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Schaufensterkrankheit: Die unterschätzte Gefahr

Schaufensterkrankheit: Die unterschätzte GefahrDie Behandlung der „Schaufensterkrankheit“ sollte nicht verbummelt werden, denn sie ist keineswegs so ungefährlich, wie es der harmlos klingende Name vermuten lässt.

Laut WHO sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen – ischämische Herzkrankheit, Schlaganfall usw. – in Europa die häufigste Todesursache vor Vollendung des 65. Lebens-jahrs. Auch in Österreich stehen kardiovaskuläre Erkrankungen – also jene, die vom Gefäßsystem und/oder vom Herzen ausgehen – an erster Stelle. Im vergangenen Jahr verstarben daran 33.931 Personen.

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Gefäßverkalkung

In Österreich sind über 300.000 Menschen von der Peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) – der sogenannten Schaufensterkrankheiten – betroffen.
Bei dieser Erkrankung handelt es sich um eine Durchblutungsstörung vor allem der Beinarterien, hauptsächlich beruhend auf einer Verkalkung der Arterien. Die eingeengte oder verschlossene Arterie verhindert eine entsprechende Versorgung der Muskulatur mit Blut, folglich mit Sauerstoff und Nährstoffen. Da Muskeln bei Belastung mehr Sauerstoff benötigen, tritt der Schmerz vorerst nur auf, wenn sie belastet werden.
Erleichterung bringt dann Betroffenen eine kleine Rast. Damit die „mangelnden Kondition“ nicht so auffällt, nützen manche die unfreiwillige Pause, um sich Geschäftsauslagen anzusehen. Daher der Name „Schaufensterkrankheit“. Im fortgeschrittenen Stadium haben die Erkrankten sogar im Liegen – also bei Nichtbelastung – Schmerzen in den Beinen.

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Keine Eigenbehandlung

„Wenn man beim Gehen immer wieder Pausen einlegen muss, weil die Waden krampfen oder man einen Muskelkater in den Unterschenkeln hat, sollte man diese Symptome nicht ignorieren oder sich mit irgendwelchen Pulvern selbst behandeln“, warnt der Gefäßmediziner Prim. Dr. Franz Hinterreiter, Vorstand der Abteilung für Gefäßchirurgie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz. „Denn eine nicht erkannte PAVK kann Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Amputation nach sich ziehen.“
Im Gegensatz dazu lässt sich die Erkrankung bei frühzeitiger und korrekter Diagnose – Symptome sind etwa ständig kalte Füße – gut therapieren. Dazu zählen gezieltes Gehtraining, eine cholesterinarme Diät, strikten Verzicht auf Zigaretten oder auch durchblutungsfördernde Medikamente.

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Diabetiker besonders gefährdet

Mit fortschreitendem Stadium entstehen schlecht heilende Wunden und Geschwüre, das betroffene Gewebe kann absterben (Nekrose). Besonders bei der Pediküre, etwa beim Schneiden der Zehennägel kann es zu kleinen Schnittverletzungen oder wunden Stellen kommen, aus denen unbehandelt offene Geschwüre entstehen können. Deshalb sollten Betroffene ihre Füße regelmäßig nach Auffälligkeiten wie Blasen oder kleinen Wunden absuchen. Je eher erkrankte Stellen entdeckt und behandelt werden, desto schneller können sie heilen. Das gilt im Besonderen für Diabetiker.

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Schmerzfreie Diagnose

Der Arzt kann in einem ersten Gespräch schon durch gezieltes Fragen erkennen, ob hinter den Beschwerden eine PAVK steckt. Dann wird mittels Druckmessung und einer Ultraschalluntersuchung festgestellt, ob eine Durchblutungsstörung vorliegt.

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Gefäßdarstellung

Eine Magnetresonanz-Angiografie (Gefäßdarstellung mittels Röntgenkontrastmitteln) oder CT-Angiografie ist dann erforderlich, wenn ein invasiver Eingriff, also eine Katheterbehandlung oder eine Gefäßoperation geplant und durchgeführt werden sollen. „Wenn die Verschlusssituation der Arterien es zulässt, wird nach diagnostischer Angiografie primär an den Beinen eine Arteriendehnung mittels Katheter durchgeführt. Nur wenn dies nicht möglich ist, wird eine gefäßchirurgische Intervention erwogen“, erklärt Hinterreiter.

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Individuelle Behandlung

Die verengten Arterien werden mit Ballons oder Stents (Drahtgeflechte) gedehnt und weit gehalten. Wenn die Verschlussstrecke länger ist, kann auch unter bestimmten Voraussetzungen ein Arterien-Bypass gelegt werden. „Die Behandlung ist immer individuell an den Patienten und die jeweilige Situation angepasst“, erklärt Hinterreiter „So sind Beugezonen wie am Kniegelenk schlechter für Stents geeignet, da in diesen Regionen die mechanische Belastung des Gefäßes größer ist.“

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Erhalt statt Amputation

Weiterentwicklungen im Bereich der Kathetertechnik haben die Möglichkeiten der Therapie bei peripheren arteriellen Gefäßverschlüssen erheblich verbessert. Erst in den letzten Jahren konnte die Bypassanlage bis auf die Fußarterien ausgedehnt werden, wovon besonders Diabetiker profitieren; eine Amputation kann vermieden oder zumindest lange hinausgeschoben werden.

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Drug eluting stents

Große Hoffnung setzten Gefäßmediziner auf medikamentenbeschichtete Stents, so genannte Drug eluting stents. Nach ihrer Implantation in die Gefäßwand geben sie sukzessive Medikamente ab, die den erneuten Verschluss der Arterie verhindern sollen. Nach anfänglich viel versprechenden Ergebnissen an Herzkrankgefäßen, zeigt sich aber, dass der Prozess des Widerverschlusses nur zeitlich verzögert wird. Dennoch ist diese Option interessant und es wird in dieser Richtung immer noch geforscht.
Auch die auflösbaren „Stents“, die vom Körper nach rund sechs bis acht Monaten absorbiert werden, sind ein brandaktuelles Thema in der Gefäßmedizin. Dadurch sollen die Nachteile der klassischen Stents nicht mehr auftauchen. Diese heilen zwar gut ein, doch kommt es trotzdem häufig zu erneuten Verengungen. Hinterreiter: „Klinische Daten, die die Einschätzung der Therapiemöglichkeit mittels auflösbaren Stens zulassen, liegen noch nicht vor.“

Tipp: Ein entsprechender Lebensstil wie fettarme Kost, ein gut eingestellter Blutdruck, Verzicht aufs Rauchen – einer der größten belastenden Faktoren – und regelmäßige Bewegung könnte die Arteriosklerose und ihre Folgen wie PAVK – auch bei genetischer Veranlagung - zumindest zeitlich um einige Jahre verzögern.

Elisabeth Dietz-Buchner
September 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020