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Schlaganfall: Häufigste Ursache für dauernde Behinderung

Schlaganfall: Häufigste Ursache für dauernde BehinderungDer Begriff Schlaganfall steht für zwei unterschiedliche Ereignisse im Gehirn: die Arterienverengung beziehungsweise Verstopfung durch ein Blutgerinnsel und die Gehirnblutung durch ein verletztes Blutgefäß. Ein Blutgerinnsel ist für 80 bis 85 Prozent aller Schlaganfälle verantwortlich, in zehn bis fünfzehn Prozent der Fälle ist eine Gehirnblutung schuld.

Ein Aneurysma, eine erweiterte Hirnarterie, führt zum Schlaganfall, wenn die schadhafte Gefäßwand platzt. Bei der sogenannten Subarachnoidalblutung dringt Blut in den Raum zwischen den inneren Hirnhäuten ein, die das Gehirn unmittelbar umschließen.

Blutgerinnsel, die etwa durch Rhythmusstörungen im Herzen entstehen und abwandern, Gefäßentzündungen und vor allem die Arteriosklerose, die Gefäßverkalkung, sind der weitaus häufigste Grund für einen Hirninfarkt. Die Arteriosklerose ist eine Systemerkrankung. Sie erfasst nicht nur einzelne Körperbereiche, sondern das gesamte Blutgefäßsystem, betont der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie Univ.-Doz. Dr. Hans-Peter Haring von der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. Bei verkalkten Beingefäßen ist beispielsweise immer anzunehmen, dass auch die Halsschlagader, die Karotis, geschädigt ist. Etwa jeder fünfte Schlaganfall geht von einer verengten Karotis aus. Von dort können Blutgerinnsel auch in Gehirnareale verschleppt werden.

Egal, ob Mangeldurchblutung oder Gehirnblutung – die betroffenen Gehirnzellen sind sofort von der Versorgung mit Sauerstoff und Zucker abgeschnitten. Bei vorerst noch intakter Zellstruktur versagt die Zellfunktion. Das bewirkt zum Beispiel eine Lähmung. Den Nähr- und Sauerstoffmangel hält die Zelle für wenige Stunden aus. Wenn dann die Versorgung noch immer nicht anläuft, stirbt sie.

Typisch sind einseitige Funktionsausfälle – etwa ein hängender Mundwinkel, eine Lähmung der Gliedmaßen, meist im Verbund mit Gefühlsstörungen. Sie betreffen immer die der geschädigten Hirnhälfte gegenüberliegende Körperhälfte. Weil das Sprachzentrum bei den meisten Menschen in der linken Gehirnhälfte liegt, löst ein Schlaganfall in dieser Hirnhemisphäre häufig eine Sprachstörung aus, im Bereich der Sehrinde äußert er sich als Erblindung in der jeweils gegenüberliegenden Gesichtshälfte. Sehstörungen können durchaus als alleiniges Zeichen eines Schlaganfalls auftreten und werden dann häufig nicht sofort als Alarmsignal verstanden.

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Stumme Hirninfarkte

Ein stummer Schlaganfall verläuft unbemerkt, weil er sich in Gehirnregionen abspielt, wo der Schaden keine auffälligen Folgen zeigt. Mit bildgebender Diagnostik wie Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MR) ist er aber durchaus nachweisbar. Der stumme Hirnschlag ist ebenso wie das „Schlagerl“ als Hochrisikofaktor für einen nachfolgenden weiteren Schlaganfall ernst zu nehmen. Die vorübergehende Hirndurchblutungsstörung, in der Medizinsprache transitorische ischämische Attacke (TIA) genannt, verursacht ähnliche Symptome wie ein „großer“ Schlaganfall. Weil diese Ausfälle oft jedoch nur wenige Augenblicke oder Minuten, nie länger als einen Tag dauern, werden sie vom Laien häufig bagatellisiert. Sie sind jedoch meist Vorboten für einen massiven Schlaganfall.

Sofort die Rettung rufen, dem Patienten keinesfalls Medikamente oder etwas zu trinken geben, eine Liste sämtlicher eingenommenen Arzneien zusammenstellen – mehr kann der Laie in dieser Notsituation nicht tun. Ob der Kranke Blutverdünnungsmittel einnimmt – das ist allerdings eine entscheidende Information für die Ärzte in der Notaufnahme: Weitere Behandlungsschritte hängen davon ab.

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Enormer Zeitdruck

Am besten wird der Patient schon im Spital angekündigt – die Ärzte kämpfen um Minuten. Einer kurzen Untersuchung folgt eine Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MR). Nur so ist zu klären, ob tatsächlich ein Gehirnschlag eingetreten ist, ob und wo eine Gehirnblutung oder ein Gefäßverschluss passiert ist und ob noch Gewebe zu retten ist.

Für die Thrombolyse-Therapie, den Versuch, das Blutgerinnsel chemisch aufzulösen, bleiben nach dem Eintritt des Schlaganfalls nur viereinhalb Stunden. Je kleiner dieser Zeitrahmen wird, umso geringer sind die Erfolgschancen, die höchstens 50 Prozent betragen. Bei Patienten mit Blutverdünnung verbietet sich die Thrombolyse.

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Erfolgsrate 90 Prozent

Für die Katheterbehandlung kann die Frist in Einzelfällen auf sechs Stunden ausgedehnt sein. Dabei wird das Blutgerinnsel von der Leistenbeuge aus regelrecht herausgefischt – vorausgesetzt, dass der Durchmesser der betroffenen Arterie groß genug zum Einführen des Katheters ist, also mehr als einen Millimeter. Die Erfolgsrate beträgt 90 Prozent.

Die anschließende Betreuung des Patienten auf einer Stroke-Unit (von englisch stroke = Schlaganfall) mit dem im Vergleich zur Normalstation viel größeren Ärzte- und Pflegeteam erlaubt eine lückenlose Überwachung rund um die Uhr. Selbst nach gelungenen Akutmaßnahmen droht noch Gefahr. In den ersten 48 Stunden können überall im Organismus Komplikationen auftreten, die einen sofortigen Handlungsbedarf bedeuten.

Die Rehabilitation dauert vier bis sechs Wochen und beginnt, sobald es der Zustand des Patienten erlaubt – schon auf der Stroke-Unit, durchaus am nächsten Tag. Die sogenannte Plastizität des Gehirns ist dabei gefordert – gesunde Nervenzellen können Aufgaben übernehmen, für die sie bislang nicht zuständig waren. Die Logopädie bemüht sich um Verbesserung von Atemtechnik, Stimme, Schluckvermögen, Aussprache und Redefluss. In der Ergotherapie werden gezielte Aktivitäten zur eigenständigen Versorgung geübt, auch um Beeinträchtigungen auszugleichen. Kraft, Ausdauer und Motorik werden in der Physiotherapie trainiert. Je nach Ausprägung der Funktionsdefizite kommen unterschiedliche Therapiekonzepte zum Einsatz. Ziel ist die bestmögliche Rückgewinnung von Alltagsfähigkeiten. Im Idealfall gelingt eine völlige Wiederherstellung – ohne bleibende Schäden. Das Risiko eines weiteren Schlaganfalls beträgt in den ersten Tagen und Wochen bis zu 20 Prozent, sinkt dann langsam ab und ist nach einem Jahr nicht höher als bei jedem anderen Menschen auch.

Klaus Stecher
Jänner 2014


Foto:© Roland Peter / pixelio.de, privat

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FAST-Test

F – Face (Gesicht): Beim Versuch zu lächeln zeigt sich eine einseitige Gesichtslähmung, etwa ein herabhängender Mundwinkel.

A – Arms (Arme): Der Versuch, beide Arme nach vorne auszustrecken und anzuheben, mit den Handflächen nach oben, macht Mühe.

S – Speach (Sprache): Der Betroffene kann einen einfachen Satz nur verdreht oder undeutlich nachsprechen.

T – Time (Zeit): Wenn auch nur eines dieser Anzeichen zutrifft, sofort die Rettung holen

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Operation oder Stent

Eine vorsorgliche Operation an der Halsschlagader ohne vorangegangene Beschwerden wird wissenschaftlich ebenso kontrovers beurteilt wie die Vorsorgeuntersuchung des Gehirns auf Aneurysmen.
Das Risiko, durch den Eingriff einen Zwischenfall auszulösen, mag unter Umständen höher sein als der beabsichtigte Nutzen. Eine Alternative zur Karotisoperation ist der Karotisstent: Eine röhrchenförmige Gefäßstütze wird von der Leistenbeuge aus über die Arterienwege in die Halsschlagader eingeschleust und erweitert dauerhaft den Gefäßquerschnitt.

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Kommentar

Schlaganfall: Häufigste Ursache für dauernde Behinderung„Eine Operation oder eine Stentversorgung der Halsschlagader zeigt nach Schlaganfällen gute Langzeitergebnisse, wenn gleichzeitig die Risikofaktoren ausgeschaltet werden: Nikotin, Bewegungsmangel, Übergewicht, hohe Blutfettwerte, Diabetes und Bluthochdruck.“
Univ.-Doz. Dr. Hans-Peter Haring
FA f. Neurologie und Psychiatrie, Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, Linz

Zuletzt aktualisiert am 29. April 2020