DRUCKEN

Epilepsie: Gewitter im Gehirn

Epilepsie: Gewitter im GehirnEpilepsie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter. Schon der griechische Arzt und Philosoph Hippokrates erkannte die Epilepsie als eine vom Gehirn ausgehende Krankheit. Deshalb wurde diese Krankheit, die vor allem im Kindesalter auftritt, lange tabuisiert und damit ihre Erforschung behindert. Auch heute noch sind Eltern besorgt, dass ihr betroffenes Kind als geistig behindert eingestuft werden könnte. Dabei ist Epilepsie heute gut behandelbar.

Zwischen fünf und sieben Prozent der Bevölkerung sind irgendwann bis ins späte Erwachsenenalter von einem epileptischen Anfall betroffen. Besonders häufig tritt die Epilepsie aber im Kindesalter auf. Und kaum jemand weiß, wie viele verschiedene Ausprägungen diese durch eine plötzliche Aktivitätssteigerung der Nervenzellen hervorgerufene Funktionsstörung des Gehirns haben kann. Im Säuglingsalter treten beispielsweise Fieberkrämpfe auf. In der Regel handelt es sich dabei um sogenannte große oder generalisierte tonisch-klonische Anfälle, bei denen die Kinder vorübergehend nicht atmen, sich versteifen und in der Folge am ganzen Körper zu zucken beginnen. „Für die Eltern”, so OA Dr. Rudolf Schwarz von der Landes-Frauen- und Kinderklinik Linz, „ist das ein schreckliches Erlebnis, weil sie fürchten, dass ihr Kind, während es die Luft anhält, sterben könnte.” Aus diesen Krampfanfällen kann sich, muss aber nicht, in der Folge eine Epilepsieerkrankung mit wiederkehrenden Anfällen entwickeln. Außerdem kommen im Säuglingsalter auch so genannte BNS (Blitz-Nick-Salaam)-Krämpfe vor. Diese Anfallsform kann am Beginn mit Bauchkrämpfen verwechselt werden, weil sich die Kinder zusammenziehen oder kurze Nickanfälle haben, indem der Kopf nach vorne fällt. Ein Warnsymptom für diese BNS-Krämpfe ist, wenn der Blickkontakt des Säuglings mit der Mutter verloren geht. Bei von Epilepsie betroffenen Volksschulkinder kommt es häufig zu nächtlichen Anfällen, der Rolando-Epilepsie. Typisch dafür ist, dass die Kinder kurz nach dem Einschlafen oder in den frühen Morgenstunden wach werden und nicht sprechen können, Probleme beim Schlucken sowie ein „komisches” Gefühl in der Mund- und Gesichtsregion haben. Erfreulich ist, dass die Rolando-Epilepsie aus bisher noch unbekannten Gründen in der Pubertät zu 100 Prozent verschwindet.

zum Seitenanfang springen

Hans-Guck-in-die-Luft-Phänomen

Eine spezielle Anfallsform sind Absencen – kurze Bewusstseinspausen. Sie gehen in vielen Fälle mit ganz wenigen oder kaum merkbaren Symptomen einher. Dabei wird der Blick des Kindes leer, vereinzelt legt es den Kopf zurück und die Lider blinzeln im Takt. „Die Gefahr dabei ist”, so Schwarz, „dass die Bewusstseinslage eingeschränkt ist, die Kinder können plötzliche Reize von außen nicht verarbeiten. Im Gegensatz zu den ‚kleinen’ oder fokalen Anfällen ist bei den Absencen mit einem Schlag das ganze Gehirn betroffen. Automatisierte Bewegungen wie Rad fahren kann das Kind dabei zwar weiter ausführen, es reagiert aber bei einer plötzlich auftretenden Gefahr nicht oder zu spät.” So merken vielfach Lehrer, dass Schüler auf einmal unerklärliche Fehler machen und auf Ansprache nicht reagieren. Bei Jugendlichen können morgendliche Anfälle ein bis zwei Stunden nach dem Aufwachen – teilweise nach Schlafentzug – mit heftigen, plötzlichen Muskelzuckungen einhergehen. Diese Form der Epilepsie nennen Mediziner juvenile myoklonische Epilepsie. Betroffen von diesen blitzartigen Zuckungen sind vornehmlich die Arm- und Schulterregion. In mehr als 60 Prozent der Epilepsie-Fälle ist keine eindeutige Ursache für die Anfälle zu erkennen. Daher gilt es festzustellen, ob diese Anfälle Teil einer Epilepsieerkrankung oder Symptom einer anderen Erkrankung sind, was die Ursachenforschung besonders wichtig macht.

zum Seitenanfang springen

Aufklärungsarbeit notwendig

„Noch immer”, so Schwarz, „haben Eltern Angst vor einer Stigmatisierung ihres Kindes als geistig behindert, wenn sie in der Schule die Krankheit ihres Sprösslings bekannt geben. Es bedarf hier sicher gewisser Aufklärungsarbeit Eltern, Schülern und Lehrern gegenüber.” Generell hängt die Therapie bei Epilepsie immer von der Beurteilung der Anfälle ab. Erster und wichtigster Teil einer Therapie ist die Medikamentenbehandlung, wobei gerade bei Kindern Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Konzentrationsschwächen zu beachten sind. Bei behandelbaren Ursachen wie etwa einem Tumor kommen auch Operationen als Therapie in Frage. Auch die Betroffenen selbst können dazu beitragen, ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Jugendliche sollten vor allem Schlafmangel, Alkohol, und in manchen Fällen Flackerlicht in Diskotheken vermeiden.


Erste Hilfe bei großen Anfällen

• Ruhig bleiben und den Betroffenen nicht alleine lassen
• Den Krampfenden aus einem möglichen Gefahrenbereich bringen
• Seinen Kopf vor Eigenverletzung schützen
• Keine harten Gegenstände zwischen die Zähne klemmen
• Den Anfallablauf genau beobachten
• Sobald wie möglich den Patienten in eine stabile Seitenlage bringen
• Beim Patienten bleiben, bis er wieder bei vollem Bewusstsein ist

Mag. Kornelia Wernitznig
Juli 2010


Foto: Bilderbox, privat

zum Seitenanfang springen

Kommentar

Kommentarbild von Dr. Eduard Diabl zum Printartikel „Es ist an der Zeit, dass die Stigmatisierung, Kinder und Erwachsene mit cerebralen Anfällen hätten eine geistige Behinderung, aufhört. Ein Großteil der Anfallspatienten sind völlig gesund, normal intelligent, besuchen die Schule oder haben einen Beruf. Es handelt sich dabei um eine Erkrankung, die man in vielen Fällen gut behandeln, sprich heilen kann und die nur in seltenen Fällen zu einer Behinderung führen muss.”
Oberarzt Dr. Rudolf Schwarz
Landes-Frauen- und Kinderklinik Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020