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Quälende Mundtrockenheit

Quälende Mundtrockenheit„Da blieb mir fast die Spucke weg“ - hinter dieser volkstümlichen Redensart kann sich ein unangenehmes Symptom verbergen, das Betroffene schier verzweifeln lässt. Die Xerostomie, die so genannte Mundtrockenheit, verringert massiv die Lebensqualität.

Wer kennt das nicht, dass schon alleine bei dem Gedanken an unsere Lieblingsspeise das Wasser im Mund zusammenläuft. Was ein gutes Zeichen für einen funktionierenden Speichelfluss ist. Normalerweise produzieren die Speicheldrüsen, die sich unter der Zunge und im gesamten Mundraum befinden, täglich zwischen 1.000 und 1.500 Milliliter Speichel, wobei in der Ruhe deutlich weniger Spucke produziert wird als bei einer Stimulation oder einem Reiz.

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Gesundheit und Wohlbefinden

„Der Speichel hat eine ganz wichtige Funktion für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Er reinigt und remineralisiert die Zähne, mit einer feuchten Mundhöhle ist das Sprechen auch wesentlich einfacher, als wenn die Zunge vor lauter Trockenheit am Gaumen klebt. Der Speichel erleichtert auch das Schmecken und Schlucken“, erklärt Univ.-Prof. Primar Dr. Martin Burian, Vorstand an der HNO-Abteilung bei den Barmherzigen Schwestern in Linz.

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Wächterfunktion

Rund 100 Millionen Bakterien leben in jedem Milliliter menschlicher Spucke. Viele davon haben schützende Funktionen, einige aber auch schädigende. Weil der Supersaft Spucke auch Erreger abwehren kann, hat sie auch eine gewisse Wächterfunktion im Mund.

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Reaktion der Seele

Manchmal bleibt uns im wahrsten Sinne des Wortes die Spucke weg, zum Beispiel, weil wir sehr aufgeregt sind. Die Absonderung von wässrigem Speichel wird durch das parasympathische Nervensystem vermittelt, die des zähflüssigen, enzymenreichen Speichels vom sympathischen. Beide werden angeregt, bevor und während man isst. Erschrecken führt zur sympathischen Erregung. Sympathische Nervenerregung allein führt zur Kontraktion der Blutgefäße in der Speicheldrüse, was den Speichelfluss unterbricht. Daher der trockene Mund bei einem Schreck.

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Bereit für den Kampf

„Unser inneres Programm läuft jedoch immer noch genauso ab wie zu Urzeiten“, erklärt Professor Burian. Bei Angst und Schrecken ist unser Körper auf Flucht eingestellt. Der innere Alarm reduziert die physiologische Abläufe in unserem Körper, damit wir alle Kraft für eine Flucht oder Verteidigung haben und somit auch die Speichelproduktion.“

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Medikamenten Nebenwirkung

„Die Ursachen für die Xerostomie sind vielfältig. Besonders alte Menschen sind davon betroffen, weil sie einfach zu wenig Flüssigkeit zu sich nehmen. Häufig tritt die Mundtrockenheit auch als unangenehme Nebenwirkung von Medikamenten auf“, erklärt Professor Burian. Dazu zählen unter anderem bestimmte Psychopharmaka, Schlaf- und Beruhigungsmittel, entwässernde Medikamente, Antiallergika, blutdrucksenkende Mittel und auch Zytostatika, die in der Chemotherapie eingesetzt werden. „Mitunter ist ein Medikamentenwechsel möglich, der dann auch die gewünschte Erleichterung bringt“, sagt Professor Burian.

Eine weitere mögliche Ursache für Xerostomie ist eine Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich. Hierbei kann es zur Schädigung der Speicheldrüsen kommen, wenn diese im Bestrahlungsfeld liegen. Eine ausgeprägte Xerostomie ist jedoch nur dann zu erwarten, wenn alle Speicheldrüsen durch die Therapie geschädigt wurden.

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Schonende Onko-Bestrahlung

Auch hier bringt die Hightech-Medizin Erleichterung. Mit der Intensitätsmodulierten Radiotherapie (IMRT) gelingt es, das mit Krebs befallene Gewebe mit der notwendigen Strahlendosis zu versorgen und dabei das umliegende, gesunde Gewebe zu schonen. Die neueste Generation der Linearbeschleuniger können dabei die Ohrspeicheldrüse „aussparen“. Die Beschwerden werden dadurch geringer.

Es gibt aber auch Autoimmunkrankheiten wie das Sjögren-Syndrom, die mit den Symptomen der Mundtrockenheit (in Verbindung mit trockenen Augen und trockenen Nasenschleimhäuten) einhergehen. Auch AIDS kann im Rahmen des Karposi-Syndroms die Ursache sein.

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Sehr belastend

Die Symptome der Mundtrockenheit wie ausgeprägtes Durstgefühl, Geschmacksstörungen und Zungenbrennen sind für die Betroffenen sehr belastend.

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Diagnostik

Professor Burian: Eine ausführliche Anamnese ist wesentlich, um mögliche Grunderkrankungen oder Medikamente und Therapien als Ursachen einer Xerostomie zu erkennen. Mittels Sialometrie wird die Speichelmenge eines Patienten bestimmt. Weiter führende Untersuchungen sind z.B. Magnetresonanztomographie/ Kernspintomographie, um Erkrankungen an der Speicheldrüse und des Drüsenausführungsgangsystem festzustellen.

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Therapie

Zur Behandlung der Mundtrockenheit können in leichten Fällen bereits zuckerfreie Bonbons oder Kaugummis helfen. In schweren Fällen kann eine künstliche Speichelersatzlösung in Form von Sprays die Mundschleimhaut feuchter halten. „Der Einsatz hat sich aber nicht besonders bewährt“, sagt Professor Burian. „Wir empfehlen unseren Patienten, die im HNO-Bereich radioonkologisch bestrahlt werden, immer eine kleine Wasserflasche oder einen Flachmann bei sich zu haben, an der sie jede halbe Stunde trinken können, egal, wo sie sind.“

Elisabeth Dietz-Buchner
Juni 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020