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Legasthenie: Lesefrust statt Leselust

LegasthenieIhr Kind liest extrem langsam oder sehr stockend und muss auch häufig vorkommende Wörter immer wieder neu erlesen? Es hat größere Probleme bei der Rechtschreibung als die Mitschüler, ferner hat es Angst vor der Schule und ist unmotiviert? Dann kann es sein, dass Ihr Kind an Legasthenie leidet.

Bei Legasthenie handelt es sich um eine Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS), die sich dadurch äußert, dass Betroffene beim Erlernen von Lesen und Schreiben beeinträchtigt sind. Ihre Fähigkeiten liegen unter dem Niveau, das aufgrund des Alters, der allgemeinen Intelligenz und der Einschulung zu erwarten ist. Der Begriff „Legasthenie“ leitet sich von dem lateinischem „legere“ (lesen) und dem griechischen „Asthenie“ (Schwäche) ab. Zehn Prozent der österreichischen Schüler leiden unter der Lese- und Rechtschreibschwäche. „Es sind aber mehr Buben betroffen“, erklärt Sonja Schulter, Vorsitzende des Oberösterreichischen Landesverbands Legasthenie.

Genetische Ursache

Warum man an Legasthenie leidet, kann nicht auf einen einzelnen Grund zurückgeführt werden. Es spielen genetische Faktoren und neurobiologische Ursachen wie Störungen der sprachlichen und visuellen Wahrnehmung eine Rolle. Aber auch eine Schwäche im verbalen Kurzzeitgedächtnis kann eine Legasthenie verursachen. Sonja Schulterhält dazu fest: „Die Legasthenie-Forschung hat den Nachweis erbracht, dass Legasthenie vor allem eine genetische Veranlagung ist.“

Legasthenie tritt oft mehrfach in Familien auf. Bei rund 50 Prozent der Legastheniker gibt es auch noch ein weiteres Familienmitglied, das eine Lese- und Rechtschreibschwäche hat. Neurobiologische Ursachen betreffen Störungen der sprachlichen Wahrnehmung. So konnte wissenschaftlich festgestellt werden, dass sprachliche Reize bei Personen mit Legasthenie in bestimmten Gehirnarealen weniger Aktivität verursachen als bei Personen ohne Lese- und Rechtschreibschwäche. Zudem haben Legastheniker oft Schwierigkeiten bei der visuellen Wahrnehmung von Buchstaben oder Wörtern.

Zu den neuropsychologischen Ursachen zählen Schwächen bei der Analyse oder Differenzierung von Lauten. Legasthenikern fällt es schwer, Reimwörter wie „Hase – Nase“ zu erkennen oder Wörter in einzelne Silben wie „Ka-rot-te“ zu unterteilen.

Krün statt grün

„Die Symptome sind ganz unterschiedlich, sie haben aber alle gemein, dass die schriftlichen Leistungen nicht zu den intellektuellen Fähigkeiten passen“, so Schulter.Das langsame Lesen von Wörtern, Schwierigkeiten beim Feststellen des Sinngehaltes des Gelesenen, wortweises Lesen von Sätzen, Verwechslung visuell ähnlicher Buchstaben („dlau“ statt „blau“) oder Verwechslung von Buchstaben, die ähnlich ausgesprochen werden („krün“ statt „grün“) sind bezeichnend.

Die Folgen beschränken sich nicht nur auf die Lese- und Rechtschreibschwäche selbst, sondern sind weitreichender. Mangelnde Motivation, die Schule zu besuchen, ein negatives Selbstkonzept, Angst vor Misserfolgen oder Schulangst sind nur einige davon. Die Kinder stehen häufig unter großem Druck und reagieren sehr sensibel auf die Leistungsanforderungen aus der Schule und von den Eltern. Deshalb ist es besonders wichtig, dass das soziale Umfeld von Kindern mit Legasthenie positiv und unterstützend reagiert.

Früherkennung und gezielte Förderung

Die frühe Erkennung der Legasthenie spielt eine große Bedeutung, um den Betroffenen gezielt zu helfen und negative Auswirkungen auf die Psyche oder den Erfolg in der Schule zu vermeiden. Mit Hilfe von standardisierten Verfahren lässt sich die Lese- und Rechtschreibkompetenz des Kindes ermitteln. Daneben werden aber auch die körperliche Entwicklung und die Intelligenz sowie das soziale Umfeld untersucht, um festzustellen, ob das Kind Legasthenie hat. Eine Therapie dauert durchschnittlich ein Jahr. Bei komplexeren Fällen können sogar zwei Jahre notwendig sein.

Keine Behinderung

„Der Schlüssel zu einer Hilfe ist nur im Schulsystem zu finden. Legasthenie ist eine Behinderung, die nichts über die intellektuellen Fähigkeiten eines Schülers aussagt. Im österreichischen Schulsystem ist aber eine höhere Bildungsmöglichkeit ausschließlich über das Vermögen der Rechtschreibung geregelt. Das ist ungesetzlich, aber Eltern scheuen den Weg einer Klage“, erklärt die Vorsitzende des Landesverband Legasthenie. Auch wenn betroffene Kinder Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben, sind sie häufig in anderen Gebieten wie Mathematik sehr gut.

Nähere Informationen gibt es beim Oberösterreichischen Landesverband Legasthenie im Internet unter www.integriert-studieren.jku.at/ooell. Auf der Homepage des Berufsverbandes der akademischen LRS-Therapeuten unter www.lrs-therapeuten.org finden Sie einen Therapeuten in Ihrer Nähe.


Mag. Birgit Koxeder

Februar 2008


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020