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Frauen dosieren Medikamente anders

Frauen dosieren Medikamente andersFür eine Narkose vor einer Operation, wird die nötige Dosis für den Patienten individuell bestimmt. Dabei wird auch auf das Geschlecht Rücksicht genommen. Was bei der Anästhesie ganz normal ist, gilt für Medikamente aus der Apotheke nur bedingt. Die Verträglichkeit von Medikamenten – und auch die Nebenwirkungen – wurde bis 1993 nur an Männer mit einem durchschnittlichen Gewicht von 75 Kilo getestet.

Dass Männer und Frauen in Körperbau und Physiologie anders sind, ist eine alte Weisheit. Dass aber Frauen Medikamente verordnet bekommen, deren angemessene Dosis niemals für sie festgestellt wurde, muss nicht sein. Bis 1993 wurde den geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Erprobung von Medikamenten keine Beachtung geschenkt.
 

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Kleiner Unterschied – ganz groß

Im Zentrum der Veranstaltung „Fehldiagnose Frau“ im AKh Linz am 28. April 2009 stand die Tatsache, dass der vermeintlich kleine Unterschied zwischen Mann und Frau so klein gar nicht ist. Frauen tragen andere gesundheitliche Risiken als Männer, zeigen andere Krankheits-symptome und sogar Medikamente wirken bei Frauen anders als bei Männern. Das bestätigen Forschungen, stellte Mag. Dr. Anna Maria Dieplinger, Leiterin des AKh-Sozialdienstes, bei der Tagung fest.

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Unterschiedliches Gesundheitsbewusstsein

Dabei unterscheiden sich die Geschlechter aber auch hinsichtlich ihres Gesundheitsverhaltens und -bewusstseins, ihres Krankheitsspektrums und der Art ihrer Krankheitsbewältigung. Die Ursachen für diese Unterschiede finden sich einerseits in den jeweiligen biologisch-anatomischen Voraussetzungen, andererseits aber auch ganz wesentlich in den unterschiedlichen Geschlechtsrollen und sozio-kulturellen Rahmenbedingungen, stellte Dieplinger fest. So zeigten Befragungen, dass Frauen für Erwerbs- und Hausarbeit sowie Kinderbetreuung wöchentlich rund 65 Stunden aufwenden, während Männer nur auf 45 Wochenstunden kommen. Dazu kommt, dass Gesundheit auch von sozialen Faktoren determiniert ist: Bildung, Erziehung und Einkommen spielen ein große Rolle. 

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Andere Sicht der Gesundheit

In der subjektiven Bewertung der Gesundheit sind sich die Geschlechter in etwa gleich. Beim persönlichen Erleben von Belastungen sehen sich Frauen aber eher von Kreislaufproblemen, Müdigkeit und Schwäche angegriffen. Sie sind zwar gesundheitsbewusster, ernähren sich gesünder und bewegen sich mehr als Männer, allerdings sind sie ängstlicher und gehen öfter zum Arzt. Frauen rauchen weniger und trinken weniger Alkohol, dafür nehmen sie mehr Medikamente als Männer, so Dieplinger.
Frauen gestehen sich Krankheiten nicht so schnell wie Männer zu: Sie finden immer wieder Ausreden oder schreiben Beschwerden momentanen, kurzzeitigen Belastungen zu. Männer und Frauen haben also unterschiedliche Strategien (Coping-Strategie) und Bewältigungsmuster, um Krankheiten zu verarbeiten. Frauen nehmen auchRehabilitationsmaßnahmen weniger in Anspruch als Männer und haben schlechtere Heilungsprognosen nach medizinischen Interventionen. 

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Zauberwort „Gender-Medizin“

Als Abhilfe wurde in der Tagung die Umsetzung der „Gender.Medizin“ vorgeschlagen. Diese noch sehr junge Forschungsdisziplin sollte bereits in die Ausbildung in allen Gesundheitsberufen einbezogen werden, forderte Dieplinger. Gleichbehandlung von Mann und Frau im Gesundheitsbereich bedeute eben nicht, dass beiden Geschlechtern gleiche Behandlung und gleiche Medikamente verordnet werden – sie reagieren ja auch unterschiedlich auf gleiche Mittel.
Unter den Prämissen der Gender-Medizin muss berücksichtigt werden, ob Frauen und Männer bei gleichen Erkrankungen auch gleich behandelt werden müssen, ob Medikamente bei beiden gleich wirken und ob Frauen in Arzneimittelstudien auch ausreichend miteinbezogen wurden. 

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Warum „Gender-Medizin“?

Die Notwendigkeit einer geschlechtsspezifischen Sicht auf Erkrankungen ergibt sich aus den Tatsachen, dass Frauen zum Beispiel häufiger an unentdeckten Herzinfarkten und Schlaganfällen sterben. Hingegen sind sie die Hauptkonsumenten von Schmerz- und Beruhigungsmitteln, obwohl sie Präventionsangebote mehr in Anspruch nehmen als Männer.

Verdauung:
Weil die Produktion der Gallensäure dem hormonellen Einfluss unterliegt, haben Frauen ein doppelt so hohes Risiko an Gallensteinen zu leiden.
Frauen leiden sechs Mal häufiger an Reizdarmerkrankungen und bekommen schneller Magengeschwüre.Während der Menstruation ist ihr Speichel mit mehr Glucose angereichert. Das führt zu mehr Entzündungen und Zahnproblemen. Frauen im Alter zwischen 35 und 44 Jahren fehlen im Schnitt 2,4 Zähne, Männern nur zwei Zähne.

Herz:
Weil die Speiseröhre der Frau kürzer ist, werden Herzbeschwerden öfter als Magenschmerzen gedeutet.
Frauen kommen im Schnitt eine halbe Stunde später in die Klinik als Männer. Unter diesem Zeitdruck werden Frauen eher „alte“, aber bewährte Herzschrittmachern implantiert als die neueste Technologie, die einer aufwendigen Vorbereitung bedarf.
Frauen tragen auch ein 2,5- bis 3-fache höheres Risiko, an Komplikationen nach Bypass-Operationen zu sterben als Männer. Sie verbleiben auch länger auf der Intensivstation. 

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Gender Friendly Hospital

Um diesen Schwierigkeiten begegnen zu können hat das AKh Linz unter der Leitung von Dieplinger WHO-Leitlinien für ein „Gender Friendly Hospital“ ausgearbeitet.
Das beginnt mit einer geschlechtsspezifischen Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bereich der Gesundheitsberufe. Geschlechtssensibler Umgang, Respekt und Rücksicht auf psychosoziale Lebenswelten der Patienten, bedarfsgerechte Kranken- und Gesundheitsversorgung, Geschlechtsspezifische Gesundheitsförderung sowie individuelle Beratung, Information und Aufklärung sind weiter Leitlinien zu einem „Geschlechts-freundlichen Spital“.
Eine Kooperation mit Institutionen außerhalb des Krankenhauses – zum Beispiel Frauen Gesundheitszentrum, Frauenforum oder Männerberatungsstellen – komplettieren das Angebot zur geschlechtspezifischen Kranken- und Gesundheitsversorgung.

Mag. Christian Boukal
Mai 2009

Foto: Bilderbox 

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020