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Stimmlippenlähmung

StimmlippenlähmungUnsere Stimme ist einzigartig. Durch Zueinanderbewegen der Stimmlippen - im Volksmund auch Stimmbänder genannt - und gleichzeitiges Ausatmen können wir Stimme zum Sprechen, Singen oder Schreien produzieren. Beim Einatmen weichen sie auseinander, damit wir genügend Luft in die Luftröhre bekommen. Beim Schlucken liegen sie fest aneinander und schützen uns vor Verschlucken.

Die Stimmlippen sitzen im Kehlkopf. Fünf verschiedene Muskelpaare sind an ihrer Bewegung beteiligt, wobei vier die Stimmlippen spannen und einander annähern und nur ein einziger als Stimmritzenöffner arbeitet. Ein Muskel liegt außen am Kehlkopf an, die übrigen liegen innen. Sie alle werden von nur zwei verschiedenen Nerven versorgt: dem oberen und unteren Kehlkopfnerv. Beide gehen von einem gemeinsamen Nerv - dem zehnten Gehirnnerv - ab.

Lähmung hat verschiedene Auswirkungen

Werden die versorgenden Nerven verletzt, kommt es zu einer Lähmung der Stimmlippen. Die gelähmte Stimmlippe liegt dann in einer Stellung still oder kann nur eingeschränkt bewegt werden. Sie schließt nicht beim Sprechen und öffnet nicht beim Einatmen. Je nachdem, welcher Nerv betroffen ist, in welcher Stellung sich die Stimmlippe befindet und ob die Lähmung einseitig oder beidseitig auftritt, resultieren verschiedene Symptome und Beschwerdegrade.

Heiserkeit und Atemnot

Liegt durch die Lähmung die Stimmlippe still, fern von der Mittellinie, kann kein vollständiger Verschluss der Stimmritze mehr erfolgen. Die Stimme klingt behaucht und kraftlos. Zusätzlich erhöht sich der Luftverbrauch beim Sprechen. Liegen beide Seiten auseinander, können Probleme auch beim Schlucken auftreten, vor allem beim Trinken. Die Atmung ist in der Regel wenig beeinträchtigt, da die Stimmritze weit genug ist. Liegt eine gelähmte Stimmlippe hingegen nahe zur Mittellinie, ist  die Stimme nur leicht behaucht, da die nicht gelähmte Seite die Stimmritze (annähernd) schließen kann. Kurzatmigkeit entsteht nur bei erhöhter körperlicher Anstrengung. Bei beidseitigem Ausfall und Stillstand nahe zueinander, kommt es zu einer hochgradigen Atemnot, da die Stimmritze eng ist. „Bei einer beidseitigen Lähmung der Kehlkopfnerven ist die Atmung beeinträchtigt, die Stimme jedoch gut. Die Therapie besteht in einer Tracheotomie (Luftröhrenschnitt) oder Laterofixation (seitliche Fixierung) des Stimmbandes“, sagt Prof. Dr. Stephan Schmid, ehemaliger Chefarzt für Hals-, Nasen-, Ohren und Gesichtschirurgie im Universitätsspital Zürich.

Nervenverletzung bei Operation

Viele Erkrankungen kommen als Ursache für eine Stimmlippenlähmung in Frage. Der häufigste Grund ist eine Nervenverletzung im Rahmen einer Operation im Bereich des oberen Brustkorbes. Vor allem bei einer Schilddrüsenoperation kann der untere Kehlkopfnerv leicht gezerrt oder sehr selten durchtrennt werden, da er direkt im Operationsgebiet liegt. Aber auch bei Operationen am Herzen, der oberen Speiseröhre oder Gefäßen, die in dieser Region liegen, kann es zu einer unbeabsichtigten Verletzung der beiden Nerven kommen. Weitere häufige Ursachen sind bösartige Tumore, vor allem der Speiseröhre, Bronchien und Schilddrüse. Bei jeder unklaren Lähmung muss daher immer ein Tumorgeschehen ausgeschlossen werden. Verschiedene Herzerkrankungen, die mit einer Vergrößerung des linken Herzvorhofes einhergehen oder eine massiv vergrößerte Schilddrüse können den Nerv verdrängen und dadurch schädigen. Die Nerven selbst können auch durch eine fortgeschrittene Zuckerkrankheit oder eine Behandlung mit nervenschädigenden Medikamenten (zum Beispiel bestimmte Chemotherapeutika) geschädigt werden oder durch eine primäre Erkrankung des Nervensystems, wie zum Beispiel Multiple Sklerose. Zudem kommen virale Infektionserkrankungen als Auslöser in Frage. Sehr oft bleibt die Ursache jedoch ungeklärt.

Nicht alle Lähmungen werden diagnostiziert

Wie häufig eine Lähmung der Stimmlippen vorkommt, ist nicht ganz klar, da längst nicht alle Fälle diagnostiziert werden. Bei bestimmten Grippeepidemien (zum Beispiel der Hongkonggrippe) traten Lähmungen als Komplikation besonders häufig auf. Die Geschlechterverteilung ist abhängig von der Ursache – bei Strumaoperierten (Schilddrüse, „Kropf“) überwiegen die Frauen, bei Tumorpatienten die Männer. Betroffen sind durchwegs alle Altersstufen zwischen 20 und 70 Jahren, wobei es auch eine angeborene Stimmlippenlähmung bei Neugeborenen gibt.

Logopädie kann helfen

Mit einer logopädischen Therapie kann eine Verbesserung der Stimme und Schluckfunktion erreicht werden. Bei einseitiger Lähmung ist es das Ziel, eine Kompensation der Lähmung durch die gesunde, noch bewegliche Stimmlippe zu erreichen. In ausgewählten Fällen kann eine Behandlung mit Reizstrom von Nutzen sein, um dem Muskelschwund entgegenzuwirken und die Kontraktionsfähigkeit zu erhalten. Sollte durch eine logopädische Behandlung keine ausreichende Besserung erreicht werden, besteht die Möglichkeit einer Operation. Durch eine Verlagerung der gelähmten Stimmlippe in die Mitte wird wieder ein vollständiger Stimmritzenverschluss möglich und damit eine deutliche Verbesserung der Stimme. Bei beidseitiger Lähmung in Mittelstellung können die Stimmlippen operativ nach außen gezogen werden, um die Atemfunktion zu verbessern. „Es gibt eine kleine Besonderheit, die ich bei länger bestehender Lähmung des unteren Kehlkopfnervs und schlechter Stimme wegen Muskelatrophie mache: In einer kurzen Jet-Ventilationsnarkose wird ambulant ein ‚Filler’ (Hyaluronsäure) zum Aufbau der atrophen (zurückgebildeten) Stimmlippe benutzt. Es ist ein kurzer Eingriff und die Patienten können die Stimme postoperativ gleich belasten bei deutlich besserem Stimmklang“, berichtet Prof. Dr. Hans-Jürgen Wilhelm, Facharzt für Phoniatrie in Frankfurt.

Verhaltenstipps

Steht die Heiserkeit im Vordergrund, sollte die Stimme nicht geschont werden! Die gelähmte oder zum Teil gelähmte Muskulatur sowie die kompensierenden Muskeln brauchen Training, um dem Muskelschwund durch Inaktivität vorzubeugen. Bei Atemnot oder Kurzatmigkeit ist körperliche Überanstrengung zu vermeiden. Es hilft, nicht überangestrengt, jedoch normal zu sprechen mit bewusst eingesetzter Atmung. Bei einer Schluckstörung ist es ratsam, konzentriert und schluckweise zu trinken.


Dr. Ulli Stegbuchner

April 2008


Foto: Bilderbox


Kommentar

„Ein verbreiteter ‚Aberglaube’ ist die Notwendigkeit einer Stimmschonung bei Lähmungen. Das Gegenteil ist richtig: die Muskulatur nicht erschlaffen lassen. Normal sprechen und eine Übungsbehandlung durchführen ist das Richtige. Eine frühe und effektive Stimmrehabilitation bietet die Unterfütterung der weit außenstehenden bzw. ‚ausgedünnten’ Stimmlippe mit Kollagen. Dieses Material verschwindet in vier bis acht Monaten, daher steht es einer Spontanerholung der Bewegung nicht im Wege. Eine Unterfütterung kann bereits in den ersten Monaten nach Eintritt der Lähmung in Lokalanästhesie durchgeführt werden.“
Prof. Dr. Dr.h.c.Tamás Hacki

Phoniatrie und Pädaudiologie der HNO-Univ.-Klinik Regensburg

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020