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Musik gegen Depression

Musik gegen Depression Die stimmungsaufhellende Kraft der Musik macht sich die Audiotherapie zu Nutze. Diese Form der Musiktherapie eignet sich zur Behandlung von leichten und mittleren Formen der Depression verschiedener Schweregrade.

Schon Saul, der erste König Israels, nutzte 1.000 vor Christus den Zauber der Musik. „Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand; so erquickte sich Saul, und ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm“, steht in der Luther Bibel von 1545.
Auch die Musik- und Medienwirkungsforscherin Vera Brandes weiß um die heilsamen Klänge. „Musik kann Veränderungen im Hirn auslösen, die über andere Wege nicht in dieser Form gelingen“, erklärt die Leiterin des Forschungsprogramms Musik-Medizin der Paracelsus Privatuniversität Salzburg.

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Klinische Forschung

Im Kooperation mit dem Wiener Hanusch-Krankenhaus, dem Mannheimer Institut für Public Health, der Sozial- und Präventivmedizin der Universität Heidelberg, der Medizinischen Fakultät Mannheim und dem Lehrstuhl für Klinische Psychologie der Ohio State University hat Vera Brandes die weltweit größten Studien zur Musikwirkung auf depressive Erkrankungen durchgeführt.
203 depressive Patienten wurden dazu mit einer auf Musik basierenden Therapie behandelt. In dieser Placebo-geprüften Doppelblind-Studie waren zum einen Patienten vertreten, die zuvor noch nie therapiert wurden, und solche, die bereits viele Versuche ohne zufriedenstellendem Ergebnis hinter sich hatten. Brandes: „Bei 89 Prozent der mit Audiotherapie Behandelten besserte sich der Schweregrad ihrer Depression - um durchschnittlich 60 Prozent, nimmt man die Hamilton-Skala als Maßstab. Beide Gruppen haben von Musiktherapie in gleichem Maß und auf lange Sicht profitiert", berichtet die Forscherin. Die Befunde stabilisierten oder verbesserten sich durchgehend und auch die Nachwirkungen waren langfristig.“

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Individuelle Kompositionen

Zum Einsatz kommt eine spezielle, eigens komponierte Musik. Bei bekannter Musik schwingen immer Assoziationen mit, die sich negativ auf die Psyche auswirken können. „Musik eignet sich am besten, wenn sie zum ersten Mal gehört wird, weil sie wertfrei und unbelastet ist“, sagt die Expertin.
Zudem muss die heilende Musik auf den jeweiligen Patienten abgestimmt werden, denn Depressionen verlangen eine andere Komposition als Schlafstörungen oder Patienten mit Bluthochdruck.

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Hohe Compliance

Nur dreimal wurde bis dato unter hunderten Patienten die eigens komponierte Musik von Betroffenen abgelehnt. Besonders erfreulich ist die hohe Compliance der Patienten. Sie nehmen ihr „Medikament Musik“ genau nach ärztlichen Vorgaben ein.
Bei schweren Formen der Depression wird die Audiotherapie unterstützend, also komplementär angewendet. In manche Fällen ist eine medikamentöse Behandlung notwendig, aber es ist nur selten der Fall, dass Medikamente allein ausreichen. Die Audiotherapie eignet sich in solchen Fällen hervorragend als ergänzende Therapie“, so Brandes.

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Musik geht zu Herzen

„Wir konnten schon in früheren Forschungsprojekten nachweisen, dass Musik Störungen körperlicher Regulationsvorgänge und das Gleichgewicht des autonomen Nervensystems nachhaltig positiv beeinflussen kann“, erklärt Brandes, die mit ihrem Team in mehrjähriger Forschungs- und Entwicklungsarbeit diese individualisierte Audiotherapie entwickelte. So wird die Herzfrequenzvariabilität (HRV), die auch ein Indikator für den Schweregrad von Depressionen ist, deutlich verbessert. Musik wirkt sich positiv auf den Herzrhythmus und unsere Fähigkeit zur Selbstregulation aus.

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Glückshormone

Außerdem können Melodien die Ausschüttung von Dopamin (ein Botenstoff, der unter anderem das Glücksgefühl verstärkt) und Oxytocin auslösen. Oxytocin ist ein vertrauensbildendes Hormon, das Einfluss auf Liebe, Sex, zwischenmenschliche Risiko- und Kooperationsbereitschaft und Sinn für partnerschaftliche Fairness hat. Neuro-Imaging-Studien zeigen auf, dass Musik auch jene Bereiche aktiviert, die wir mit gefühlsmäßigen Verhalten verbinden.

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Zeitgerechtes Hören

Im Berliner Krankenhaus Charité laufen Untersuchungen, wie sich Audiotherapie auf den Cortisolspiegel auswirkt. Cortisol ist ein Hormon, das bestimmte Stoffwechselvorgänge aktiviert und so dem Körper energiereiche Verbindungen zur Verfügung stellt. Seine dämpfende Wirkung aufs Immunsystem wird in der Medizin häufig genutzt, um überschießende Reaktionen zu unterdrücken und Entzündungen zu hemmen (zum Beispiel bei einem MS-Schub). Es ist eines der wichtigsten Hormone und hat eine ausgeprägte Tagesrhythmik. Es wird in der zweiten Nachthälfte produziert, so dass es für die Tagesaktivität und die Belastungen voll verfügbar ist. Brandes: „Folglich ist es nicht egal, zu welchem Zeitpunkt ein Patient seine Musik hört, wenn der Cortisolspiegel entsprechend beeinflusst wird. Für jeden einzelnen Patienten wird der ideale Zeitpunkt, an dem er seine Therapie hört, ermittelt.“

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Jede Zelle swingt

„Alle Mechanismen kennen wir noch nicht genau, mit denen Musik Depressionen beeinflusst, aber es laufen weitere Studien in dieser Richtung“, sagt Vera Brandes. „Die meisten Menschen haben eine natürliche Affinität zur Musik, die erste, die wir in unserem Leben wahrnehmen, ist der Herzschlag der Mutter. Jede Zelle unseres Körpers ist in ständiger Bewegung, sie ,swingen’ regelrecht, Starrheit führt zu Störungen. Mit der richtigen Musik-Stimulation kann das Gleichgewicht wieder hergestellt werden.“

Elisabeth Dietz-Buchner

Oktober 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015