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Der Stimme Gehör geben

Der Stimme Gehör geben Die Stimme ist unser stärkstes Ausdrucksorgan. Doch auch sie kann in die Jahre kommen und an Kraft und Volumen verlieren. Hinter Stimmproblemen können aber auch bösartige Erkrankungen stecken.

Unsere Stimme ist wie ein zweites Gesicht: Sie ist unverkennbar und ein Barometer für unsere emotionale Befindlichkeit. Das liegt daran, dass die Steuerung der Bewegung unserer Stimmlippen unter anderem auch vom limbischen System, dem Sitz unserer Gefühle im Hirn beeinflusst wird.

Wenn ein Mensch traurig ist, „programmiert“ das limbische System den gesamten Körper auf diesen emotionalen Zustand. Die Muskeln des Körpers werden schlaffer, auch jene im Kehlkopfbereich, welche für die Steuerung der Stimmlippen zuständig sind. Die Muskeln reagieren nicht so schnell wie sonst und erreichen nicht ihre übliche Spannung. Dadurch schlagen die Stimmlippen viel langsamer und weicher zusammen. Zudem sinkt die Speichelproduktion im Rachenraum, und die Zunge ist weniger beweglich. Die Stimme klingt dann tiefer, fast undeutlich. Die Aussprache ist unpräziser und der Ton wird kraftloser.

Abgesehen von Menschen, bei denen sich beruflich schon alles um ihre Stimme dreht, wie bei Sängern, Schauspielern oder Synchronsprechern, macht sich kaum jemand Kopfzerbrechen über sein Sinnesorgan. Erst dann, wenn es aufgrund einer Erkältung, einer durchzechten Nacht, lautstarkem Anfeuern des Lieblingsfußballvereins oder gar durch eine schwere Krankheit zu merklichen Einbußen der Stimmqualität kommt, schenken wir unserer Stimme vermehrt Gehör.

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Verblasstes Timbre

Auch der natürliche Alterungsprozess unseres „Sprechorgans“ wird zu meist ignoriert, es sei denn, man ist ein berühmter Sänger und bemerkt, dass das Timbre farbärmer wird, man Intonationsschwierigkeiten hat und die Lautstärkeregulation besonders im Piano zu wünschen übrig lässt. „Wie alle Organe unterliegen auch die Stimm- und Schluckorgane einem ganz normalen Alterungsprozess“, erklärt Primar Univ.-Prof. Dr. Martin Burian, Abteilungsvorstand der HNO-Abteilung im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz.

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Ausgeklügeltes System

Unser Sprechorgan ist ein ausgeklügeltes System aus Bindegewebe und Muskelfasern, die im akribischen Wechselspiel mit der Atemluft Höchstleistungen vollbringen. Die Stimme wird von den beiden im Kehlkopf von vorne nach hinten gespannten Stimmbändern/Stimmlippen gebildet. Unterhalb des Kehlkopfes schließt sich die Luftröhre an, die zur Lunge führt. Die Stimmlippen, respektive Stimmbänder werden durch die Luft aus der Lunge in Schwingung versetzt. Rasend schnell reiben sie aneinander, wenn beispielsweise der Arzt zum „Aaah“ bittet: 200 Mal pro Sekunde bei der Frau, 100 Mal beim Mann.

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Hochleistungsorgan

Wenn man alle Schwingungsauslenkungen addiert, die beim gewöhnlichen Reden innerhalb eines Tages zusammenkommen, ergibt das eine beachtliche Wegstrecke von bis zu sieben Kilometern. Für diese „sportliche“ Leistung muss die Stimme trainiert werden.

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Beweglichkeit nimmt ab

Im Kinder- und Jugendalter besteht der Kehlkopf aus knorpeligem Gewebe, welches mit den Jahren verknöchert. Zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahrzehnt hat unsere Stimme die größte Leistungsbreite. Zudem verliert der Kehlkopf seine Beweglichkeit, die für die Stimme wichtigen Muskeln werden schlaffer, die Bänder degenerieren und die Stimmlippen schließen die Stimmritze nicht mehr so richtig. Außerdem wird die Lungenfunktion geringer, was den Atemantrieb und die Tonhaltedauer verringert.

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Senioren aus dem Training

Besonders bei alleine lebenden alten Menschen, ist hörbar, dass ihre Stimme kaum im Training ist, sie ist oftmals brüchig und heiser. Auch das dauernde Räuspern verbessert nicht die Stimmqualität. Gerade Senioren neigen dazu, aufs Trinken zu „vergessen“. Genügend Flüssigkeit ist aus vielen Gründen wichtig. Auch die Schleimhaut, die die Stimmbänder ummantelt, braucht Feuchtigkeit, sonst klingt die Stimme ähnlich „lieblich“ wie bei einem Raben. Wichtig ist im Alter auch der richtige Sitz der Zahnprothese. Das unangenehme Geklapper der Dritten lässt viele Senioren aus Scham verstummen.

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Dysphonien

Eine Stimmstörung (Dysphonie) ist gekennzeichnet durch Veränderungen im Stimmklang eines Menschen. Die Stimme klingt dann beispielsweise tiefer oder höher, verhauchter oder gepresster, klangärmer, leiser, schriller, rauer, kratziger, brüchiger oder rauchiger als vor Beginn der Erkrankung. Zudem haben Patienten häufig das Gefühl, sich beim Sprechen oder Singen anstrengen zu müssen. Viele Patienten mit Dysphonie klagen über Begleiterscheinungen wie Räusperzwang, Hustenreiz, Trockenheitsgefühl und Druckgefühl. Professor Burian: „Stimmstörungen werden unterteilt in organische, funktionelle und hormonelle Dysphonien.“

Die Störung des Klangs und der Leistungsfähigkeit der Stimme ohne körperliche Schäden entsteht meist durch eine falsche Sprech- und Atemtechnik sowie Überbelastung. „Besonders passiert das Menschen, die ihre Stimme beruflich benötigen, wie Schauspieler, aber auch Lehrer. Ein logopädisches Training schafft hier zumeist Abhilfe“, erklärt Prof. Burian.

Die häufigste organische Dysphonie ist die Kehlkopfentzündung, mit der praktisch immer eine Stimmlippenentzündung einhergeht. Meist kommen diese Entzündungen im Rahmen einer Verkühlung oder eines grippalen Infektes vor. Eine weitere Ursache von organischen Dysphonien kann eine Stimmbandlähmung sein. Bei einer echten Stimmbandlähmung ist der versorgende Nerv des Stimmbandes oder das zugehörige Gehirnzentrum geschädigt, traumatisiert oder gereizt. Meist ist nur ein Stimmband betroffen, es gibt jedoch auch Fälle beidseitiger Stimmbandlähmungen. Die häufigste Ursache für Stimmbandlähmungen sind Komplikationen bei Operationen, z.B. der Schilddrüse.

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Heiserkeit nicht ignorieren

Natürlich gibt es auch Krankheiten, die der Stimme nicht nur massiv zusetzen, sondern den Patienten im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos machen können. „Leider wird auch Heiserkeit oft unterschätzt“, sagt Primar Burian. „Wenn dieses Symptom länger als drei Wochen dauert, sollte man unbedingt den HNO-Arzt aufsuchen, denn hinter der Heiserkeit kann sich auch eine ernste Krankheit wie Kehlkopfkrebs verstecken.“

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Schadstoffe

Die Summe der HNO-Tumorerkrankungen ist leicht ansteigend, vor allem das Rachen-Karzinom. Gut 70 Prozent der Tumoren im HNO-Bereich wie etwa Kehlkopfkrebs sind auf die Lebensweise der Patienten zurück zu führen. „Karzinome dieser Art sind oft im Alkohol- und Nikotinmissbrauch zu finden“, warnt Prof. Burian. Die durch chronischen Alkoholkonsum und Nikotinmissbrauch geschädigte Schleimhaut ist besonders sensibel gegenüber Schadstoffen am Arbeitsplatz und in der Umwelt. Auch chemische Verbindungen wie sie z.B. in Lösungsmitteln vorkommen oder Industrieabgase können zu der Entstehung von HNO-Karzinomen beitragen.

Elisabeth Dietz-Buchner

Juni 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015