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Chronischer Schmerz ohne körperliche Ursache

Chronischer Schmerz ohne körperliche UrsacheDie Schmerzen dauern bereits mehrere Monate an und der Leidensdruck ist groß. Der Gang zum Arzt führt bei den meisten Betroffenen jedoch zu keiner befriedigenden Diagnose. Denn typisch für eine somatoforme Schmerzstörung ist, dass die Schmerzen keine organische Ursache haben, wie Dr. Michael Bach vom Krankenhaus Steyr erklärt.

Was man unter dem Begriff „somatoforme Schmerzstörung“ versteht, definiert Universitätsprofessor Dr. Michael Bach, Leiter der Abteilung für Psychiatrie am Krankenhaus Steyr, folgendermaßen: „Bei einer somatoformen Schmerzstörung handelt es sich um chronische Schmerzen, die länger als sechs Monate andauern, und für die es keine organmedizinische Erklärung gibt.“ Die Schmerzen sind also auf keine organische Erkrankung zurückzuführen.

Keine „Einbildung“ der Schmerzen

Der Begriff setzt sich aus dem Griechischen „soma“ (= Körper) und dem Lateinischen „forma“ (= Gestalt) zusammen. „Diese Definition bedeutet, dass es so aussieht, als ob es sich um eine körperliche Erkrankung handelt, tatsächlich ist es aber keine. Der Begriff ist somit stigmatisierend, weil man annehmen könnte, dass die Betroffenen ihre Schmerzen nur vortäuschen“, erklärt Dr. Michael Bach. Das ist aber keineswegs der Fall. Denn Schmerzen sind nach dem bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell auf biologische, psychische und soziale Faktoren zurückzuführen. „Bei der somatoformen Schmerzstörung spielen die biologischen Faktoren eine untergeordnete, die psychischen und sozialen hingegen eine größere Rolle“, sagt der Universitätsprofessor.

Das Spektrum der Schmerzen ist groß: Sie können auf einzelne Körperregionen begrenzt sein und sich etwa als Kopf-, Rücken-, Gelenk- oder Bauchschmerzen äußern. Viele Betroffene leiden auch unter Ganzkörperschmerzen: Der ganze Körper – bis auf wenige Stellen – schmerzt. Kennzeichnend für eine somatoforme Schmerzstörung sind zudem „wandernde“ Schmerzen, die nicht auf eine bestimmte Körperstelle wie Arme oder Beine beschränkt sind.

„Doctor Shopping“ der Betroffenen

Da der Leidensdruck meist sehr groß ist, suchen viele der Betroffenen trotz negativer Befunde immer wieder Ärzte auf, um doch eine körperliche Ursache für ihre Beschwerden zu finden („Doctor Shopping“). Häufig fehlt es ihnen an der Einsicht, dass psychische Faktoren bei der Schmerzursache eine Rolle spielen.

Verluste in der frühen Kindheit

Warum man eine somatoforme Schmerstörung entwickelt, erklärt der Facharzt für Psychiatrie wie folgt: „Es gibt psychosoziale Risikofaktoren. Das können schwere Verlusterlebnisse in der Kindheit sein, wenn beispielsweise eine primäre Bezugsperson wie Vater oder Mutter stirbt.“ Auch sozio-kulturelle Einflüsse wie bei Menschen mit Migrationshintergrund oder schwere Traumata wie etwa sexueller Missbrauch oder Kriegserlebnisse sind bei der Entstehung von Bedeutung. „Kommt es zur Wiederholung der früheren Erfahrungen durch Jobverlust oder Scheidung, bringt dieser aktuelle Konflikt die somatoforme Schmerzstörung zum Auslösen“, so Dr. Michael Bach.

Beziehung zum Körper entwickeln

Die Therapie besteht aus mehreren Säulen. Bei der Psychotherapie geht es darum, die Belastungen und Konflikte der Vergangenheit und Gegenwart aufzuarbeiten. Ergänzt wird die Behandlung durch eine Bewegungs- oder Physiotherapie. Dr. Michael Bach: „Betroffene sollen dabei lernen, wieder eine Beziehung zum Körper zu entwickeln.“ In einigen Fällen helfen auch Medikamente. „Vor allem Antidepressiva, die eine direkte schmerzlindernde Wirkung haben, und die Antikonvulsiva, die ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurden, sind hilfreich. Klassische Schmerzmittel oder Opiate haben eine untergeordnete Rolle bei der Behandlung einer somatoformen Schmerzstörung.“

MMag. Birgit Koxeder
Mai 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020