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Ein Herz für Nieren

Ein Herz für Nieren; AKHAm 10. März ist der 6. Internationale Weltnierentag. Auch in Österreich leiden immer mehr Menschen an chronischer Niereninsuffizienz, dem endgültigen Nierenversagen. Derzeit leben laut Österreichischem Dialyse und Transplantationsregister (ÖDTR) über 8.176 Menschen mit der Dialyse oder einem Nierentransplantat.

Unsere Nieren vollbringen Höchstleistungen. Täglich durchfließen sie 1.700 Liter Blut. Im Monat sind das in etwa 520 Hektoliter. In beiden Organen gibt es etwa je eine Million „Glomeruli“. Diese winzigen Filterstationen „pressen“ dem Blut in Wasser gelöste, harnpflichtige Giftstoffe wie Kreatinin, Harnstoff und Harnsäure ab.

„Die Niere ist ein wichtiges Organ für unseren Stoffwechsel“, erklärt der Nephrologe Primar Univ.-Prof. Dr. Erich Pohanka, Leiter der II. Medizinischen Abteilung am AKh Linz, Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Nephrologie und Vorsitzender von Austrotransplant. „Außerdem bilanziert die Niere den Wasserhaushalt und dient damit der langfristigen Blutdruckeinstellung, sie reguliert den Elektrolyt- und den Säure-Basen-Haushalt. Die Niere ist durch die Produktion eines Botenstoffes, dem so genannten Erythropoetin (EPO), für die Neubildung von roten Blutkörperchen verantwortlich.“ In den Nieren wird Vitamin D in die aktive Form umgewandelt. Vitamin D reguliert den Einbau von Kalzium und Phosphat in die Knochen.

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Tickende Zeitbombe

Wenn die Nieren nicht mehr funktionieren, kommt es im Körper zu Vergiftungserscheinungen. Das Problem: Fast 90 Prozent der Personen mit chronischer Niereninsuffizienz wissen nicht um ihr Problem. Wenn die Erkrankung im Anfangsstadium diagnostiziert wird, ist es meist Zufall (etwa bei einer Routine-Urinkontrolle oder bei Abklärung eines Bluthochdrucks), denn zu diesem Zeitpunkt haben die Patienten keinerlei Symptome, also auch keine Schmerzen. Das Maß für die Nierenfunktion ist die glomeruläre Filtrationsrate (GFR). Eine chronische Nierenkrankheit liegt vor, wenn im Urin vermehrt Eiweiß ausgeschieden wird und/oder die GFR unter einen bestimmten Wert abgesunken ist.

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Erkrankungen stark gestiegen

Wie viele Menschen weltweit an einem Nierenschaden leiden, kann nur geschätzt werden, denn nicht jedes Land legt so eine exakte und seit Jahren geführte Statistik vor wie das Österreichische Dialyse und Transplantationsregister (ÖDTR). Die International Society of Nephrology & International Federation of Kidney Foundations schätzt in einer Presseaussendung zum World Kidney Day, dass es fünf Prozent sind.

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Zu viel des Guten

Besonders hoch ist der Betroffenenanteil in Ländern mit hohem Wohlstand. Zu viel Essen, zu viel Alkohol, und zu wenig Bewegung münden in Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes II. Auch in Österreich sind immer mehr Menschen von der Niereninsuffizienz betroffen. Besonders in der Altersgruppe zwischen 65 und 75 Jahren haben die Nierenschäden stark zugenommen. Insgesamt leben rund 8.176 Menschen (ÖDTR 2009) mit der Dialyse oder einem Nierentransplantat. Beim chronischen Nierenversagen verzeichnen Nephrologen eine Zunahme von durchschnittlich sechs Prozent pro Jahr. Besonders hoch ist der Anteil in Wien und Niederösterreich. Pohanka: „Wir sprechen von einem deutlichen Ost-West-Gefälle.“

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Letzter Ausweg: Transplantation

Alleine in Österreich warten 800 bis 1.000 Patienten auf eine Spenderniere (durchschnittliche Wartezeit drei Jahre), dabei sind nur rund 20 Prozent der Dialysepatienten für eine Transplantation geeignet. Kontraindikationen: nicht kurativ behandelte bösartige Erkrankungen, klinisch manifeste Infektionserkrankungen, schwerwiegende zusätzliche Erkrankungen (z.B. Herz- und Gefäßerkrankungen, Bronchial- und Lungenerkrankungen, Leberkrankungen), die entweder ein vitales Risiko bei der Transplantation darstellen oder den längerfristigen Transplantationserfolg in Frage stellen.

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Risikofaktoren Diabetes und Bluthochdruck

Die Hauptursache ist Diabetes. „40 Prozent aller Patienten mit Diabetes Typ II entwickeln im Laufe ihres Lebens als Zuckerkranker Nierenschäden“, erklärt der Diabetologe Dr. Peter Grafinger, Oberarzt am AKh Linz. Und nicht wenige Hochdruckpatienten leiden an Nierenerkrankungen wie der „Nephrosklerose“, auch als „hypertensive vaskuläre Nephropathie“ bezeichnet. Das ist eine nicht entzündliche Nierenkrankheit infolge von Bluthochdruck, der zu Gefäßschäden und zu mangelhafter Organdurchblutung führt. Die Folge ist eine Verödung der Glomeruli und damit eine Nierenfunktionseinschränkung.

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Nierenschutz ist Herzsache

Herz und Niere gehören nicht nur sprichwörtlich zusammen, sondern beeinflussen sich in ihrer Funktion gegenseitig. Pohanka: „Herzinsuffizienz kann langfristig die Nieren schädigen – und umgekehrt können geschädigte Nieren das Herz-Kreislauf-System erheblich belasten. Menschen mit Nierenerkrankungen erleiden dramatisch häufiger Herz- und Gefäßerkrankungen als Nierengesunde – und zwar oft, bevor die Nierenerkrankung überhaupt zum Tragen kommt oder bemerkt wird.“

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Regelmäßige Gesundenuntersuchung

„Unser Bestreben ist es, die Risikogruppen – vor allem Diabetiker und Personen mit hohem Bluthochdruck – zu regelmäßigen Gesundenuntersuchungen zu motivieren", so Pohanka. „Denn bei Früherkennung kann ein Fortschreiten der Erkrankung verhindert oder zumindest verzögert werden.“

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Krank durch Medikamente

Gut zehn Prozent aller Nierenfunktionsstörungen gehen auf die Schädigung durch Medikamente zurück, etwa durch die unsachgemäße Einnahme von Schmerzmitteln. Auch Gicht- und Rheumamedikamente können die Nieren schwächen.

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Genetische und Autoimmunkrankheiten

Auch erbliche Nierenerkrankungen wie die „Zystennieren“ führen zum Versagen der Nieren. Ein anderes Problem ist die Gruppe der „Glomerulonephritiden“, bei denen körpereigene Immunzellen die Nieren attackieren. Auch andere Autoimmunerkrankungen können eine Nierenbeteiligung verursachen.

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Künstliche Blutwäsche

Wenn die Leistung der Nieren auf unter 15 Prozent der Norm abfällt, treten infolge mangelnder Ausscheidungen von Schadstoffen und Flüssigkeit zunehmend Beschwerden wie Müdigkeit, Leistungsabnahme, Atemnot, Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen auf. Durch eine Dialyse kann die Ausscheidungsfunktion der Niere soweit ersetzt werden, dass die vitalen Funktionen und die Leistungsfähigkeit des Patienten weitgehend erhalten bleiben.

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1,5 Millionen Patiententage

Die Blutwäsche entfernt überflüssiges Wasser, Mineralstoffe und Abbauprodukte aus dem Körper. Man unterscheidet zwei Verfahren: die Hämodialyse, bei der das Blut außerhalb des Körpers gereinigt wird, und die Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse), die durch Bauchspülungen erfolgt. Während erstere meist ambulant an speziellen Zentren durchgeführt wird, kann die Bauchdialyse vom Patient selbst zuhause vorgenommen werden. Insgesamt gibt es in Österreich laut ÖDTR rund 4.200 Dialyse-Patienten, die in knapp 80 Dialyse-Zentren betreut werden. Im Jahr 2009 wurden für die Blutwäsche 1,5 Millionen Patiententage aufgebracht.

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Folgekrankheiten

Dialysepatienten haben auch mit einer Reihe von Begleiterkrankungen zu kämpfen, wie Bluthochdruck, und infolge ein erhöhtes kardivaskuläres Risiko (Herzerkrankungen und Schlaganfall), erhöhter Phosphoransammlung im Körper, ein gestörter Vitamin-D-Stoffwechsel und Überfunktion der Nebenschilddrüse. Diese „Nebenwirkungen“ können mit Medikamenten und Diät im Zaum gehalten werden.

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Nicht das Ende

Aufgrund von falschen Vorstellungen setzen viele Menschen die Dialyse mit einem Todesurteil gleich, sie ermöglicht aber das Weiterleben, wenn auch mit gewissen Einschränkungen wie Behandlung dreimal pro Woche, die tägliche Einnahme oder Injektion von zahlreichen Medikamenten, eine strenge Diät und ein genaues Management der Trinkmenge. Aber: Dialyse-Patienten haben heutzutage zum Beispiel die Möglichkeit, in Urlaub zu fahren, aktiv am Lebern teilzunehmen und vor allen Dingen, alt zu werden. „Wir haben sogar 80 bis 90-jährige Dialyse-Patienten, was vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wäre“, machen Prim. Prof. Dr. Pohanka und Oberarzt Dr. Grafinger Hoffnung.

Tipp: Wer regelmäßig Blutdruck misst, betreibt aktiven Nierenschutz!

Elisabeth Dietz-Buchner

März 2011

Foto: AKH-Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020