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Trichter- oder Kielbrust: Was hilft?

Trichter- oder Kielbrust: Was hilft?Trichter- oder Kielbrüste sind aufgrund der ästhetischen Beeinträchtigung häufig mit einem großen Leidensdruck verbunden. Betroffene schämen sich und ziehen sich zurück. Eine operative Korrektur schafft hier oft Abhilfe. Wie die Behandlung funktioniert, erklärt Univ.-Prof. Dr. Michael Höllwarth.

Mit einer Häufigkeit von einem von tausend Jugendlichen sind Trichterbrüste nicht gerade selten. Doch was versteht man unter dieser Brustwandverformung, zu der auch die Kielbrust zählt? „Bei der Trichterbrust handelt es sich um eine meist asymmetrische, in seltenen Fällen rinnenförmige Vertiefung im Bereich des unteren Brustbeins. Die Kielbrust ist das Gegenteil. Sie wird auch als Hühnerbrust bezeichnet“, erklärt Michael Höllwarth, emeritierter Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendchirurgie an der Medizinischen Universität Graz.

Nach innen oder außen gewölbt

Eine Trichterbrust (Pectus excavatum) macht sich durch ein Einsinken des Brustkorbs bemerkbar, wobei die Verformung häufig im Laufe des Wachstums – insbesondere in der Pubertät – deutlich ausgeprägter wird und die Betroffenen zu stören beginnt. Sie tritt bei Jungen dreimal häufiger auf als bei Mädchen. Eine Kielbrust (Pectus carinatum) hingegen zeichnet sich durch eine Vorwölbung des Brustbeins und/oder eine ein- oder beidseitige Vorwölbung der Rippenregionen direkt neben dem Brustbein aus. Einer von 10.000 Jugendlichen ist davon betroffen.

Ursachen der Verformungen

Welche Ursachen die Verformungen haben, ist noch nicht eindeutig geklärt. „Zirka 25 Prozent weisen eine familiäre Häufung auf. Das heißt, dass bereits Eltern, Geschwister oder Großeltern davon betroffen waren. Wahrscheinlich handelt es sich bei Trichter- und Kielbrüsten um eine Wachstumsstörung. Die Knorpel-Knochengrenze, die das Brustbein an der vorderen Brust fixiert, wächst verstärkt nach innen oder hinaus. Warum das geschieht, weiß man aber noch nicht“, sagt der Mediziner.

Körperliche Beschwerden durch Verformung

Trichter- und Kielbrüste können in seltenen Fällen körperliche Probleme verursachen und beispielsweise die Funktion von Lunge oder Herz beeinträchtigen. „Es handelt sich aber überwiegend um ein kosmetisches Problem. Eine von uns durchgeführte umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung von Trichterbrustpatienten mit Lungenfunktion und Ergometrie, also einer körperlichen Leistungsbeurteilung, ergab, dass Betroffene hinsichtlich Lungen- und Herzfunktion keine Unterschiede zur Normalbevölkerung haben. Die subjektiv berichteten Beschwerden, wie etwa Atemnot bei sportlicher Betätigung, konnten nicht objektiviert werden“, erklärt Höllwarth.

Das Selbstwertgefühl leidet

Am meisten Leid ruft bei den Patienten vor allem die ästhetische Beeinträchtigung hervor. „Sie finden die Verformung einfach unschön. Dadurch ist jeder Blick in den Spiegel störend“, sagt der Facharzt. Betroffene schämen sich und meiden es, sich mit nacktem Oberkörper – beispielsweise im Freibad – zu präsentieren oder sich beim Sportunterricht vor den Klassenkollegen umzuziehen. Nicht selten nehmen sie eine krumme Haltung ein, um den Makel zu kaschieren oder sie verschränken ständig die Arme vor der Brust, weil sie von der Deformierung abzulenken versuchen.

Therapie: Von der Saugglocke zur Operation

Die Therapie beinhaltet sowohl konservative als auch operative Maßnahmen. Zu Erstgenannten zählt etwa die Behandlung mit einer Saugglocke. Bei diesem Verfahren wird ein Unterdruck erzeugt, während die Saugglocke auf die Trichterbrust aufgesetzt wird. Dadurch soll sich der Trichter bei regelmäßiger Anwendung allmählich aufrichten. „Das Verfahren ist aber sehr mühsam, weshalb es nur wenige Betroffene machen“, erklärt Höllwarth. Zudem gäbe es über aussichtsreiche Langzeiterfolge keine ausreichend gesicherten Berichte.
Häufiger kommt die minimal-invasive Trichterbrustkorrektur zum Einsatz. Dabei wird über zwei kleine, seitlich am Brustkorb gelegene Schnitte eine Schiene in den Brustkorb eingebracht und für zirka drei Jahre dort belassen. Sie drückt das Brustbein während dieser Zeit nach außen. „Die Technik kann man mit einer Kieferregulierung vergleichen, bei der sich der Knochen ebenfalls durch den Druck allmählich anpasst und in die gewünschte Richtung wächst“, so der Mediziner.
Eine weitere Variante ist die offene Operation: Über einen Schnitt eröffnet der Chirurg hierbei den Brustkorb und durchtrennt die Knochen-Knorpelgrenze – die betroffene Region wird damit mobilisiert und frei beweglich gemacht. Anschließend setzt er ein Metallimplantat ein, das den Brustkorb in der normalen Position stabilisiert. Der beste Zeitpunkt für die Operation liegt bei Jungen zwischen zwölf und 15 Jahren und bei Mädchen bei elf oder zwölf Jahren. „Die Ergebnisse sind überwiegend sehr gut und die Patienten sind sehr zufrieden“, sagt der Mediziner.

Mit Korsett gegen Kielbrust

Bei einer leichten Kielbrust können individuell angepasste Druckpolster über der Verformung zum Einsatz kommen, die mit Gurten am Brustkorb befestigt werden. Innerhalb eines Jahres normalisiert sich die Deformierung meist vollständig. „Die Druckpolster müssen allerdings rund 16 Stunden am Tag getragen werden“, hält der Facharzt für Kinder- und Jugendchirurgie fest. Ist bei sehr ausgeprägten Formen oder bei gemischten Kiel- und Trichterbrüsten ein operativer Eingriff notwendig, ähnelt dieser jenem bei der Trichterbrust: Das Brustbein und die angrenzenden Rippen werden mobilisiert, in ihre normale Position gebracht und mit Metallimplantaten in dieser Stellung befestigt.

Operation mindert Leidensdruck

Die Eingriffe an der Trichter- und Kielbrust mindern vor allem den Leidensdruck der Betroffenen: „ Wissenschaftliche Untersuchungen durch unabhängige Psychologen bei unseren Patienten haben gezeigt, dass das subjektive Körperempfinden nach einer Operation wesentlich besser und damit auch das Selbstbewusstsein deutlich gestiegen ist. Viele Patienten können ihren Körper nun gut akzeptieren und fühlen sich anderen Menschen gleichwertig“, sagt Höllwarth.

MMag. Birgit Koxeder
August 2012


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020