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Blutzucker senken: Norm-nah oder leicht erhöht?

Blutzucker senken: Normnah oder leicht erhöht? Menschen mit Typ-2-Diabetes („Alterszucker“) können Folgeerkrankungen vorbeugen, wenn sie erhöhte Blutzuckerwerte dauerhaft absenken. Viele Ärzte empfehlen sogar, nahezu normale Blutzuckerwerte anzustreben. Studien zeigen jedoch, dass eine solche normnahe Senkung des Blutzuckers im Vergleich mit einer moderateren Senkung sowohl Vor- als auch Nachteile haben kann, berichtet das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselkrankheit, bei der es zu einem erhöhten Zuckerspiegel im Blut kommt, weil das in der Bauchspeicheldrüse gebildete Insulin nicht mehr richtig in Geweben und Zellen wirkt. Insulin soll Zucker für Gewebe und Zellen verfügbar machen, wenn die Aufnahme gestört ist, steigt der Blutzuckerspiegel im Blut an. Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel kann beispielsweise zu einer Erkrankung der Augen oder Nieren führen. Durch eine gute Behandlung kann man die Wahrscheinlichkeit für Folgeerkrankungen senken, so das IQWiG.
Meist tritt Typ-2-Diabetes in höherem Alter auf, kann aber auch Jüngere treffen. Über Jahre hinweg kann zu viel Zucker im Blut zu Schäden an kleinen Blutgefäßen und Nerven führen und in der Folge Erkrankungen der Augen und Nieren sowie Taubheitsgefühle, Kribbeln oder schmerzende Füße verursachen. Auch das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöht sich.

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Unterschiedliche Empfehlungen

Den Blutzuckerspiegel und das Risiko von Folgeschäden kann man durch Maßnahmen wie zum Beispiel körperliche Bewegung, Gewichtsreduktion und Umstellung der Ernährung senken. Reicht das nicht, stehen orale oder subkutane Medikamente zur Verfügung. Deren Verträglichkeit, hängt unter anderem vom persönlichen Gesundheitszustand ab, stellt das IQWiG fest.
Einig sind Sich Fachleute über den grundsätzlichen Nutzen einer Senkung des Blutzuckerspiegels bei Typ-2-Diabetes. Diskussionen werden allerdings schon seit Jahren darüber geführt, wie weit der Spiegel gesenkt werden soll: Einerseits sollen Folgeschäden vermieden werden. Andererseits soll aber auch das Risiko für unerwünschte Wirkungen der Behandlung möglichst gering gehalten werden.

Um zu beurteilen, ob der Blutzucker langfristig gut eingestellt ist, messen Ärzte einen Blutwert (HbA1c), der angibt, wie hoch der durchschnittliche Blutzuckerspiegel der letzten drei Monaten war.
Allerdings gibt es unterschiedliche Empfehlungen, welcher HbA1c-Wert anzustreben ist. Eine Empfehlung lautet, „normnahe“ Werte anzustreben. Normnah bedeutet, dass die Betroffenen nahezu die gleichen Werte wie Menschen ohne Diabetes (6 Prozent) haben. Andere Empfehlungen zielen auf Werte zwischen 6,5 und 7,5 Prozent. Der Zielwert hängt unter anderem davon ab, wie alt die Betroffenen sind und welche Begleiterkrankungen sie haben. Bei älteren Menschen, die noch keine diabetestypischen Beschwerden haben, akzeptieren Ärzte eher höhere Werte als bei jungen Menschen mit Typ-2-Diabetes.

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Unterzucker

Eine mögliche Nebenwirkung der medikamentösen Therapie ist, dass der Blutzucker so stark abfällt, dass es zu Unterzuckerungen kommt. Leichte Unterzuckerungen gehen mit Anzeichen wie beispielsweise Zittern, plötzlichem Heißhunger, Schweißausbrüchen oder Kribbeln der Finger und Lippen einher. Sie können in der Regel von den Betroffenen selbst behandelt werden. Seltenere schwere Unterzuckerungen können jedoch Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle, Atem- und Kreislaufstörungen und andere, teils lebensbedrohliche Komplikationen zur Folge haben, so das IQWiG.

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Unterschiedliche Behandlungen

Wissenschaftler des IQWiG und eine Forschergruppe der Universitätsklinik Graz haben den Nutzen einer normnahen Blutzuckereinstellung im Vergleich zu einer weniger intensiven Blutzuckersenkung untersucht. Dazu wurde eine Patientengruppe, deren Blutzuckerwert auf unter 7,5 Prozent eingestellt wurde, mit Patienten verglichen, denen auch höhere Werte erlaubt wurden. Im Einzelnen wurde untersucht

  • wie viele Menschen bei welcher Behandlung gestorben sind,
  • welche Behandlung zu weniger Folgeerkrankungen des Diabetes führte und
  • wie häufig bei der einen oder anderen Behandlung unerwünschte Folgen waren.

Die Wissenschaftlergruppe schloss sieben Studien mit insgesamt fast 28.000 Teilnehmenden in ihre Auswertung ein. Der Altersdurchschnitt lag je nach Studie zwischen 47 und 66 Jahren. Alle Teilnehmer hatten seit mehreren Jahren Typ-2-Diabetes und waren meist übergewichtig, so das IQWiG.

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Keine Unterschiede bei wichtigen Behandlungszielen

Das Ergebnis war, dass im Großen und Ganzen keine Behandlung der anderen überlegen war: Eine Blutzuckersenkung in den nahezu normalen Bereich bewirkte in keiner Studie, dass weniger Menschen starben als bei einer nicht so strengen Senkung. Auch waren Schlaganfälle, tödliche Herzinfarkte, Nierenversagen oder Amputationen nicht seltener. Zur Erblindung und zur Lebensqualität gab es nicht genügend Daten, stellen die Forscher fest.

Die geprüften Studien lieferten aber einen Hinweis darauf, dass eine normnahe Einstellung das Risiko für nicht-tödliche Herzinfarkte etwas senken kann, die bei einer normnahen Blutzuckereinstellung seltener auftraten. Allerdings besteht ein erhöhtes Risiko für unerwünschte Folgen. Die Studien zeigen, dass die normnahe Einstellung häufiger zu schweren Unterzuckerungen und anderen schweren Komplikationen führt. Je stärker der Blutzucker gesenkt wurde, desto häufiger traten sie auf. Sie waren insgesamt deutlich häufiger als die im Gegenzug verhinderten nicht-tödlichen Herzinfarkte.

Die Forschergruppe hat auf Basis einer der großen Studien geschätzt, wie wahrscheinlich es ist, dass diese Ereignisse eintreten:

  • Etwa 100 Menschen mit Typ-2-Diabetes müssten über einen Zeitraum von 3,5 Jahren ihren Blutzucker auf normnahe Werte senken, um im Vergleich zu einer weniger strengen Blutzuckereinstellung einen nicht-tödlichen Herzinfarkt zu verhindern.
  • Bei diesen 100 Personen würden im selben Zeitraum durch die strengere Blutzuckersenkung jedoch etwa 7 bis 8 zusätzliche schwere Unterzuckerungen auftreten.

Die Zahlen sind zwar mit einer großen Unsicherheit behaftet, verdeutlichen aber die beiden Seiten der Behandlung: Einerseits lässt sich durch eine strengere Blutzuckereinstellung das Risiko für nicht-tödliche Herzinfarkte senken, andererseits erhöht sich aber gleichzeitig das Risiko für schwere Unterzuckerungen.
Einen deutlich und dauerhaft erhöhten Blutzucker zu senken, ist für Menschen mit Typ-2-Diabetes grundsätzlich von Vorteil. Wie stark allerdings eine solche Absenkung ausfallen sollte, kann nur im Einzelfall auf Basis der individuellen Gegebenheiten entschieden werden, hält das IQWiG fest. Und empfiehlt ein ausführliches Gespräch darüber mit dem behandelnden Arzt.

Mag. Christian Boukal
Dezember 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015