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ADHS im Erwachsenenalter

ADHS im ErwachsenenalterADHS ist keine Kinderkrankheit, auch viele Erwachsene sind betroffen. Die Krankheit besteht stets seit der Kindheit, wird oft aber erst spät oder gar nicht erkannt.

ADHS ist eine Störung, die durch motorische Unruhe (Hyperaktivität), Unkonzentriertheit, erhöhte Ablenkbarkeit und Impulsivität gekennzeichnet ist. Bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) denkt man in der Regel an zappelnde, laute Kinder. Doch was wird aus den unruhigen, nicht stillsitzenden Kindern, wenn sie erwachsen werden? Da ADHS eine chronische Erkrankung ist, verschwindet sie in der Regel nicht einfach. Als gesichert gilt, dass sie sich vor dem siebten Lebensjahr ausbildet.

Ungefähr drei bis sieben Prozent aller Kinder sind davon betroffen. Die Zahl der betroffenen Erwachsenen in Österreich nicht bekannt, in Deutschland geht man von bis zu 4,7 Prozent aus. Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen. Ob und wie Kinder ihre Symptome mit ins Erwachsenenalter mitnehmen, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Bei einem Teil werden sie geringer (das betrifft vor allem die Hyperaktivität), bei einem Teil verändern sich die Symptome, sie verschwinden aber nicht. „Viele lernen im Laufe der Zeit, wie man damit leben kann und sind in der Arbeit und im sozialen Leben gut integriert“, sagt Primar Dr. Johanna Winkler, Leiterin der Psychiatrischen Abteilung in der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

Störung des Nervensystems

Bei ADHS handelt sich um eine Störung des Nervensystems, wobei Nervenfaserverbindungen vom Großhirn zu den Basalganglien hin zum Thalamus gestört sind. Basalganglien sind für Wahrnehmung und Gefühlsregungen zuständig, der Thalamus entscheidet, welche Reize als wichtig oder als unwichtig angesehen werden. Ist dieser Regelkreis gestört, erscheint alles als gleichermaßen wichtig, es kommt zu einer Überflutung von Eindrücken. Neben der Wahrnehmung ist auch die Verarbeitung von Gefühlsregungen gestört.
Ob jemand von ADHS betroffen ist, ist zu einem großen Teil genetisch bedingt. Ist ein Elternteil erkrankt, steigt die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls an ADHS zu erkranken, um das achtfache. Eine weitere bekannte Ursache ist ein abträglicher Lebensstil in der Schwangerschaft. Untersuchungen weisen darauf hin, dass der Dopaminstoffwechsel bei Patienten mit ADHS verändert ist. Dopamin ist unter anderem für Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit verantwortlich. Alkohol und Nikotin greifen in den Dopaminstoffwechsel des Fötus ein und beeinflussen diesen.

Symptome

ADHS ist bei Erwachsenen schwerer zu erkennen als bei Kindern, weil die Anzeichen dafür vielfältiger sein können. Erwachsene zeigen folgende typische Verhaltensweisen: Sie

  • sind überaktiv, eine Aktivität jagt die andere, sie versuchen ständig mehrere Dinge gleichzeitig zu tun,
  • sind innerlich und äußerlich unruhig; es fällt ihnen z.B. schwer, ruhig zu sitzen, ohne mit einem Gegenstand zu spielen, mit einem Fuß zu wippen oder mit Fingern zu trommeln,
  • sind unorganisiert, können schlecht vorausplanen und Termine einhalten, schieben diese auf, bevorzugen spontane Vereinbarungen, vergessen Abmachungen und Geburtstage, verlieren oder verlegen Gegenstände,
  • können schlecht zuhören, sind ungeduldig, können kaum warten (an Ampeln, im Stau, an der Supermarktkasse),
  • fangen vieles an und bringen vieles nicht zu Ende, langweilen sich schnell,
  • betreiben häufig viele und oft auch „actionreiche“ und riskante Sportarten. Sie suchen sich Berufe und Hobbys mit viel Abwechslung.

Einige Symptome haben Kinder und Erwachsene mit ADHS gemeinsam. Sie tun sich schwer, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren. Sie sind leicht ablenkbar, alles andere scheint interessant und alles erscheint gleich wichtig zu sein. Aus diesem Mangel an Konzentrationsfähigkeit resultiert häufig eine mangelhafte Ausbildung in Schule und Beruf.
Ein Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen mit ADHS: Während bei Kindern vor allem die körperliche Unruhe im Vordergrund steht, drückt sich die Hyperaktivität bei Erwachsenen häufig durch innere Unruhe und Nervosität aus. Die motorische Unruhe (das Zappeln mit Händen und Füßen) bildet sich von all den Symptomen im Lauf der Jahre am ehesten zurück.

Gefühle schwer zu beherrschen

Menschen mit ADHS haben häufig große Probleme, ihre Gefühle zu beherrschen. Zwar können sie gefühlvoll und hilfsbereit sein, jedoch kann sich dieser Impuls rasch ändern. Mangelnde Impulskontrolle führt rasch zu Reizbarkeit und Wutausbrüchen, zu Fehlern in der Arbeit oder zu riskantem Verhalten im Straßenverkehr. Ausgeprägte Stimmungsschwankungen sind nicht selten.

Verwechslungsgefahr – Genau hinsehen

Bei Vorliegen der typischen Symptome sollte man an ADHS denken. Freilich muss man genau hinsehen, denn es können auch andere Störungen oder Erkrankungen vorliegen. Etwa eine manisch depressive Erkrankung, eine Angsterkrankung oder eine Suchtmittelabhängigkeit. „Ständige und starke Gereiztheit können zum Beispiel auch auf eine Depression oder eine Persönlichkeitsstörung hinweisen und Unachtsamkeit kann auch bloß ein Charakterzug sein, ohne gleich krankhaft sein zu müssen“, so Winkler. Bei vorschneller ADHS-Diagnose besteht die Gefahr, dass Antidepressiva und andere Medikamente verschrieben werden, ohne dass sie nötig sind.

Diagnose

Zuerst sollte der Hausarzt verschiedene Stoffwechselstörungen und Erkrankungen ausschließen. Bei Verdacht auf ADHS wird er an einen Psychiater überweisen. Dieser erstellt eine Diagnose anhand der Anamnese und Symptome.
Man kann sich vorab bei Verdacht auch selbst testen, etwa unter http://www.adhs-studien.info/adhs_selbsttest.html.

Behandlung

Ein unbehandeltes ADHS kann sowohl beruflich als auch privat Probleme bereiten. Ob man sich als Betroffener behandeln lassen sollte, hängt davon ab, ob ein Leidensdruck besteht und ob man im Alltag infolge seiner Veranlagung Schwierigkeiten hat, etwa wenn man wegen seiner Unorganisiertheit seinen Job oder wegen ständiger Gereiztheit seinen Partner verliert.
Für Betroffene geht es darum, ihren Alltag besser organisieren zu können und Struktur in ihr Leben zu bringen. Hilfsmittel wie Kalender, To-Do-Listen etc. helfen, einen Überblick zu bekommen und selbst kontrollieren zu können, was zu erledigen ist.

Psychologische Unterstützung

Entscheidet man sich für eine Behandlung, steht zumeist Verhaltenstherapie als geeignetes Mittel zur Verfügung. Hier lernt man, Struktur in seinen Alltag zu bringen, man trainiert seine Aufmerksamkeit, lernt Organisationsplanung und Stressmanagement. Darüber hinaus ist es für viele Patienten hilfreich zu lernen, besser mit ihren Gefühlen umzugehen. Auch Achtsamkeits- und Konzentrationstraining zeigen gute Erfolge. „Es bräuchte hierzulande viel mehr Therapieangebote. In Deutschland zeigt sich etwa, dass Gruppentherapie sehr erfolgreich ist. Die Beteiligten erkennen im Anderen ihr eigenes Verhalten und lernen dadurch sehr rasch. Leider gibt es diese Form der Therapie in Österreich bisher kaum“, bedauert Winkler.

Medikamente

Medikamente (wie z.B. Ritalin) kommen nur fallweise zum Einsatz, vor allem dann, wenn Verhaltenstherapie keinen Erfolg hat. Die Behandlungsdauer ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich und muss individuell bestimmt werden.

Dr. Thomas Hartl
Mai 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020