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Chronischer Schmerz: Geduld gefragt

Chronischer Schmerz: Geduld gefragtJeder kennt es: Man verletzt sich, ein plötzlicher Schmerz setzt ein, der allmählich wieder verschwindet. Was aber, wenn er bleibt? Wie man chronische Schmerzen behandelt, erklärt Dr. Josef F. Macher.

Schmerz erfüllt eine Warnfunktion und weist uns darauf hin, dass etwas nicht in Ordnung ist. Das können Krankheitsprozesse oder Verletzungen sein. Prim. Dr. Josef F. Macher, Leiter der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin an der Klinik Diakonissen in Linz, bestätigt: „Schmerz ist eine lebenswichtige Funktion. Wir brauchen Hinweise, wenn etwas defekt ist. Bei dieser Information handelt es sich um einen Akutschmerz. Dauert der Schmerz allerdings länger als sechs Monate, kann er chronisch werden. Der Schmerz bleibt, obwohl man den Auslöser behandelt. Der Grund dafür ist das Schmerzgedächtnis am Rückenmark und im vegetativen oder autonomen Nervensystem.“

Was ist das Schmerzgedächtnis?

Der Schmerz wird also in gewisser Weise gespeichert – doch warum? Normalerweise werden Schmerzen über Schmerzrezeptoren wahrgenommen, die diesen Reiz über Nervenbahnen ins Rückenmark leiten. Die Schmerzbewertung und -verarbeitung erfolgt dann im Gehirn. Wenn die Auslöser der Schmerzen nicht mehr vorhanden sind, wird kein Schmerz mehr empfunden. Bei chronischen Schmerzen hingegen verändern sich die Nervenzellen durch die anhaltenden Schmerzreize, indem die Filtersysteme zu versagen beginnen. Die Folge: Die Nervenzellen reagieren mit der Zeit immer empfindlicher – eine Art Schmerzgedächtnis entsteht. Macher: „Der Schmerz wird immer intensiver wahrgenommen, obwohl der Auslöser gleich bleibt oder sogar abnimmt und keine Hinweis- oder Warnfunktion mehr hat.“ Die Intensität der Schmerzen und das Ausmaß der Schädigung müssen somit nicht immer miteinander in Beziehung stehen. Ein klassisches Beispiel dafür ist der Phantomschmerz. Für die Betroffenen haben die Schmerzen oft weitreichende Folgen: Sie bestimmen das Leben und beeinträchtigen die Lebensqualität stark.

„Niemand bildet sich Schmerzen ein“

Früher ging man davon aus, dass chronische Schmerzen mit der Psyche zusammenhängen. Macher dazu: „Kein Mensch bildet sich einen chronischen Schmerz ein. Wenn ich anatomisch nichts finde oder den Schmerz nicht messen kann, heißt das nicht, dass ich ihn nicht habe.“ Tatsache aber ist, dass einige Betroffene, die einer längeren Schmerzbelastung ausgesetzt sind, in weiterer Folge an einer sekundären psychischen Erschöpfung leiden können. Sehr selten drücken sich neurologisch-psychiatrische Erkrankungen, wie etwa schwere Depressionen, in Form von Schmerzen aus.

Frühzeitig behandeln

Das Schmerzempfinden ist etwas ganz individuelles, jeder Mensch hat eine andere Schmerzschwelle. Auch die Ursachen der Schmerzen und der Verlauf variieren stark. All diese Faktoren müssen bei der Behandlung berücksichtigt werden. Dabei gilt: Frühzeitig mit der Therapie beginnen! „Der Schmerz wird mehr und mehr, wenn er nicht behandelt wird“, so der Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Bei der Behandlung sind zunächst Fragen zu klären, wie: Was war und wo ist die Ursache beziehungsweise der Auslöser, wo sitzen die Schmerzen, wie häufig treten sie auf, wie verlaufen sie, ändern sie sich bei bestimmten Körperhaltungen oder zu bestimmten Tageszeiten und wie werden sie beschrieben? Darüber hinaus ist festzustellen, welche Behandlungsmaßnahmen bisher gesetzt wurden und welche Ergebnisse diese lieferten. „Jeden Patienten muss man genau analysieren und sich die Frage stellen, ob man vielleicht etwas übersehen hat. Was man nicht messen kann, ist oft schwer erhebbar“, sagt Macher. Auch ist festzustellen, welche Einschränkungen die chronischen Schmerzen für den Patienten bedeuten – leidet er etwa unter Schlafproblemen oder ist das berufliche und soziale Leben dadurch beeinträchtigt?

Keine Scheu vor Opiaten

Darauf basierend wird ein Therapiekonzept erarbeitet. „Es gibt nicht eine Methode und morgen ist alles gut. Beim chronischen Schmerz greifen mehrere Methoden ineinander. So kann es darum gehen, die oft eingeschränkte Mobilität wieder aufzubauen oder die Schmerzmedikation gut einzustellen. Man sollte auch keine Scheu vor Opiaten haben, die entgegen vieler Vorurteile nicht süchtig machen, sondern hochwirksam sind“, sagt der Primar und ergänzt: „Bei der Behandlung braucht man oft auch Botenstoffe, wie etwa Serotonin, die in Psychopharmaka enthalten sind. Diese Botenstoffe findet man im Rückenmarksbereich genauso wie im Gehirn. Niedrig dosiert werden die Schmerzfilter wieder aufgebaut und die Schmerzschwelle angehoben. Die Medikation ist jedoch zeitlich begrenzt“, erklärt Macher. Spezialanwendungen wie Entspannungstechniken oder Akupunktur unterstützen die Therapie. Bei fast allen chronischen Schmerzen ist auch der Tiefschlaf gestört. „Im Tiefschlaf produziert der Körper aber eigene Botenstoffe, die dann fehlen. Entscheidend ist deshalb, die Nachtruhe wieder zu normalisieren. Wichtig ist auch zu betonen, dass es heute eine Vielzahl an interventionellen Methoden gibt, vor allem an der Wirbelsäule, wie etwa Rückenmarkskatheter, ‚Verkochen‘ kleinerer Nerven, Wurzelblockade etc., die langfristig äußerst erfolgreich eingesetzt werden können“, so der Schmerztherapeut. In seltenen Fällen ist noch eine weitere Unterstützung notwendig. Macher: „Es gibt schwerste chronische Schmerzsyndrome mit massiven Allgemeineinschränkungen. Hier sollte man eine psychosomatische Klinik unterstützend aufsuchen, wo man lernt, sich davon loszulösen, wenn es alleine nicht mehr geht.“

Therapieziel Schmerzfreiheit?

Ob die Patienten dauerhaft schmerzfrei sind, ist schwer zu sagen. Bei der Therapie geht es vielmehr darum, einen persönlichen Wohlfühlfaktor mit einer ausreichenden Lebensqualität zu erreichen. „Heute kann man mit chronischen Schmerzen so umgehen, dass niemand mehr leiden muss“, sagt Macher abschließend.

MMag. Birgit Koxeder-Hessenberger
Dezember 2013


Foto: BilderBox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020