 190.000 fast verdoppeln könnte.


"Nach anderen Berechnungsvarianten könnten es auch 230.000 werden", stellt Oberarzt Dr. Hans Huber von der Abteilung Neurologische-Psychiatrische Gerontologie an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz fest.

Als Demenz werden Symptome bezeichnet, die sich in einer Verschlechterung der geistigen Leistungen äußern, die zu einer Beeinträchtigung im Alltag führen. Grund dafür ist eine Schädigung oder Zerstörung von Nervenzellen in unserem übergeordnetem Organ - dem Gehirn. 65 Prozent der Demenzerkrankungen gehen auf das Konto der Nervenzellschäden im Gehirn, andere Formen sind in Erkrankungen des Gefäßsystems zu suchen oder sind Mischformen.
"Die 'Alzheimer-Krankheit" ist nur eine von vielen Demenzformen, unter allen aber die weitaus häufigste", so Huber.

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Alle vergessen mal was

Wir alle vergessen manchmal, wo wir unsere Schlüssel das letzte mal gesehen haben, oder auf welcher Seite wir das Buch zugeschlagen haben, ja sogar manchmal wo wir das Auto geparkt haben. Wodurch unterscheiden sich wir - und auch unsere älteren Angehörigen - denn nun von einem Alzheimer-Kranken?

Wir finden die verlegten Dinge wieder, der Alzheimer-Kranke nicht oder sehr spät. Und: Er verlegt Dinge an Orte, wo selbst wir sie nicht finden würden - das Bügeleisen im Backrohr oder das Kochgeschirr in der Waschmaschine.
Er verirrt sich in ungewohnter Umgebung und kann nicht nach dem Weg fragen. Und er kann sich auch bei Routinehandlungen nicht mehr an die richtige Reihenfolge erinnern. Älteren Menschen will gelegentlich ein geläufiges Wort einfach nicht über die Lippen kommen, weil sie es vergessen haben - und nicht nur bei älteren Menschen fällt uns das auf. Der Alzheimer-Kranke allerdings verwendet völlig widersinnige Worte, sodass das Gesagte unverständlich wird.

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Frühe Diagnose besonders wichtig

Aber nicht jede Vergesslichkeit ist gleich Alzheimer. Deswegen ist die frühzeitige Diagnose von großer Bedeutung: Demenzen, die zu einer anderen Krankheit gehören, sind eventuell heilbar. Wenn der Vergesslichkeit und dem unverständlichen Verhalten allerdings der Name "Alzheimer" gegeben werden kann, verschwindet vielleicht Unverständnis und Unmut über das Benehmen der Angehörigen. Dann können u.a. medikamentöse Maßnahmen ergriffen werden, um die Symptome und die Probleme für den Patienten und seine Angehörigen zu mildern. Immerhin werden an die 70 Prozent der Erkrankten von der Familie betreut.


"Demenz" kann vom Arzt - vom Allgemeinmediziner und vermehrt vom Facharzt für Neurologie und Psychiatrie - ziemlich einfach diagnostiziert werden: Er wird das Auftreten des Patienten beurteilen, seine typischen Beschwerden abfragen und sich ein Bild über seine Gedächtnisleistung machen. Die Aufnahme der Krankengeschichten des Betroffenen und seiner Angehörigen - also ob eine Demenz bereits in der Familie aufgetreten ist - und Fragen nach dem sozialen Umfeld werden die Untersuchung vervollständigen. Internistische Untersuchungen und Laborbefunde sind bei der Abklärung der Beschwerden obligat. Kognitive Test, also die Messung der Gedächtnisleistungen, gehören mit zum Umfang der Erstuntersuchung. Unerlässlich ist die Befragung der Angehörigen, denen die ersten Veränderungen am Angehörigen aufgefallen sind.

Bildgebende Untersuchungen - in diesem Fall Magnetresonanztomographie oder Computertomographie - stellen das Gehirn sichtbar dar. Auf den Bildern lässt sich ablesen, ob das Gehirn des Untersuchten an Volumen abgenommen hat.

Viele krankhafte Befunde passen nicht alleine auf die Alzheimer-Kranheit. Deshalb wird im Laufe der Untersuchungen versucht, alle anderen Krankheiten auszuschließen, um zu einer endgültigen Diagnose zu gelangen. Hier lässt alleine die Summe der Befunde den Schluss auf die endgültige Diagnose zu.


Oberarzt Dr. Huber: "In frühesten Stadien der Erkrankung ist die Diagnose gar nicht immer einfach. 10-20 Prozent aller, die Symptome einer Demenz zeigen, haben gar keine, sondern Erkrankungen körperlicher oder psychischer (z.B. Depression) Natur, die die Hirnfunktion derart beinträchtigen. Werden diese behandelt, verschwinden die Demenzsymptome wieder."

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Medikamente helfen nur bedingt

Medikamente können den Krankheitsverlauf nur verzögern, aufzuhalten ist er nicht. Deswegen ist es auch so wichtig, das die richtige Diagnose so früh wie möglich gestellt wird.


Oberarzt Dr. Huber: "Ist die Diagnose 'Alzheimer' gestellt, ist es - wie bei allen fortschreitenden Leiden - Aufgabe der Beteiligten, die verbleibende Lebenszeit, die bis zu 20 Jahre betragen kann, entsprechend mit Lebensqualität zu erfüllen. Sie sollten alle Maßnahmen, entprechend dem Stadium der Erkrankung, treffen, um dem Patienten und den Pflegern zu helfen und sie zu begleiten."


Mag. Christian Boukal
April 2006

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020