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HIV: Auf dem Weg zur chronischen Krankheit

HIV: Auf dem Weg zur chronischen Krankheit Eine HIV-Infektion ist noch immer nicht heilbar. Doch bei frühzeitiger und konsequenter antiretroviraler Therapie bestehen gute Chancen auf ein langes Leben ohne schwere Erkrankungen.

Mittlerweile stehen rund 25 antivirale Medikamente oder Wirkstoffkombinationen zur Auswahl, die allesamt zur Bekämpfung von HI-Viren eingesetzt werden. Antiretrovirale Therapie nennt sich die moderne Behandlungsform, die aus einer Kombination von mindestens drei verschiedenen Wirkstoffen besteht.

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Antiretrovirale Therapie

Durch die Therapie können sich die HI-Viren nicht mehr vermehren, es kommt zu einer drastischen Reduktion der Viren im Blut. „Binnen Wochen wird die Virusmenge bei den meisten Patienten unter die Nachweisgrenze gesenkt“, sagt OA. Dr. Wolfgang Prammer, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie am Klinikum Wels-Grieskirchen.
Je früher eine Diagnose erfolgt und darauf basierend eine Therapie einsetzen kann, desto größer sind die Erfolgsaussichten einer Behandlung. „Ein Viertel der Patienten kommt sehr spät in Behandlung. Hier sind die Überlebensraten geringer. Wird erst nach Jahren der Infizierung diese erkannt, ist das Immunsystem bereits sehr geschwächt und es kann sich oft nicht mehr ganz erholen“, sagt Prammer. Je schwächer das Immunsystem, desto geringer die Lebenserwartung. Ist das Abwehrsystem noch nicht irreversibel geschädigt, wird es durch die antiretrovirale Therapie entlastet und kann sich mit der Zeit erholen. Wird das Immunsystem stabilisiert, kann der Ausbruch von AIDS viele Jahre hinauszögert oder ganz verhindert werden. Der Lebenszeitraum wird dadurch um Jahre oder gar Jahrzehnte verlängert.
Eine Therapie umfasst auch eine regelmäßige Kontrolle des Gesundheitszustands. Kontrolliert wird auch, ob und wie die Medikamente noch wirken, oder ob die Therapie umgestellt werden muss. Idealerweise wird diese Kontrolle alle drei Monate durchgeführt. Amerikanische Therapierichtlinien empfehlen aktuell, jede HIV-positive Person einer medikamentösen Therapie zuzuführen. In Österreich werden bereits 90 Prozent der HIV-Patienten therapiert. „Jene 10 Prozent, deren Immunsystem nachweislich sehr gut intakt ist, bekommt derzeit noch keine Therapie“, so Prammer.

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Nebenwirkungen

Auch wenn die Medikamente immer besser werden und die Nebenwirkungen sukzessive reduziert werden, so greift die Therapie doch in den Stoffwechsel der Patienten ein. Mögliche Nebenwirkungen sind:

  • zu Therapiebeginn häufig Übelkeit und Kopfschmerzen
  • Schwindel, Durchfall, Hautausschlag
  • Probleme mit den Nieren, der Leber und Knochenschwund
  • erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Lipodystrophiesyndrom: Das Fettgewebe an Armen, Beinen und im Gesicht nimmt ab, während es sich an Bauch und Nacken ansammelt. „Dieses früher so häufig aufgetretene Syndrom ist heute dank neuer Medikamente aber kaum mehr ein Problem“, sagt der Mikrobiologe.

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Von einer tödlichen zu einer chronischen Erkrankung

Ob die Infektion mit dem HI-Virus heute noch eine tödliche Erkrankung darstellt oder eher eine chronische Erkrankung ist, beantwortet Dr. Prammer so: „Die Infizierung mit dem HI-Virus ist zwar weiterhin tödlich in dem Sinn, dass man an den typischen Folgeerkrankungen sterben kann. In Österreich etwa sterben rund 30 Personen im Jahr an AIDS. Sie sterben aber nicht am Virus selbst, sondern an Erkrankungen, die infolge des zerstörten Immunsystems auftreten.“ Solche Aids-spezifische Erkrankungen sind Lungenentzündung, verschiedene Krebserkrankungen, Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems. Wenn man jedoch vor Ausbruch einer solchen Krankheit eine medikamentöse Therapie bekommt und diese einhält, dann bedeutet eine HIV-Infektion, dass man eine chronische Erkrankung hat, die mit Medikamenten meist gut beherrschbar ist.
Voraussetzungen, um in diesem Zusammenhang von einer chronischen Erkrankung zu sprechen, sind:

  • Die HIV-Infektion muss als solche erkannt, also diagnostiziert werden.
  • Der Patient ist in kompetenter ärztlicher Behandlung und befolgt den Therapieplan.
  • Der Patient verträgt die HIV-Medikamente und die Nebenwirkungen sind tolerabel.
  • Die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Therapie wird mittels Laboruntersuchungen des Blutes regelmäßig kontrolliert.

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Konsequente Medikamenteneinnahme

Voraussetzung, um die HI-Viren dauerhaft in Schach zu halten, ist die strikte, tägliche Einnahme der verordneten Medikamente. Diese stabilisieren das Immunsystem und senken die Wahrscheinlichkeit, dass die befürchteten Aids-Krankheiten ausbrechen, auf ein Minimum. Werden die Medikamente jedoch abgesetzt, vermehren sich die Viren explosionsartig. Wer also die Medikamente nicht oder nur unregelmäßig nimmt, schädigt sein Immunsystem, wodurch das Risiko einer tödlichen Folgeerkrankung steigt.
Nach heutigem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen die Medikamente ein Leben lang eingenommen werden. (oder zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein echtes Heilmittel gefunden wird. Nicht alle Infizierten nehmen eine Therapie in Anspruch. „Einige Patienten verweigern eine Behandlung. Gründe sind etwa Drogenabhängigkeit, und manche glauben einfach nicht, was die Ärzte sagen“, so Prammer.

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Resistenzen bereiten Probleme

Bei unregelmäßiger Medikamenteneinnahe besteht zudem die Gefahr, dass resistente HI-Viren entstehen. Resistenz bedeutet, dass die Viren unempfindlich gegen das entsprechende Medikament werden. Die Konsequenz: Die Therapie muss umgestellt werden. Umso mehr Resistenzen entstehen, umso schwieriger wird es, geeignete Medikamente zu finden, die im Einzelfall helfen.

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Therapie vermindert Ansteckungsrisiko

Eine gut wirksame antiretrovirale Therapie hilft nicht nur, die Erkrankung in Schach zu halten, sie ist auch ein wirksames Präventionsmittel gegen die Übertragung der Viren, da sie das Ansteckungsrisiko stark vermindert. „Werden die Viren unter die Nachweisgrenze gedrückt, bedeutet das, dass man wahrscheinlich nicht mehr ansteckend ist. Man kann daher andere Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr infizieren“, sagt Prammer. Studien an Paaren würden belegen, dass es bei diesen zu keiner Ansteckung gekommen sei. Da aber ein Restrisiko bleibt, sollte man beim Geschlechtsverkehr unbedingt Kondome benützen, dann tendiert das Ansteckungsrisiko gegen Null.

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Keine Heilung

Neue Medikamente haben die Lebenserwartung und Lebensqualität von Menschen mit HIV und AIDS in den letzten Jahren zwar erheblich verbessert, ein echter Durchbruch ist aber nicht in Sicht. Man kann heute das Virus zwar meist gut unterdrücken, bei vorhandener Infektion bleibt es aber trotz Therapie im Körper vorhanden. Eine echte Heilung im Sinn einer völligen Eliminierung einer HIV-Infektion bleibt vorläufig eine unerfüllte Hoffnung. „Auch eine Impfung gegen die Viren ist für die nächsten Jahre nicht in Sicht“, so der Mikrobiologe.

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Schattenseite der medizinischen Erfolge

Die Neuinfektionsrate in Westeuropa geht seit Jahren nicht zurück. In Österreich ist die Zahl der neu diagnostizierten HIV-Infektionen im letzten Jahr sogar gestiegen. Dies betrifft sowohl junge als auch ältere Personen. „Es gibt viel weniger Aufklärungskampagnen als früher und das Bewusstsein einer Gefahr schwindet bei vielen. Ein Grund dafür dürfte auch im medizinischen Fortschritt liegen. Die Menschen fürchten sich nicht mehr in dem Ausmaß wie früher vor Ansteckung und werden beim Schutz nachlässig“, so Prammer.

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Lebensqualität

Trotz aller Fortschritte in der Behandlung sollte man das HI-Virus nicht unterschätzen. Eine Ansteckung bedeutet immer noch eine erhebliche Einbuße an Lebensqualität. Täglich müssen Tabletten eingenommen werden, regelmäßig muss man zur Kontrolle. Stets muss man darauf bedacht sein, keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr zu praktizieren. Auch gesellschaftlich ist HIV bzw. AIDS nach wie vor ein Tabu. Kaum jemand outet sich freiwillig, muss er doch soziale Konsequenzen (Jobverlust, Angst vor Ansteckung) befürchten.

Dr. Thomas Hartl

November 2012

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015