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Überbein: Lästige „Bibelzyste“

Überbein: Lästige „Bibelzyste“Oft bleibt es völlig unbemerkt und bildet sich von selbst wieder zurück. In einigen Fällen jedoch verursacht es Schmerzen und muss operativ entfernt werden. Die Rede ist vom Ganglion. Was es mit dieser in der Umgangssprache auch als Überbein bezeichneten Gallertzyste auf sich hat, erklärt Dr. Josef Hochreiter vom Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz.

Das Ganglion ist eine gutartige Erkrankung, bei der sich eine mit Flüssigkeit gefüllte Zyste an einer Sehnenscheide oder Gelenkkapsel bildet. Ihre Größe kann stark variieren. Ein Ganglion kann wenige Millimeter oder mehrere Zentimetern groß werden. Was es mit diesen Zysten auf sich hat, erklärt Prim. Dr. Josef Hochreiter, Vorstand der Abteilung für Orthopädie und orthopädische Chirurgie am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz: „Ganglien sind pathologische, also krankhafte, Veränderungen, die auf eine vermehrte Flüssigkeitsproduktion in einem Gelenk oder einer Sehnenscheide zurückzuführen sind, wodurch sich eine Wölbung beziehungsweise Ausstülpung bildet.“

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Mögliche Ursachen: Reizung oder Überbelastung

Ganglien haben ihren Ursprung also in Sehnenscheiden oder Gelenkkapseln und sind mit Gallert gefüllt. Warum sie plötzlich entstehen, hat verschiedene Ursachen. Durch eine chronische Reizung oder Schwäche des Kapselapparates kann Flüssigkeit aus dem Gelenk oder der Sehnenscheide austreten und eine Ausstülpung bilden. So beobachtet man ein vermehrtes Auftreten von Ganglien nach Verletzungen oder nach körperlicher Anstrengung. Aber auch eine Entzündung kann für das „Überbein“ verantwortlich sein. Das entstandene Ganglion wächst, indem es sich mit flüssigem Inhalt aus dem Gelenk oder dem Sehnenraum füllt. Dabei ist es über einen Verbindungsgang mit dem Gelenk verbunden und kann als Höcker unter der Haut getastet werden. Ganglien treten oft an den Finger- oder Handgelenken sowie am Fußrücken auf. „Am häufigsten aber entstehen sie in der Kniekehle, was auch als Baker-Zyste bezeichnet wird. Sie ist auf mechanische Probleme im Gelenk zurückzuführen wie etwa einen Meniskus- oder Kreuzbandriss oder eine Instabilität“, erklärt Hochreiter.

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Schmerzen, Druckgefühl oder Kribbeln

Das Spektrum der Symptome ist von Patient zu Patient verschieden. Während einige Betroffene keine Probleme haben, leiden andere wiederum unter „relativ moderaten Beschwerden“, wie Hochreiter beschreibt. Dazu zählen etwa Schmerzen oder ein Druckgefühl. Auch kann das Ganglion die Funktion des betroffenen Gelenks beeinträchtigen. Drückt es zudem auf Nerven, macht sich dies in einigen Fällen durch ein Taubheitsgefühl oder Kribbeln bemerkbar. „Auch kann das Ganglion benachbarte Strukturen wie Muskeln, Gefäße oder Nerven verdrängen, weil es Platz braucht, und dadurch Beschwerden verursachen“, so der Orthopäde.

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Abwarten und beobachten

Nicht immer muss ein Ganglion behandelt werden. In einigen Fällen schrumpft es von selbst. Vor allem dann, wenn der Grund für die Entstehung ausgemacht werden kann. Hochreiter: „Ist die Ursache erkennbar, etwa vermehrte Gartenarbeit bei einem Ganglion am Handgelenk, reichen oft Schonung und Entlastung.“ Bildet sich das „Überbein“ dennoch nicht zurück, stehen verschiedene Therapiemöglichkeiten zur Verfügung: „Nach der Diagnose mittels Röntgen oder Magnetresonanztomographie beziehungsweise einer ausführlichen klinischen Untersuchung wird das Ganglion punktiert, wobei man den Inhalt des Zyste absaugt“, sagt der Mediziner. In einigen Fällen ist die Flüssigkeit jedoch bröckelig, sodass keine Punktion möglich ist. Dann ist oft eine operative Entfernung notwendig.

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Ganglienoperation: Routineeingriff

Bei der Operation werden über einen kleinen Hautschnitt das Ganglion und die Verbindung zur Gelenkkapsel oder Sehnenscheide entfernt. Die Nachbehandlung beinhaltet das Tragen einer Kompressionsbandage und regelmäßige Kontrolluntersuchungen. Zudem sollte das betroffene Gelenk einige Wochen geschont werden. Eine Ausnahme stellt ein Ganglion in der Kniehöhle dar: „Hier sollte zunächst die Ursache wie ein Meniskusriss behoben werden. Oft bildet sich die Baker-Zyste dann von selbst zurück“, so Hochreiter. Leider neigen Ganglien jedoch zu Rezidiven. Bei einigen Patienten kommt es also zum erneuten Auftreten des „Überbeins“. Warum das so ist, erklärt Hochreiter folgendermaßen: „Oftmals ist es Patienten nicht möglich, die verordnete Ruhigstellung des Gelenks einzuhalten, beispielsweise aus beruflichen Gründen. Es kann aber auch sein, dass die mechanischen Ursachen nicht ausreichend saniert wurden oder, dass sie erneut auftreten wie ein Meniskusriss an einer anderen Stelle.“

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Ganglien nicht selbst zertrümmern

Von einer Selbsttherapie durch Zertrümmern des „Überbeins“ ist strikt abzuraten. Auch wenn Ganglien früher oft mit einer Bibel zerschlagen wurden – daher auch der Name Bibelzyste – warnt der Mediziner: „Ich rate Betroffenen, in keinem Fall das Ganglion selbst zu zertrümmern, weil dadurch Verletzungen entstehen können. Das Ganglion ist Ausdruck eines Problems, dessen Ursache man untersuchen muss.“ Zudem können sich Entzündungen einstellen, wenn man es auf eigene Faust aufsticht und versucht, die enthaltene Flüssigkeit dadurch zu entleeren.

MMag. Birgit Koxeder

November 2011

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020