DRUCKEN

Schielen: Bilder im Doppelpack

Bilder im DoppelpackUnbehandeltes Schielen im Kindesalter kann ein Leben lang für Nachteile sorgen. Fünf Prozent aller Babys, die in Österreich geboren werden, sind potenzielle Schieler. Was manchmal als niedlich oder harmlos abgetan wird, gibt sich nur in den seltensten Fällen von allein. Weitaus häufiger werden aus schielenden Babys Kinder und Erwachsene mit Sehschwächen und Augenproblemen. Regelmäßige Routine-Kontrollen beim Augenarzt und die Inanspruchnahme der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen können späteren Schäden vorbeugen.

Babys sind bereits kurz nach der Geburt in der Lage, ihre Umwelt über ihre Augen wahrzunehmen, wenn auch nur undeutlich. In den ersten Lebenswochen können sie die Bewegung der Augen allerdings noch nicht richtig koordinieren, flüchtige Fehlstellungen sind in dieser Zeit noch kein Grund zur Beunruhigung. Wenn allerdings ein Auge ständig von der Richtung des anderen abweicht, heißt es für die Eltern handeln. „Der Augenarzt kann das Schielen bereits im Säuglingsalter diagnostizieren und behandeln. Um die fünf Prozent aller in Österreich geborenen Babys vor späteren Schäden an den Augen zu schützen, wird mittlerweile in vielen Krankenhäusern sofort nach der Geburt der erste „Sehtest“ gemacht“, erzählt Prim. Prof. Dr. Siegfried Priglinger, Leiter der Sehschule am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz.

up

Erste Warnzeichen

Generell haben Kinder mit auffälligem Schielen (Strabismus) die besten Heilungschancen, weil die Eltern schon wegen des Schönheitsfehlers eher einen Augenarzt aufsuchen. Das ist aber nur bei wenigen Babys der Fall. Kaum oder nicht sichtbare Abweichungen in der Sehrichtung sind weitaus häufiger der Fall. Sie werden häufig erst dann bemerkt, wenn ein Auge bereits sehschwach ist – beispielsweise beim Sehtest im Rahmen der Einschulung. Verlässliche erste Hinweise auf ein drohendes oder bereits eingetretenes Schielen sind Lichtempfindlichkeit, Augentränen, Zukneifen des Auges, Reizbarkeit, chronische Lidrandentzündung, schiefe Kopfhaltung und ungeschickte Bewegungen. Aufmerksame Eltern sollten diese Warnzeichen ernst nehmen und auf jeden Fall eine Routine-Untersuchung beim Augenarzt in Anspruch nehmen.

Ursachen für Schielen sind vielfältig, in den meisten Fällen aber am Auge selbst zu suchen. Dazu gehören angeborene seitenungleiche Brechungsfehler, einseitige Linsentrübungen, Tumore im Auge oder Verletzungen. Manchmal tritt eine Fehlstellung auch plötzlich auf, beispielsweise bei Kinderkrankheiten, bei hohem Fieber, nach Unfällen oder in schweren seelischen Krisen. Allgemein vermuten Mediziner, dass bei Schielern in der Sehrinde fehlerhafte Nervenverbindungen angelegt sind. Auch die erbliche Belastung ist bei schielenden Kindern deutlich merkbar.

up

Was passiert beim Schielen?

Damit ein Mensch räumlich sehen kann, müssen beide Augen in dieselbe Richtung schauen. In jedem Auge entsteht dabei ein Bild, das sich nur geringfügig vom anderen unterscheidet. Die beiden Bilder werden im Gehirn zu einem einzigen dreidimensionalen Seheindruck verschmolzen. Beim Schielen wird der Unterschied zwischen den beiden Bildern durch die Fehlstellung zu groß. Sie können im Gehirn nicht mehr richtig zur Deckung kommen, wodurch störende Doppelbilder entstehen. Das kindliche Gehirn kann sich gegen Doppelbilder wehren, indem es das vom schielenden Auge übermittelte Bild einfach unterdrückt. Die verhängnisvolle Folge: Das nicht benutze Auge wird nach einiger Zeit sehschwach.

Bilder im Doppelpack_04_2_S33_Schielen

up

Formen des Schielens

Beim Schielen weicht ein Auge von der Blickrichtung des anderen ab. Die Abweichung kann so gering sein, dass sie selbst aufmerksamen Eltern entgeht. Oft schielt immer das selbe Auge, weil es die schlechtere Sehschärfe oder die geringere Beweglichkeit besitzt. Der Augenarzt spricht dann vom einseitigen Schielen. Sind beide Augen gleichwertig, tritt eher das wechselseitige Schielen auf. Das schielende Auge kann in verschiedenen Richtungen vom nicht schielenden Auge abweichen: nach innen (Einwärtsschielen), nach außen (Auswärtsschielen), nach oben oder unten (Höhenschielen) oder durch Verdrehung um die Sehachse (Verrollungsschielen). Nicht selten treten Abweichungen unterschiedlicher Richtungen bei einem Kind gleichzeitig auf. Einseitiges Schielen lässt sich nur nachweisen, wenn das beidäugige Sehen durch Abdecken eines Auges aufgehoben wird. Ist eine Fehlstellung beliebiger Richtung oder ständig zu beobachten, spricht man vom manifesten Schielen.

up

Vorsorge ist besser

Generell sind Sehschärfeüberprüfungen beziehungsweise von Visusäquivalenten bereits ab einigen Wochen möglich. Das sogenannte Einwärtsschielen, das ab dem zweiten Lebensjahr oder später auftritt, wird bei mehr als der Hälfe der Kinder durch nicht korrigierte Fehlsichtigkeit verursacht. Nur manchmal kann eine Brille das Schielen stoppen. Weitaus häufiger ist die Brille aber nur ein Schritt in der Therapie. Zur Beseitigung oder Besserung der Sehschwäche kleben die Eltern nach Anweisung des Augenarztes Klebepflaster in einem bestimmten Wechselrhythmus auf das nicht-schielende, gelegentlich schielende Auge. „Gelingt bei Kindern diese so genannte Okklusionsbehandlung nicht, kommen in den seltensten Fällen Alternativen wie Augentropfen oder Augensalben zum Einsatz. Dadurch wird die Pupille des besseren Auges erweitert und das bessere Auge sieht schlechter. Durch die Okklusion wird das schwache Auge gezwungen, sich anzustrengen und stärker zu werden“, so Priglinger.

In ungefähr der Hälfte der Fälle muss die Fehlstellung durch Operation der äußeren Augenmuskeln beseitigt werden. Der Eingriff beseitigt aber nicht die Sehschwäche und bewirkt auch nicht immer eine Verbesserung des räumlichen Sehens. Beides bedarf in der Regel weiterer augenärztlicher Behandlung. Schieloperationen sind risikoarm und haben gute Erfolgsaussichten.

Mag. Kornelia Wernitznig

Februar 2009

Fotos: Bilderbox, deSign of life, privat

up

Kommentar

Kommentarbild von Prof. Prim. Dr. Siegfried Priglinger zum Printartikel „Sehschwächen können einen Menschen das ganze Leben lang benachteiligen. Weil fünf Prozent aller Babys als potenzielle Schieler geboren werden und dadurch auch gefährdet sind, eine Sehschwäche zu entwickeln, kommt der Vorsorge eine bedeutende Rolle zu. Mit Brillen und verschiedenen Therapien können Spätschäden verhindert bzw. stark reduziert werden.“
Prof. Prim. Dr. Siegfried Priglinger
Leiter der Sehschule am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz


Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020