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Morbus Crohn

Morbus Crohn Immer wiederkehrender Durchfall vereint mit Müdigkeit und oft auch Fieber sind nicht immer die Anzeichen eines harmlosen Darminfekts. Sie können auch Symptome einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, des Morbus Crohn, sein.

Verstärkt tritt diese Erkrankung im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter auf. Die Häufigkeit steigt auch nach dem 60. Lebensjahr. In Österreich sind davon etwa 10.000 Menschen betroffen. Dabei sind Teile des Magen-Darm-Traktes entzündet. Die Entzündung kann von der Mundhöhle bis zum After auftreten und betrifft alle Schichten der Darmwand. Am häufigsten sitzt die Erkrankung im Übergangsbereich zwischen Dünn- und Dickdarm. Es können auch mehrere Teile betroffen sein, wobei die entzündeten Teile von gesunden unterbrochen werden. Benannt ist die Krankheit nach dem amerikanischen Magen- und Darmspezialisten Dr. Burrill Bernard Crohn, der sie 1932 erstmals beschrieben hat. Für die Diagnose werden Laboruntersuchungen, Ultraschall, Röntgen und Darmspiegelung herangezogen. „Das Krankheitsbild ist in der Bevölkerung nur wenig bekannt und auch Ärzte ziehen die Möglichkeit eines Morbus Crohn oft erst sehr spät in Betracht. So kommt es, dass von den ersten Symptomen bis zur Diagnosestellung immer noch bis zu drei Jahre vergehen“, stellt OA Friedrich Wewalka, Leiter der Ambulanz für chronisch entzündliche Darmerkrankungen am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz, fest.

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Ursache unbekannt

Die Gründe für eine Erkrankung an Morbus Crohn sind immer noch nicht bekannt. Gesichert ist bislang eine genetische Veranlagung, die sich in einer familiären Häufung widerspiegelt und möglicherweise auch in einer ethnischen Disposition – immerhin erkranken doppelt so viele hellhäutige Menschen als dunkelhäutige an der Krankheit.

Unklar jedoch sind die auslösenden Faktoren, die bei den Betroffenen eine autoaggressive chronische Entzündung des Darms ins Rollen bringt, die zur Entstehung von Geschwüren und Gewebsschwellungen führt, mit Ausbildung typischer mikroskopisch kleiner Granulome – entzündungsbedingter knötchenförmiger Zellanhäufungen, so Wewalka.

Die Krankheit ist nicht ansteckend. Typisch für die Erkrankung ist ein schubhafter Verlauf. Das bedeutet, dass die betroffenen Menschen neben Zeiträumen mit stärkeren Beschwerden auch verschieden lange Phasen erleben, während denen kaum Symptome bestehen und sie ein relativ „normales“ Leben führen können.

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Vermutliche Mechanismen der Krankheitsentstehung

Die intensiven Forschungen der letzten Jahre haben viele Bausteine des Enstehungsmechanismus des Morbus Crohn aufklären können, vieles bleibt aber noch ungelöst. Derzeit geht man davon aus, dass der Darmflora eine entscheidende Rolle zukommt, da sich ohne Darmbakterien keine chronische Entzündung ausbildet. Ein spezieller Erreger liegt aber nach derzeitiger Kenntnis nicht vor. Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Immunsystem des Darms. Dieses reagiert bei allen Menschen auf die Inhaltsstoffe des Darms mit Entzündung, wird aber im Normalfall durch körpereigene entzündungshemmende Substanzen sofort wieder gebremst. Beim Morbus Crohn dürfte dieses Gleichgewicht gestört sein, entweder durch Überwiegen der entzündungsfördernden oder Mangel an entzündungshemmenden Faktoren. Dadurch wird eine chronische Entzündungsreaktion aufrecht erhalten, so der Spezialist.

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Genetische Veranlagung

Mittlerweile sind mehrere Erbfaktoren entdeckt worden, deren Nachweis für ein erhöhtes Risiko an M. Crohn zu erkranken sprechen. Ein Faktor scheint zu sein, dass Genabschnitte verändert sind, die für die Produktion so genannter Defensine verantwortlich sind. Defensine sind eine Art natürliches Antibiotikum, das in Schleimhäuten zur Abwehr von Bakterien vorkommt.

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Barrierestörung

Bei gesunden Menschen ist das Darmlumen – der Hohlraum des Darmschlauchs – gegen das umgebende Gewebe klar und dicht abgegrenzt. Keime und Darminhalt können nicht aus dem Darm heraus. Diese Barriere scheint bei M. Crohn-Erkrankten defekt zu sein. Die Zahl der Zellen der Darmschleimhaut ist herabgesetzt oder sie produzieren zu wenig anti-bakteriellen Schleim.

Durch diesen Defekt können Bakterien in großer Zahl direkt auf die oberste Zellschicht des Darmgewebes und auch direkt in die Darmwand gelangen. Dort rufen sie eine Entzündung hervor, die die Barriere noch weiter schädigt. So entsteht ein Teufelskreis, der die Entzündung immer weiter anfacht.

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Mögliche andere Ursachen

Welche Umweltfaktoren in Gesellschaften mit hohen hygienischen Standards zur verbreiteten Entwicklung von M. Crohn führen, ist noch nicht geklärt. Es gibt Hypothesen nach denen Seifen, Weichmacher oder Emulgatoren dazu beitragen, die Darmwand zu schädigen. Beweise dafür existieren jedoch nicht, so Wewalka.

Die frühere Annahme, dass raffinierter Zucker die Entstehung von M. Crohn begünstigt, wird heute als nebensächlich betrachtet. Auch sonst konnte bisher für kein spezielles Nahrungsmittel ein ursächlicher Zusammenhang mit der Entstehung von Morbus Crohn gefunden werden. Viele M. Crohn-Patienten weisen aber auf Grund ihrer Erkrankung Nahrungsmittelunverträglichkeiten und eine generell verminderte Nahrungsverwertung auf.

Psychische Auffälligkeiten werden heute auch eher als Folge, denn als Ursache der Krankheit gesehen.

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Risikofaktoren

Raucher haben ein doppelt so hohes Risiko an Morbus Crohn zu erkranken wie Nichtraucher. Auch das Rauchen aufgeben, wirkt sich in der Regel günstig auf den Krankheitsverlauf aus. Zudem wird das Risiko nach einer Operation erneut zu erkranken, ohne Rauch gesenkt.

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Symptome

Morbus Crohn beginnt meist im jungen Erwachsenenalter. Erste Anzeichen sind Müdigkeit, Bauchschmerzen und Durchfall, der von krampfhaften Schmerzen und Blutabgängen begleitet sein kann. Hinzu kommen bisweilen Fieber, Gewichtsverlust, und entzündliche Veränderungen am After bis hin zu Fistelbildungen. Allerdings muss nicht immer Durchfall im Spiel sein, was dann die Diagnosestellung meist noch mehr verzögert.

Die Darmentzündung kann aber auch Symptome weit entfernt vom Darm bedingen. Am häufigsten sind Gelenke betroffen. Hautveränderungen oder Entzündungen der Augen können ebenfall die Folge von M. Crohn sein.

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Therapie

Die Therapie des M. Crohn teilt sich in die Behandlung des akuten Entzündungsschubs und der „Remissionserhaltung“. Darunter ist die Verlängerung der „entzündungsfreien“ Zeit zu verstehen. Die medikamentöse und operativen Behandlungsansätze ergänzen einander. Generell wird versucht, die Entfernung von Darmsegmenten zu vermeiden. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen aber, dass fast 90 Prozent der Betroffenen im Lauf ihrer Erkrankung operiert werden müssen, berichtet der Spezialist. Situationen, in denen ein chirurigischer Eingriff unvermeidlich wird, sind Fisteln, Abszesse, Stenosen (vernarbten Engstellen) oder lebensbedrohlichen Komplikationen, wie Darmverschluss oder –perforation und schweren Blutungen.

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Therapie des akuten Schubes

Die Behandlung eines akuten Krankheitsschubes hat das Ziel, die Symptome des Patienten soweit zu bessern, dass er wieder ein weitgehend normales Leben führen kann. Dies geschieht vorrangig über die Reduktion der Entzündung, wodurch dann auch der Durchfall gestoppt wird. Die Wahl der Medikamente hängt sehr stark von der Krankheitsaktivität ab. Substanz der ersten Wahl sind Glukokortikoide – Kortison und andere Nebennierenprodukte –, die sehr starke entzündungshemmende Wirkung haben. Sie führen selbst bei schwersten Schüben noch bei der Hälfte aller Patienten zu einer Besserung der Symptome. Falls Kortison nicht ausreichend wirkt, müssen hochspezifische moderne Medikamente eingesetzt werden, die gezielt die Entzündungsvorgänge blockieren. Diese sogenannten Biologika sind Produkte der jüngsten Forschungen und stellen für viele Patienten den letzten Rettungsanker dar, so Wewalka. Trotzdem kann es bei schweren Fällen unerlässlich sein, betroffene Darmabschnitte chirurgisch zu entfernen.

Eine entsprechende Diät mit ballaststoffarmer Flüssignahrung kann Symptome während eines schweren Schubs lindern.

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Remissionserhaltung

Da das Risiko eines Wiederaufflammens der Erkrankung nach Behandlung eines Schubes sehr hoch ist, benötigen Patienten mit hoher Krankheitsaktivität eine sogenannte Rezidivprophylaxe. Kortison ist dafür aufgrund seiner schädigenden Langzeitwirkungen ungeeignet. Für eine remissionserhaltende Therapie kommen daher vor allem Immunsuppressiva zum Einsatz. Sie unterdrücken Funktionen des Immunsystems, die sich gegen den eigenen Körper richten.

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Ernährung

Eine gezielte Diät für den M. Crohn gibt es nicht. Grundsätzlich sollte leichte vitaminreiche Vollkost bevorzugt werden: Fettarme Milchprodukte, Kartoffeln, Reis, Nudeln und leicht verträgliche Gemüsesorten wie Karotten, Fenchel, Paradeiser oder Erbsen. Auf Obst und Salat braucht nicht verzichtet zu werden. Alles was vertragen wird, darf auch gegessen werden. Es gibt keine Nahrungsmittel, die zu einer Verstärkung der Entzündung führen. Unverträglichkeiten gewisser Speisen gibt es aber sehr wohl, wodurch Beschwerden auftreten können. Die Erkrankten finden selbst sehr schnell heraus, welche Produkte sie besser vertragen als andere.

Während eines akuten Schubs muss manchmal auf flüssige, möglichst gut resorbierbare, wenig belastende Kost umgestellt werden. Hierfür eignet sich am besten „bilanzierte Trinknahrung“, so genannte Astronautenkost, stellt Wewalka fest.

Nach dieser Akutversorgung muss der Verdauungstrakt wieder an normale Kost gewohnt werden. Dazu wird mit leichverdaulichen, kohlenhydrathaltigen Lebensmitteln begonnen, anschließend kommen eiweiß- und fetthaltige Speisen dazu.

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Prognose

Morbus Crohn ist nicht heilbar. Aber Morbus Crohn ist keine bösartige Erkrankung und verkürzt auch nicht die Lebenserwartung. Der Verlauf von M. Crohn ist allerdings nicht vorauszusagen. Der Betroffene muss sein Leben lang mit wiederkehrenden Symptomen rechnen, wodurch die Lebensqualität stark eingeschränkt wird.


Die Entwicklung immer neuer Behandlungsformen könnte aber den Crohn-Kranken schon in näherer Zukunft ein besseres Leben bescheren und möglicherweise den natürlichen Krankheitsverlauf günstig beeinflussen, macht der Spezialist den Betroffenen Hoffnung.


Mag. Christian Boukal
August 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015