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Doctor-Shopping: Lange Leidenswege mit häufigem Arztwechsel

Doctor-shoppingRund ein Viertel der Österreicher leidet laut einer Umfrage der Österreichischen Schmerzgesellschaft unter chronischen Schmerzen. In der Gruppe der über 50-Jährigen sind es sogar 43 Prozent, Frauen und sozial Benachteiligte sind deutlich öfter von Schmerzzuständen betroffen als die Durchschnittsbevölkerung.

 

Schmerzen können die verschiedensten Ursachen haben: Körperliche, psychosoziale, eine Kombination von beiden oder schlicht und einfach permanente Überforderung im Alltag. Aufgrund dieser breiten Palette ist es oft schwierig und langwierig, die konkreten Ursachen im Einzelfall herauszufinden. Kann der Hausarzt nicht weiterhelfen, beginnt der Weg zu den Fachärzten, in die Laboratorien und Ambulanzen. Oft dauert es Monate bis Jahre, bis man dem tatsächlichen Schmerzauslöser auf der Spur ist.

Eine sehr lange Zeit für Schmerzpatienten, die oft nur einen Ausweg wissen: Sie eilen von einem Arzt zum anderen (Doctor-Shopping), in der Hoffnung den Schmerz eines Tages doch noch los zu werden.

 

Somatoforme Schmerzen sind weit verbreitet

Schmerzen müssen aber keine körperlichen Ursachen haben. Somatoforme Schmerzen – das sind psychische Beschwerden, die sich vor allem in körperlichen Symptomen ausdrücken – stellen Ärzte und Patienten häufig vor Probleme. Sie führen zu Fehldiagnosen und mangelhaften Therapien: Schmerzen ohne erkennbare körperliche Ursachen werden in der modernen Schmerzforschung als „funktionelle Schmerzen“ oder „somatoforme Schmerzsyndrome“ bezeichnet. Jeder 20. Österreicher dürfte unter dieser Schmerzform leiden. „Etwa fünf Prozent der Bevölkerung sind betroffen“, erklärt Univ.-Prof. Prim. Dr. Michael Bach, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft. Der Mediziner schätzt, dass bis zu 30 Prozent aller chronischen Schmerzpatienten zumindest verdächtig auf eine somatoforme Schmerzstörung sind.

Somatoforme Störungen sind gekennzeichnet durch wiederholt auftretende und häufig wechselnde, insgesamt lang anhaltende körperliche Beschwerden, die oft mehrere Organsysteme oder Funktionen einschließen, etwa den Bewegungsapparat, den Magen-Darm-Trakt, das Herz-Kreislauf-System, das Nervensystem, die Haut oder den Unterbauch. Auch im sexuellen Bereich treten derartige Beschwerden auf.

Liegen ausschließlich funktionelle Schmerzen vor, zum Beispiel Rücken-, Kopf-, Unterbauch- oder Ganzkörperschmerz ohne organische Entsprechung, wird eine „anhaltende somatoforme Schmerzstörung“ diagnostiziert. Die Entstehung und Aufrechterhaltung von somatoformen Symptomen wird heute zumeist als Wechselwirkung möglicher biologischer Faktoren und psychosozialer Faktoren aufgefasst.

Einseitiges Krankheitsverständnis als Ursache für Doctor-Shopping

In vielen Fällen ist Doctor-Shopping aber unnötig. Dann nämlich, wenn den Schmerzgeplagten zwar eine treffende Diagnose gestellt wurde, sie diese Diagnose aber nicht akzeptieren können. Viele Menschen beharren nämlich darauf, dass ihr Schmerz ausschließlich körperlich verursacht wird.

Lautet die Diagnose etwa auf „somatoformes Schmerzsyndrom“, werden häufig weitere Ärzte konsultiert, in der Hoffnung, dass einer von ihnen doch noch ein körperliches Gebrechen als Ursache diagnostizieren werde. „Ein einseitig körperliches Krankheitsverständnis von Schmerzen, das auch teilweise von den behandelnden Ärzten mitgeprägt wird, führt zu Unzufriedenheit. Oft widersetzen sich diese Patienten auch allen Versuchen, eine psychische Ursache ihrer Symptome auch nur zu diskutieren“, sagt Bach.

Doctor Shopping ist bei Patienten mit somatoformer Schmerzstörung die Regel. Befunde, Kompetenzen und medizinische Maßnahmen werden häufig in Frage gestellt. „Die betroffenen Patienten suchen diverse Ärzte auf und fordern immer wieder körperliche Untersuchungen ein. Trotz wiederholter negativer Ergebnisse und trotz der Versicherung der Ärzte, dass die Symptome nicht oder nicht ausschließlich körperlich begründbar sind“, sagt Bach. Die meisten Betroffenen haben ein eindeutig körperliches Erklärungsmodell für ihre Beschwerden und lehnen zunächst die Möglichkeit möglicher psychischer Ursachen ab. Als Folge dieser für beide Seiten oft unbefriedigenden Arzt-Patienten-Interaktion neigen Patienten zu häufigem Arztwechsel.

Psychosoziale Störung als Schmerzauslöser

Freilich bedeutet das Fehlen körperlich bedingter Ursachen nicht automatisch, dass eine somatoforme Schmerzstörung besteht. Voraussetzung hierfür ist das Vorliegen einer psychosozialen Störung. „Oft liegt eine Traumatisierung in früher Kindheit zugrunde. Missbrauch etwa oder der frühe Verlust einer Bezugsperson. Oder es liegt eine emotionale Krise zugrunde, wie etwa der Verlust des Partners oder massives Mobbing“, sagt Bach. Oft gibt es neben körperlichen auch psychosozialen Ursachen, wobei der organische Befund (zum Beispiel ein leichter Bandscheibenvorfall) das Ausmaß der Schmerzen alleine nicht erklären könnte.

Überlastung schmerzt

Eine weitere Gruppe von Schmerzpatienten bilden jene Menschen, die weder erkennbare körperliche Ursachen noch eine psychosoziale Störung aufweisen. Etwa Menschen, die aufgrund permanenter Überlastung in Beruf und/oder Familie an chronischen Schmerzen leiden. „Für die Anfälligkeit und die Empfindung von Schmerzen sind hier zwei Punkte ausschlaggebend: Die Stärke der Stressoren und die Beschaffenheit der persönlichen Ressourcen. Stressoren, die den einen belasten, können andere völlig kalt lassen“, so Bach.

Schmerzen ohne erkennbare Ursache

Als letzte Gruppe sind noch jene Menschen anzuführen, deren Schmerz-Ursachen trotz medizinischer Abklärung völlig unklar sind. „Man weiß hier einfach nicht, woher die Schmerzen kommen“, sagt Bach.

Therapieansätze bei somatoformen Störungen

Bei somatoformer Störung sind herkömmliche Schmerzmittel kaum wirksam. „Schwerpunkt einer Therapie ist die psychotherapeutisch-psychosomatische Behandlung, die durch Antidepressiva mit ihrer stimmungsstabilisierenden, teilweise schlaffördernden und schmerzlindernden Wirkkomponente ergänzt werden kann“, erklärt Bach.

Durch eine angemessene psychosomatische Behandlung ist bei der Mehrzahl der Patienten eine deutliche Linderung der Beschwerden und Verminderung des subjektiven Beeinträchtigungsgrades zu erzielen. Eine völlige Heilung vom Schmerz wird nicht versprochen, ist aber nicht unmöglich. „Würde man völlige Schmerzfreiheit versprechen, würde dies eine zu hohe und daher kontraproduktive Erwartungshaltung aufbauen. Die meisten Patienten sind schon mit einer 50-prozentigen Schmerzlinderung sehr glücklich“, sagt Bach.


Infos der Österreichischen Schmerzgesellschaft findet man unter www.oesg.at

 

Dr. Thomas Hartl

September 2008


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020