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Knochenbruch: Gewalt, Krankheit und Verschleiß

Knochenbruch: Gewalt, Krankheit und VerschleißAn den durchschnittlich 206 Knochen des Skeletts hat die Natur die Leichtbauweise perfektioniert – geringstmöglicher Materialaufwand bei größtmöglicher Druck-, Zug- und Biegefestigkeit, ganz wie im Flugzeugbau. An Tragkraft nimmt es das Schienbein eines jungen Erwachsenen mit Baustahl auf. Rohe Gewalt, Alter, Krankheiten und Verschleiß aber gehen auch den Knochen an die Substanz.

Das Bauprinzip ist genial: außen eine harte Knochenrinde, umhüllt von der reich mit Nerven und Blutgefäßen ausge-statteten Knochenhaut. Innen eine ebenfalls gut durchblutete Wabenstruktur aus feinen Knochenbälkchen ähnlich wie Wellkarton. So sind etwa die Wirbelkörper konstruiert. Ein Knochen mit viel netzartigem Gewebe wie der Oberschenkelkopf ist aber weniger bruchfest als jener mit viel kompakter Knochenmasse, wie zum Beispiel der Oberschenkelschaft. Die Knochen junger Erwachsener sind noch wesentlich kalk- reicher als bei älteren Menschen, deren Knochen an Kalk einbüßen und immer weicher werden. Kinderknochen sind noch sehr elastisch. Ein Bruch eines kindlichen Unterarm- knochens stellt sich oft wie ein verbogener Ast dar – daher der Begriff „Grünholzbruch“, erklärt der ärztliche Leiter des UKH Linz, Univ.-Doz. Dr. Albert Kröpfl.


Sollbruchstelle

Ballspiele enden oft mit gebrochenen Fingerknochen. Handgelenksbrüche sind fast so häufig wie Schlüsselbein- und Sprunggelenksfrakturen. Ein Außenknöchelbruch – ein Abbruch der unteren Wadenspitze – passiert beim hitzigen Fußballspiel ebenso wie beim Umknicken an der Gehsteig- kante. Anfällig fast wie eine „Sollbruchstelle“ ist der Oberarmknochen knapp unterhalb des schulternahen Gelenkkopfes. Die heftige Stauchung beim Aufprall auf Füße oder Gesäß aus größerer Höhe ist ein typischer Unfallher- gang etwa bei Gerüstarbeitern oder Dachdeckern und führt häufig zu Fersenbein- und Wirbelbrüchen. Verkanten mit dem Schi hat immer wieder einen Drehbruch des Unterschenkels zur Folge. Direkte vehemente Gewalt- einwirkung verursacht die verheerendsten Verletzungen – etwa beim Motorradfahrer, der mit hoher Geschwindigkeit mit dem Unterschenkel gegen ein festes Hindernis prallt oder gar eingeklemmt wird. Resultat ist nicht nur ein offener Knochen- bruch, sondern auch eine enorme Zerstörung des Haut- und Weichteilmantels, den der Unfallchirurg erst reparieren muss, um dann den Knochen zu retten. Ein Trümmerbruch mit zahlreichen kleinen Knochen-teilen ist ebenfalls meist die Folge hoher Zerstörungskraft.

Im höheren Alter sind Stürze die Hauptursache für Knochenbrüche, typisch ist der Bruch des Oberschenkel- halses. Das Verletzungsrisiko ist umso höher, je weiter der altersbedingte Kalkabbau im Knochen fortgeschritten ist. Ein Bruch der Speiche nahe am Handgelenk schon bei geringer Belastung kann ein erstes Osteoporose-Symptom sein und gilt deshalb als so genannte Kennfraktur. Dann ist eine Knochendichtemessung zur Abklärung zu empfehlen.

So genannte pathologische Frakturen passieren infolge einer inneren Erkrankung und ohne äußeren Einfluss. Eine angeborene Knochenschwäche etwa durch Knochenzysten kann im Kindesalter Spontanbrüche auslösen. Bestimmte Nierenleiden führen durch einen veränderten Kalzium-stoffwechsel zu einem erhöhten Bruchrisiko. Knochen-metastasen können zum Beispiel den Oberschenkelknochen derart schwächen, dass er schon beim Aufstehen vom Sessel bricht. Ermüdungsbrüche etwa von Mittelfußknochen oder Schienbein kommen auch bei guter Knochenqualität vor. Die sehr häufige Landung nach dem Salto beim Turnen, lange Märsche beim Militär – wiederholte Belastungen erzeugen zunächst kaum spürbare Haarrisse oder Sprünge. Sie werden oft erst viel später verspürt, wenn durch den Selbstheil-versuch des Knochens eine Schwellung entsteht.

Knochenkitt

Fast jeder Knochenbruch schädigt Blutgefäße. Bei einem Oberschenkelbruch können rasch zwei Liter Blut in das Gewebe sickern und durch das verminderte Blutvolumen im Kreislauf einen Schock auslösen. In die zerrissenen Blutgefäße kann Knochenmark eindringen und eine Fettembolie erzeugen, die in die Lunge wandert, die Sauerstoffversorgung einschränkt und damit weitere Organschäden etwa in Niere oder Herz auslöst. Bei Mehrfachverletzungen – so genannten Polytraumen – ist dieses Komplikationsrisiko extrem erhöht. Deshalb ist eine sorgfältige Thromboseprophylaxe in solchen Fällen unverzichtbar. Ein Knochenbruch setzt eine Reaktionslawine verschiedener Zellen in Gang. Mit beginnender Heilung sammeln sich an der Bruchstelle auch Bindegewebszellen zum Aufbau einer Kittsubstanz. Der Knochenkitt, anfangs weich wie Knetmasse, wird durch Kalkeinlagerung nach und nach härter. Ein manschettenartiger Wulst entsteht, der Kallus, der im Laufe von weiteren Wochen in regulären Knochen umgebaut wird. Gleichzeitig erkennt dieses Reparatursystem auch kleinere Unebenheiten an der Bruchstelle und sorgt für den Abbau verrutschter Knochenanteile.

Schrauben, Platten, Drähte

Ein unkomplizierter Knochenbruch wird meist mit Gips, Spezialschienen oder einem Cast aus Kunststoff behandelt. Diese Verbände sind bei frischen Brüchen nie ganz geschlossen, um die Durchblutung zu sichern. Bei verschobenen Brüchen genügt diese Fixierung nur, wenn die eingerichteten Knochenteile stabil an Ort und Stelle bleiben – sonst muss der Chirurg eingreifen.

Bei einem Bruch der großen Röhrenknochen von Armen und Beinen ist ein Marknagel eine biomechanisch ideale Stütze und erlaubt eine relativ frühe Belastung. Auch spezielle Implantate, Schrauben, Platten oder Drähte sowie Knochenzement dienen als Fixierhilfe für die Knochenteile. Häufig bleiben die Knochenimplantate aus einer gut verträglichen Titanlegierung auch nach der Heilung im Körper.

Eine Eigenknochenverpflanzung etwa aus dem Beckenkamm kann die Heilung anregen. Auch Spenderknochen-Material wird eingesetzt. Das Spendermaterial ist ein reines Mineralgerüst, frei von Eiweißstoffen, die eine Abstoßung auslösen könnten. Künstliche Knochenbausteine, chemisch der natürlichen Knochenstruktur nachgeahmt, werden vom körpereigenen Knochen ebenfalls als Hilfsgerüst akzeptiert und eingebaut.

Schon nach vier Wochen kann ein Knochen verheilt sein, es kann aber auch zwölf Wochen und länger dauern. Rauchen vermindert die Knochendurchblutung drastisch – Raucher haben eine deutlich verzögerte Knochenbruchheilung. Das gilt auch für chronischen Alkoholmissbrauch. Ein eher seltenes Heilungshindernis sind Infektionen etwa nach offenen Brüchen. Falls die Knochenenden nicht zusammenwachsen, kann ein Falschgelenk, eine Pseudoarthrose, entstehen, das bei Bedarf operiert wird. Die Erkenntnisse der modernen Unfallchirurgie und Intensivmedizin haben die Genesungs-chancen wesentlich verbessert. Vor 100 Jahren war ein Mensch mit einem Oberschenkelhalsbruch todgeweiht. Heute werden die meist betagten Patienten operiert und schon am Tag danach mobilisiert. Jüngere Unfallopfer mit früher tödlichen Mehrfachverletzungen überleben heute dank rascher Stabilisierungsverfahren. Diese segensreichen Errungenschaften gilt es aber noch zu übertreffen, betont Univ.-Doz. Dr. Kröpfl. Große Erwartungen setzt die Medizin in körpereigene Stammzellen. Damit könnten in Zukunft auch Knochenbrüche rascher und schonender geheilt werden.

Klaus Stecher

Oktober 2011

Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild Dr. Kröpfl_Knochenbruch„Nach einem Knochenbruch ist eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Mineralstoffen besonders wichtig. Angemessene körperliche Aktivität verbessert Durchblutung und Sauerstoffangebot an der Bruchstelle und unterstützt Knochenaufbau und Heilungsprozess.“
Univ.-Doz. Dr. Albert Kröpfl
Ärztlicher Leiter des UKH Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020