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Was ist Rheuma?

Was ist Rheuma?Rheumatischer Formenkreis: 400 Krankheiten mit vielen Gesichtern. Schmerzen, die durch den Körper fließen, Erkrankungen von Gelenken, Knochen, Muskulatur, Schleimbeuteln und Sehnen, denen weder eine Verletzung noch ein Tumor zugrunde liegen – dafür ist der Begriff „Rheuma“ nur eine recht allgemeine Beschreibung. Ganz unterschiedlich sind Ursachen, Symptome und Verlauf, die harnsäurebedingte Gicht gehört etwa ebenso dazu wie Knorpelverschleißerkrankungen. Wenn der Volksmund von Rheuma spricht, meint er jedoch meist die rheumatoide Arthritis – ein neuerer Name für das altbekannte Leiden chronische Polyarthritis.

Die rheumatoide Arthritis (RA) ist eine chronisch entzündliche Gelenkserkrankung, die den Autoimmunerkrankungen zugerechnet wird. Zugrunde liegt eine fehlgesteuerte Reaktion des körpereigenen Immunsystems, das einen Entzündungsprozess startet. Dieser führt zu einer Verdickung der Gelenkinnenhaut, zur Synovitis.

Statt der ernährenden Gelenksschmiere sammelt sich Entzündungsflüssigkeit im Gelenk. Aggressive Abwehrzellen und Eiweißstoffe greifen die Knorpelstrukturen der Gelenksflächen an und bauen schließlich sogar den darunter liegenden Knochen ab. Der Gelenkerguss und die Gelenkszerstörung werden als schmerzhafte Schwellung sichtbar und spürbar.
Eine rheumatoide Arthritis kann plötzlich, buchstäblich über Nacht, auftreten oder sich schleichend entwickeln. Wenn sie erst einmal da ist und nicht behandelt wird, bleibt sie und nimmt über Wochen und Monate einen chronisch fortschreitenden Verlauf, warnt Dr. Ulrike Stuby, Expertin an der Rheumaambulanz der 2. Medizinischen Abteilung des AKh Linz.

Wenngleich viele ältere Menschen daran leiden, ist die rheumatoide Arthritis keine typische Alterserscheinung. Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Aber die Krankheit kann auch schon im Kindesalter erstmals auftreten. Etwas weniger als ein Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, Frauen allerdings bis zu dreimal häufiger als Männer. Diese Geschlechterverteilung lässt darauf schließen, dass der weibliche Hormonhaushalt und das weibliche Immunsystem hier ein ungünstiges Zusammenspiel betreiben können. Zu einer besonderen RA-Risikogruppe zählen Raucher und Menschen mit Autoimmunerkrankungen in der Familiengeschichte. Die Wissenschaft nimmt an, dass ein genetischer Hintergrund bei der Entwicklung der rheumatoiden Arthritis eine Rolle spielt.

Unser Immunsystem wird letztlich von einer Vielzahl von Genen geregelt, die auch von außen beeinflussbar sind. So können wahrscheinlich bei entsprechender genetisch bedingter Bereitschaft vorangegangene Infektionen verschiedenster Art als Auslöser einer Erkrankung betrachtet werden. Der Volksmund spricht vielleicht nicht zu Unrecht etwa von einer Grippe, die „sich auf die Gelenke geschlagen hat“. Möglicherweise lösen Bruchstücke von Krankheitskeimen im Körper Entzündungsvorgänge aus, wobei das Immunsystem beim Versuch, diese Eindringlinge loszuwerden, ähnlich strukturierte Körperbestandteile gleichzeitig angreift. So könnte nach aktuellen Vorstellungenbeispielsweise sogar eine banale Zahnfleischentzündung, eine Parodontitis, durch Verschleppung von Keimen in die Blutbahn zu einer rheumatoiden Arthritis führen.

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Schmerzhafter Händedruck

Bei den meisten Polyarthritis-Patienten sind die Fingergelenke in Mitleidenschaft gezogen. Der sogenannte Begrüßungsschmerz beim Händeschütteln ist ein typisches Beschwerdebild, ebenso Kraftverlust, ein allgemeines Krankheitsgefühl und erhöhte Entzündungswerte im Blut. Bei einer Erkrankung der Zehengelenke bereitet etwa das Barfußgehen auf unebenem Boden große Schmerzen. Hand- und Ellbogengelenke, Schulter-, Sprung- und Kniegelenke sind häufig beeinträchtigt, seltener die Hüftgelenke. Nur in sehr schweren Fällen kommt es zu einer Entzündung der oberen Halswirbelsäule. Nicht alle, aber viele Patienten kennen die für die rheumatoide Arthritis typische Morgensteifigkeit. Sie betrifft vor allem die Hände und hält mindestens eine halbe Stunde, manchmal auch über Stunden
an. Sogar einfache Tätigkeiten wie das Halten eines Trinkglases oder das Zuknöpfen eines Hemdes werden dadurch erschwert oder unmöglich.

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Augen, Nieren, Herz

Das Karpaltunnelsyndrom, eine Schwellung der Sehnenscheiden im Beugebereich der Handgelenke, ist eine typische Begleiterscheinung bei der Polyarthritis. Oft weist es sogar als Erstsymptom auf eine beginnende Gelenksentzündung hin. Allerdings kann das Karpaltunnelsyndrom oft auch auf eine Verletzung oder Überlastung zurückzuführen sein.

Nicht nur der Bewegungsapparat kann von entzündlichen Rheumaleiden betroffen sein. Sie können auch innere Organe befallen, wie beispielsweise Blutgefäße, Nerven, Augen, Herz, Nieren und Darm. Man spricht dann von systemischen Verlaufsformen. Diese Organbeteiligungen können lebensgefährlich sein, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und richtig behandelt werden. Jede chronische Entzündung im Körper verursacht zudem eine vorzeitige und nachhaltige Schädigung und Alterung des Gefäßsystems, eine Arteriosklerose. Eine unselige Verknüpfung können die Schuppenflechte und Rheuma eingehen. Die Polyarthritis bei Psoriasis befällt vornehmlich die Gelenke der Arme und Beine, wobei das Verteilungsmuster der Schwellungen sich von dem der rheumatoiden Arthritis unterscheidet. Während bei Letzterer die Gelenke meist symmetrisch erkranken, kommt es bei der Psoriasis-Arthritis charakteristischerweise zu Schwellungen etwa von nur einem Finger oder einer Zehe, oft gemeinsam mit einer Nagelveränderung. Für den erfahrenen Rheumatologen sind dies eindeutige Indizien für eine Psoriasis-Arthritis. Eine Spondylarthritis bei Psoriasis zieht hingegen die Wirbelgelenke in Mitleidenschaft. Das Erscheinungsbild der Gelenksveränderungen bei Schuppenflechte kann sich von dem der rheumatoiden Arthritis durchaus unterscheiden. Typisch ist aber, dass hier nie ein Rheumafaktor nachweisbar ist, betont die Linzer Rheumaspezialistin.

Je früher die Arthritis erkannt und behandelt wird, umso günstiger sind die Aussichten, die Krankheit zu unterbinden und einen dauerhaften Gelenks- und Funktionserhalt zu erreichen. Die sichere Frühdiagnose ist jedoch auch mit den neuesten diagnostischen Möglichkeiten nicht einfach, obwohl dafür bereits klare Konzepte erarbeitet worden sind. Nach dem Erstverdacht sollte der Betroffene vom Hausarzt zügig zum Rheumatologen überwiesen werden, fordert Dr. Ulrike Stuby.

Eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte und eine exakte klinische Untersuchung sind genauso wichtig wie Laborwerte und bildgebende Verfahren. Ein Basisröntgen ist unverzichtbar. Nur bei Unklarheiten ist es zur Sicherung der Frühdiagnose sinnvoll, mit Ultraschall und Magnetresonanztomografie (MR) die Entzündungsseite der Gelenksinnenhaut darzustellen.

Um in den Krankheitsverlauf erfolgreich eingreifen zu können, bleibt ab dem Zeitpunkt der Erkrankung ein Zeitfenster von maximal rund zwei Jahren, berichtet Rheumatologin Dr. Stuby. Der Goldstandard ist ein möglichst frühzeitiger und intensiver Einsatz einer Basistherapie mit Medikamenten, die in das Immunsystem eingreifen und seinen irrtümlichen Angriff auf gesunde Gewebsstrukturen unterbinden. Ziel ist, die Entzündungsprozesse so rasch wie möglich zum Erliegen zu bringen und anhaltend und vollständig zu unterdrücken. So sollen weder Schmerzen noch Schwellungen verbleiben und auch keine Entzündungsmarker mehr im Blut nachweisbar sein. Im günstigsten Fall können Krankheitszeichen völlig zum Verschwinden gebracht, eine normale Gelenksfunktion unter Medikamenten erreicht und Sekundärerkrankungen wie Osteoporose verhindert werden. Dieser als Remission bezeichnete Zustand wird erfahrungsgemäß am besten mit einer engmaschigen Überwachung der Patienten in kurzen Kontrollabständen erreicht und erfordert hohes Engagement von Patient und Arzt. Bei einem vorzeitigen Abbruch einer Behandlung der rheumatoiden Arthritis würden die Chancen auf einen erfolgreichen Ausgang deutlich reduziert. Sosehr die Schmerzfreiheit der größte Wunsch der Patienten sein mag – für den Rheumatologen steht die Schwellungsfreiheit im Vordergrund, weil sie das wahre Indiz für den Rückgang der Entzündungsvorgänge ist. Schmerzmittel können nur die Beschwerden lindern – für den Krankheitsverlauf selbst wären sie nur ein schönendes Make-up.

In der physikalischen Therapie liegt die Betonung auf Kälte- beziehungsweise Wärmebehandlungen, wohingegen Elektrotherapien bei der Behandlung von entzündlichen Gelenkserkrankungen keine Bedeutung haben. Tägliche Bewegung der Gelenke etwa im Zuge einer Heilgymnastik ist wichtig, um ihre Einsteifung zu verhindern. Bewegungstherapie ist das Um und Auf bei der Behandlung der rheumatoiden Arthritis.

Operationen infolge einer entzündlichen Gelenkserkrankung, bei denen Gelenke versteift, teilweise entfernt oder ganz ersetzt werden – sie werden dank der modernen und frühzeitigen medikamentösen Behandlung immer seltener notwendig, berichtet die Linzer Rheumaspezialistin. Den richtigen Zeitpunkt für einen Gelenksersatz etwa bei abnutzungsbedingtem Gelenksschaden stellt der Orthopäde fest. Die sogenannte Radiosynoviorthese, bei der radioaktive Medikamente direkt in ein entzündetes Gelenk injiziert werden, wird wegen der (wenngleich auch geringen) radioaktiven Belastung nur zurückhaltend angewendet. Sie ist aber eine mögliche ergänzende Maßnahme, wenn andere Schmerztherapien nicht wirken.

Entgegen einer verbreiteten Meinung gibt es keine Diät gegen rheumatoide Arthritis, weil dieses Leiden nicht durch Ernährungsfehler heraufbeschworen wird. Allerdings sollte Schweinefleisch nur sparsam konsumiert werden, weil es die Bildung von Entzündungsfaktoren verstärken kann. Günstig ist eine gemüsereiche, fleischreduzierte und ausgeglichene Ernährungsweise. Vorbeugen gegen die rheumatoide Arthritis ist nach heutigem Wissensstand zwar nicht möglich, aber eine gesunde Lebensweise kann den Körper rüsten, um der weitgehend schicksalshaften Erkrankung mit mehr Reserven entgegentreten zu können.

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Viel Wissen hilft viel

Der gut informierte Patient weiß, was ihm hilft und wie er sich selber helfen soll, welche praktischen Alltagshilfen und welche soziale Unterstützung er in Anspruch nehmen kann. Die Vernetzung von Betroffenen in Selbsthilfegruppen, die Patientenschulung durch medizinisches Personal und der psychologische Beistand bedeuten einen enormen und dauerhaften Zuwachs an Lebensqualität. Oft fühlen sich die Patienten nämlich in ihrer Alltagsbewältigung geschwächt und alleingelassen mit Familien- und Partnerproblemen. Am besten kommen jene Patienten mit ihrer Erkrankung zurecht, die auf mitfühlende und unterstützende Partner und Familien zählen können.

Klaus Stecher
Mai 2013


Foto: Bilderbox, mauritius, privat

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Biologika

Was ist Rheuma?Biologika sind mit aufwändigen biotechnologischen Methoden hergestellte Arzneimittel, die nun seit mehr als zehn Jahren eine neue therapeutische Ära auch in der Rheumatologie eingeleitet haben. Sie greifen zielgerichtet in einen Krankheitsprozess ein, indem sie etwa entzündungsauslösende und -verstärkende körpereigene Botenstoffe blockieren und jene Reaktionen des Immunsystems unterbinden, die an entzündlichen rheumatischen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis beteiligt sind. Ständig sind neue Generationen von Biologika in der Entwicklung und klinischen Erprobung und stellen neue Wege und Meilensteine in der Rheumabehandlung in Aussicht. Biologika sind nicht zu verwechseln mit pflanzlichen Substanzen aus der Naturheilkunde. Diese sogenannten Phytotherapeutika sollten wegen der Gefahr schwerer unerwünschter Wechselwirkungen nicht ohne Rücksprache mit dem Arzt eingenommen werden.

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Spezialfall Kind

Was ist Rheuma?Weil Kinder zwar verschiedene Formen von rheumatischen Erkrankungen entwickeln können, aber seltener über Gelenksschmerzen klagen, ist eine aufmerksame Beobachtung wichtig. Wenn bewegungsfreudige Kinder plötzlich „bewegungsfaul“ werden, einen bestimmten Körperteil schonen, weinerlich werden, generell einen kranken Eindruck machen, dann könnte eine rheumatische Erkrankung dahinterstecken. Auch Fieber und Lymphknotenschwellungen können damit einhergehen.

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Altersverschleiß

Nicht zu verwechseln mit der Polyarthritis ist die Fingerpolyarthrose, bei der es ebenfalls zu Verdickungen, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen vor allem in den Fingerend-, aber auch –mittelgelenken kommt. Dahinter steckt aber ein altersbedingter vorzeitiger Gelenksverschleiß.

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Rheumafaktor

Der Rheumafaktor ist ein Antikörper, der vom Immunsystem als Reaktion auf verschiedene Erkrankungen gebildet wird. Er kann auch erhöht sein, wenn kein rheumatisches Geschehen im Gange ist. Bei Kindern mit Polyarthritis ist er selten, bei Psoriasis-Arthritis nie nachweisbar. Zwei Drittel bis drei Viertel aller Patienten mit rheumatoider Arthritis weisen einen Rheumafaktor auf, beim Rest ist er trotz der chronischen Erkrankung nicht nachweisbar – somit ist er nur ein Steinchen im Diagnosemosaik. Ein erst in den letzten Jahren entdeckter, sehr spezifischer Biomarker, der einen viel früheren Krankheitsnachweis erlaubt, sind die sogenannten Antikörper gegen citrullinierte Proteine, auch ACPA oder CCP-Antikörper genannt. Diese sind aber auch nur bei 50 Prozent der Erkrankten nachweisbar.

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Kommentar

Was ist Rheuma?„Wer rastet, der rostet: Die häufigsten rheumatischen Beschwerden entstehen aus der Untätigkeit. Früher hat die Überarbeitung Probleme verursacht, heute ist die Unterforderung unseres Bewegungsapparates der häufigste Grund für akute und chronische Beschwerden.“
OÄ Dr. Ulrike Stuby
Fachärztin in der Rheumaambulanz, AKh Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020