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Morbus Bechterew: Neue Therapien

Morbus Bechterew_Neue TherapienNeue Therapien und Diagnoseverfahren bei Morbus Bechterew. Er verursacht Schmerzen und eine steife Wirbelsäule, kann nicht verhindert werden und ist unheilbar. Trotzdem: Wer an Morbus Bechterew erkrankt ist, kann dank neuer Diagnoseverfahren und moderner Therapien ein verhältnismäßig „normales“ Leben führen.

Morbus Bechterew, medizinisch Spondylitis ankylosans, ist keine Zivilisationskrankheit. Wie in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia nachzulesen ist, wurde die Verknöcherung von Gelenken und Sehnenansätzen als Hinweis auf eine derartige Erkrankung bereits an einer 5.000 Jahre alten ägyptischen Mumie entdeckt. Benannt wurde die Krankheit (lateinisch morbus) nach Wladimir Michailowitsch Bechterew. Der 1927 im Alter von 70 Jahren gestorbene russische Neurologe, Neurophysiologe und Psychiater beschrieb die Wirbelsäulenerkrankung zwar nicht als Erster, lieferte aber eine im deutschen Sprachraum besonders beachtete Beschreibung.


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Zwei Drittel Männer

Typisch für die chronisch rheumatische Erkrankung ist die Versteifung der Wirbelsäule. Die Folge davon ist die Unfähigkeit, sich zu bewegen. Alltägliche Dinge wie Socken anziehen, von einem Stuhl aufstehen, über die Schulter nach hinten schauen oder etwas vom Boden aufheben werden alleine fast unmöglich.

„Morbus Bechterew ist die bekannteste Form der Spondylarthritis, der Wirbelsäulenentzündung, und die einzige mit extremer Verknöcherung“, erklärt Oberärztin Dr. Ulrike Stuby, Rheumatologin am Linzer AKh. „Er kann aber auch Gelenke an Armen und Beinen sowie innere Organe wie die Augen betreffen.“

In Österreich leiden 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung an Morbus Bechterew, zwei Drittel davon sind Männer. Aber warum erkrankt man überhaupt daran? Dazu die Expertin: „Als Ursache wird eine genetische Veranlagung angenommen. Häufig gibt es auch ähnliche Erkrankungen in der Familie. Allerdings ist es nicht die Regel, dass Morbus Bechterew auch bei den Kindern ausbricht.“ Ein Großteil der Erkrankten weist zudem einen besonderen Oberflächenmarker an weißen Blutzellen auf, das HLA-B27. Was aber noch lange nicht heißt, dass dieser Marker schuld an der Krankheit ist. „Über 90 Prozent der HLA B27-Positiven bleiben gesund. Rund zwei bis fünf Prozent erkranken an Morbus Bechterew. Als Auslöser werden bei ihnen Umweltereignisse wie zum Beispiel Infekte angenommen“, so Stuby. Einen diesbezüglichen Bluttest im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung hält sie auf Grund der extrem geringen Fallzahlen
für nicht sinnvoll.

Verhindern lässt sich die Krankheit nicht. In fast allen Fällen bricht sie vor dem 40. Lebensjahr aus, oft bereits im Jugendalter. Auf Morbus Bechterew tippen dabei die wenigsten, denn: „Die ersten Beschwerden bessern sich oft durch die Einnahme von Schmerzmitteln“, erklärt die Rheumatologin. „Daher dauert es bis zur Diagnose meistens mehrere Jahre.“

Zu den charakteristischen ersten Anzeichen des Morbus Bechterew zählen stundenlange Schmerzen im Rücken und in den Kreuzdarmbeingelenken, die vor allem in Ruhelage auftreten und sich nur bei Bewegung bessern. „Typischerweise müssen die Betroffenen wegen dieser entzündlichen Schmerzen in den frühen Morgenstunden das Bett verlassen. Morgens besteht eine lange und deutliche Steifigkeit“, erläutert die Medizinerin.

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Schmerzschübe

Treten diese Beschwerden auf, sollte ein Facharzt für Rheumatologie aufgesucht werden. Im Vergleich zu früher kann Morbus Bechterew heute bereits im Frühstadium diagnostiziert werden. „Entzündungen in den Wirbelgelenken werden durch entsprechende Magnetresonanz-Untersuchungen sichtbar“, so Stuby. „Auf Röntgenbildern wird die Krankheit erst dann entdeckt, wenn bereits die Wirbel verknöchert sind.“ Ist die Diagnose unklar, wird das Blut auf HLA B27 untersucht.

Der chronisch fortschreitende Verlauf von Morbus Bechterew kann von Schmerzschüben, aber auch von längeren schmerzfreien Phasen unterbrochen werden. Patienten werden in allen Abschnitten der Wirbelsäule zunehmend steif. Die Aktivität der Krankheit nimmt jedoch mit dem Alter ab.

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Bewegungsprogramm

Morbus Bechterew: Neue TherapienMit modernen Therapien und Bewegungsprogrammen kann die Krankheit zwar nicht gestoppt werden, aber: „Meist gelingt es, das Fortschreiten der Versteifungen zu verlangsamen, die Schmerzen deutlich zu bessern und damit eine adäquate Lebensqualität zu erreichen“, betont Stuby. Sogenannte Aufrichteoperationen, wie sie früher gemacht wurden, werden heutzutage nicht mehr durchgeführt, sagt die Medizinerin: „Erstens ist es ein sehr großer Eingriff und zweitens passen sich die meisten Betroffenen erstaunlich gut an ihre Behinderung im Alltagsleben an und gehen das Risiko einer Operation nicht gerne ein.“

An Medikamenten kommen für Morbus-Bechterew-Erkrankte nicht cortisonhältige Entzündungshemmer – sogenannte NSAR –in Frage. „Diese reduzieren rasch die Schmerzen und verbessern die Beweglichkeit. Möglicherweise verhindert ihre regelmäßige Einnahme auch die Verknöcherungen“, erklärt die Expertin. „Bechterewpatienten sind die Einzigen, bei denen der regelmäßige, auch über Jahre dauernde Einsatz dieser Medikamente gerechtfertigt ist. Nur wer mit diesen Medikamenten nicht das Auslangen findet oder andere Probleme hat, kommt für eine Therapie mit TNF-Blockern in Frage.“ Dabei handelt es sich um Biologika. Das sind Substanzen, die biotechnologisch hergestellt werden und die Entzündungsprozesse und damit Schmerzen blockieren. „Unbedingt müssen Patienten aber in allen Phasen der Erkrankung ein regelmäßiges Bewegungsprogramm durchführen. Unterstützend wirken Kuraufenthalte“, betont die Rheumatologin. „Bei Morbus Bechterew wirkt die Reparaturmedizin nicht. Die besten Behandlungsergebnisse werden durch den richtigen Umgang mit der Krankheit erzielt. Dazu zählen die regelmäßige Durchführung von Bewegungsprogrammen und die Einnahme von Medikamenten.“

Morbus Bechterew kann für Betroffene auch zu Problemen am Arbeitsplatz führen. „Verschiedene Berufe wie Koch können nicht mehr ausgeübt werden. Zudem können Patienten oft nicht durchschlafen und sind physisch und psychisch ausgezehrt. Ziel der intensiven und konsequenten Therapien ist daher auch die Erhaltung der Berufsfähigkeit“, erklärt Ulrike Stuby. „Sehr hilfreich bei der Bewältigung der Krankheit ist zudem die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe.“

Cornelia Schobesberger
Juli 2011

Foto: Bilderbox, shutterstock, privat

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Kommentar

Morbus Bechterew: Neue Therapien„Der persönliche Umgang mit der Erkrankung bestimmt das Schicksal des Patienten. Morbus Bechterew ist zwar nicht heilbar, aber sehr gut zu behandeln. Dabei hängt das Ausmaß des Erfolges vom Einzelnen ab.“
Oberärztin Dr. Ulrike Stuby
Rheumatologin am Linzer Allgemeinen Krankenhaus

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020