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Heilpflanzen: Gefahr für Krebstherapie

Heilpflanzen_Gefahr für KrebstherapiePräparate aus der Phytotherapie oder aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) sind bei Krebspatienten beliebt. Doch manche Mittel können die Wirkung der Tumortherapie gefährden.

Alle Methoden der Krebsbehandlung wie Operation, Strahlen- Chemo-, Hormon- und biologische Therapie (Immuntherapie) sind sehr wirksam darin, die schnell wachsenden Krebszellen im Körper abzutöten. Leider sind damit oft auch starke Nebenwirkungen wie Erbrechen, Durchfall, Haarausfall, Mundtrockenheit, Geschmacksstörungen und starke Abmagerung (Kachexie) verbunden.

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Komplementärmethoden

Um die Nebenwirkungen zu lindern, kommen auch komplementärer Methoden etwa aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zum Einsatz. „Die Phytotherapie, also die Heilbehandlung mit Pflanzen, bietet in diesem Bereich Möglichkeiten“, erklärt OA Priv.-Doz. Dr. Holger Rumpold, Facharzt für Hämatologie und internistische Onkologie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. „Trotzdem muss immer abgewogen werden, ob der Einsatz von Komplementär-Medizin sinnvoll ist und der Therapie-Effekt, wie aktuelle Studien belegen, nicht negativ beeinflusst wird.“

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Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste

Bei manchen komplementärmedizinische Maßnahmen, gerade aus dem Bereich der Phytotherapie, liegen bis heute nur wenige Daten aus kontrollierten klinischen Studien vor, die Unbedenklichkeit und Wirksamkeit nach wissenschaftlichen Kriterien belegen könnten. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf. Ausdrücklich zu warnen ist vor „alternativen Therapien“ und Außenseitermethoden – also nicht auf Qualität, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit geprüften Diagnostik- und Therapieverfahren, die zuweilen fälschlich mit der Komplementärmedizin in Verbindung gebracht werden“, sagt der Onkologe. „Da, wo die Komplementärmedizin sinnvoll und nicht kontraproduktiv ist, kann sie angewandt werden.“

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Entzündungshemmend: Ananas

So kann eine Nebenwirkung einer Strahlrntherapie eine akute Entzündung und Geschwürbildung der Mundschleimhaut sein. Bei dieser quälenden Mukositis ist das Lutschen von gefrorenen Ananasstückchen hilfreich. Die Frucht, die durch ihre Säuren in aufgetautem Zustand auf der Schleimhaut unerträglich brennen würde, bringt im gefroren Zustand Linderung. Dabei wirkt das Ananas-Enzym Bromelain entzündungshemmend sowie abschwellend und das Eis im Sinne einer Kryotherapie (gezielter Einsatz von Kälte für therapeutische Zwecke).

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Vorsicht vor Empfehlungen

Gerade onkologische Patienten wollen auch ihren eigenen Beitrag zur ihrer Genesung leisten und manche „verordnen“ sich selbst pythotherapeutische Produkte und zwar ohne das Wissen ihres behandelnden Arztes. Auch Leidensgenossen oder besorgte Familienmitglieder geben mit der Bemerkung. „Das hat mir so gut getan, oder ich habe gelesen …“ gut gemeinte Ratschläge.
„Pflanzliche Mittel haben den Ruf nicht schädlich, natürlich und daher unbedenklich zu sein. Das stimmt aber nicht“, gibt Rumpold zu bedenken. „Nicht beachtet wird dabei, dass auch natürliche Substanzen eine gewisse Wirkung haben, die ebenso wie chemische Arzneimittel zu Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen können.“

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Wechselwirkung

Gerade im Zusammenhang mit Krebserkrankungen sind unerwünschten Interaktionen hochproblematisch, denn einige Heilpflanzen-Präparate können die Pharmakokinetik und Pharmakodynamik von Krebstherapeutika erheblich beeinflussen.
Die Pharmakokinetik beschreibt, was der Organismus mit einem Arzneimittel tut. Die Pharmakodynamik, was ein Arzneimittel mit dem Organismus macht, also seine molekularen Wirkungsmechanismen, biochemischen und physiologischen Effekte.

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Johanniskraut

Nachdem Krebskranke einer hohen seelischen Belastung ausgesetzt sind, glaube sie, durch die Einnahme von Johanniskrautprodukten ihrer Psyche etwas Gutes zu tun, denn das „Johanniskraut bringt wärmende Sonnenstrahlen in depressive Gemüter“ betonte schon Paracelsus.
Aber: Johanniskraut reduziert enorm die Bioverfügbarkeit der Zytostatika Irinotecan (Einsatz u.a. bei Darmkrebs) und Imatinib (u.a. bei chronischer myeloischer Leukämie). „Der Begriff Bioverfügbarkeit beschreibt die Menge eines Wirkstoffes, die nach der Zirkulation im Blut und einem eventuellem Abbau am eigentlichen Wirkungsort – in diesem Fall der Krebszelle – ankommt, um dort die gewünschte Wirkung zu entfalten“, erklärt Rumpold.
„So wurde in klinischen Untersuchungen die Bioverfügbarkeit von Imatinib um durchschnittlich 30 Prozent und diejenige von Irinotecan sogar um 41 Prozent vermindert, wenn gleichzeitig hyperforinhaltige Johanniskrautpräparate gegeben wurden“, stellt Priv.-Doz. Dr. Matthias Unger vom Institut für Pharmazie und Lebensmittelchemie der Universität Würzburg, in der Zeitschrift „Forschende Komplementärmedizin“ klar.

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Transporthelfer

Arzneistoffe müssen auf ihrem Weg durch den Organismus mehrere zelluläre Barrieren überwinden. Diese Aufgabe übernehmen unter anderem Transportproteine.
Der am besten untersuchte ABC-Transporter ist P-Glykoprotein (P-GP), das beim Menschen vor allem in der Dünndarmschleimhaut, der Leber und der Niere, aber auch in Pankreas, Herz, Gehirn, allerdings auch in Krebszellen vorkommt. „Die Überexpression von P-GP in Tumorzellen ist eine wichtige Ursache für das verminderte Ansprechen auf Zytostatika, die so genannte Multidrug Resistance“, so Rumpold.
Die Blut-Hirn-Schranke schützt unsere „grauen Zellen“ vor im Blut zirkulierenden Krankheitserregern, Toxinen und Botenstoffen. Sie ist ein hochselektiver Filter, über den die vom Gehirn benötigten Nährstoffe zugeführt und die entstandenen Stoffwechselprodukte abgeführt werden.
Das P-Glykoprotein spielt es eine wichtige Wächterfunktion bei der Blut-Hirn-Schranke. Es zählt zu den Membranproteinen, das Substanzen den Weg zu den Zellen versagt oder aus den Zellen hinausfördert. Dabei kann es durch pharmakologische Interaktionen sowohl gehemmt als auch verstärkt werden

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Vergiftung der Nervenzellen

Eine Hemmung des P-Glykoprotein kann zu einer ausgeprägten Neurotoxizität, zur Vergiftung der Nervenzellen, führen. Wenn die Wirkstoffe einer Chemo zwar den Hirntumor erreichen, aber nicht mehr abtransportiert werden, liegt eine Überdosierung vor. Während eine Induktion (Verstärkung des Proteins) zu einer verminderten Arzneimittelstoffkonzentration im Gehirn führen kann. Die Chemo kann nicht im gewünschten Ausmaß zum Hirntumor vordringen. Trotz verschlechterter Bioverfügbarkeit muss der Patient trotzdem die unangenehmen Nebenwirkungen der Chemotherapie ertragen.

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Katalysator ausgebremst

Der Mensch verfügt über rund 60 verschiedene Hämproteine namens Cytochrom-P450 (CYP), die zum Beispiel in Leberzellen vorkommen. Diese Enzyme katalysieren den Stoffwechsel vieler Arzneimittel. Besonders bedeutend ist hierbei das Enzym CYP3A4, das 50 bis 70 Prozent aller Arzneistoffe metabolisiert. Das heißt, es wandelt die Stoffe so um, dass sie vom Organismus besser aufgenommen, beziehungsweise ausgeschieden werden können. Das Enzym CYP3A4 metabolisiert auch die Zytostatika Irinotecan und Imatinib.
Grapefruitsaft, Kanadischer Gelbwurzel und Schisandra-Spezies (in der chinesischen Medizin: Wu Wei Zi) können die positiven Eigenschaften dieser Enzyme mindern und damit massiv den Therapieerfolg beeinträchtigen.
„Zubereitungen aus der Wurzel der Kanadischen Gelbwurz steigern einerseits die Toxizität von Irinotecan und Imatinib, sie können andererseits die Wirkung von Tamoxifen, ein Antiöstrogen-Wirkstoff gegen Brustkrebs, fast gänzlich aufheben“, warnt Rumpold,

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Immer erst dem Arzt fragen

„Deshalb ist es wichtig“, betont Rumpold, „jedes Medikament immer nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt, bei Krebspatienten dem Onkologen, zu nehmen. Er kennt die pharmakologische Wechselwirkung der einzelnen Substanzen. Denn nur so kann der optimale Therapieerfolg erzielt werden. Eine komplementäre Therapie ohne Nebenwirkungen ist übrigens Sport, denn hier werden die Selbstheilungskräfte mobilisiert. Motto: Laufen Sie dem Krebs davon!“

Elisabeth Dietz-Buchner

März 2012

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020