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AIDS: Keine Frage des Alters

AIDS: Keine Frage des AltersEntgegen dem globalen Trend ist in Österreich die Zahl der HIV-Neuinfektionen im letzten Jahr gestiegen. Vor allem die Zahl der älteren Infizierten nimmt zu. Rund ein Drittel der Betroffenen sind über 50 Jahre. Bei früher Diagnose bestehen sehr gute Therapiemöglichkeiten.

Laut Welt-AIDS-Bericht der Vereinten Nationen leben heute etwa 34 Millionen Menschen mit HIV. Rund zwei Drittel davon lebt in Afrika südlich der Sahara. Weltweit starben 2010 etwa 1,8 Millionen Menschen an AIDS.

Mehr Neuinfizierte 2011

Während global die Zahl der Neuansteckungen seit über einem Jahrzehnt abnimmt, gab es laut Aids-Hilfe Wien im abgelaufenen Jahr in Österreich nach einer jahrelangen stabilen Phase erstmals wieder eine deutliche Zunahme an neu diagnostizierten HIV-Infektionen. In Österreich leben geschätzte 8.000 Menschen mit HIV. 2011 wurde bei 520 Personen die HIV-Infektion diagnostiziert. Etwa die Hälfte der Betroffenen lebt in Wien; rund zwei Drittel sind Männer, ein Drittel Frauen.
Mit dem HI-Virus kann man sich über Vaginalsekret, Sperma, Blut und auch Muttermilch infizieren. HIV-infiziert zu sein bedeutet, dass man HI-Viren in sich trägt. Wenn die Viren das Immunsystem zerstören, kommt es zum Ausbruch bestimmter AIDS-spezifischer Erkrankungen; erst dann spricht man von „AIDS“. Laut Bundesministerium für Gesundheit leben in Österreich 2.383 AIDS-Patienten, also Menschen, bei denen die Erkrankung weit fortgeschritten ist. Die Patienten leiden an schweren Krankheiten wie zum Beispiel Lungenentzündungen, Pilzerkrankungen und bestimmten Tumoren.

Ein Drittel aller HIV-Infizierten älter als 50 Jahre

Vor allem die Zahl der älteren Infizierten nimmt zu. „Rund 30 Prozent der Betroffenen sind über 50 Jahre, 10 Prozent über 60 Jahre alt“, sagt Oberärztin Dr. Maria Geit, Leiterin des HIV-Referenzzentrums am AKh Linz. Zwei Gründe sind dafür ursächlich: Dank moderner Therapien steigt die Lebenserwartung Betroffener ständig, HIV-Träger werden also immer älter. Und: Immer mehr Menschen über 50 Jahren stecken sich durch ungeschützten Sexualverkehr an, d.h. auch die Zahl der Älteren mit HIV-Neuinfektionen steigt.

Frühdiagnose rettet Leben

AIDS ist zwar noch nicht heilbar, aber sehr gut behandelbar. Die Erkrankung verliert zunehmend den Status einer tödlichen Krankheit und wird als chronische Erkrankung eingestuft. HIV-Infizierte können bei früher Diagnose und hocheffizienter Therapie heute viele Jahre lang leben, ohne dass die gefürchteten HIV assoziierten Krankheiten auftreten.
Vor einer Diagnose suchen Patienten oft wegen grippeartiger Beschwerden, Fieber, Müdigkeit, Leistungsabfall und/oder Hauterkrankungen einen oder mehrere Ärzte auf. Noch immer viel zu selten wird an eine HIV Infektion gedacht. Weitere Frühsymptome sind Lymphknotenschwellungen und Durchfallserkrankungen.
Entscheidend ist der Zeitpunkt der Diagnose. Geit: „Wenn man früh diagnostiziert, ist die Infektion sehr gut behandelbar und die mögliche Lebenszeit ab Beginn der Therapie kann laut heutigem Wissenstand bis zu 50 Jahre betragen. Das heißt, die Therapie ist so effektiv, dass die Lebenserwartung eines 20-jährigen HIV-Infizierten gegenüber einem Nicht-HIV-Infizierten kaum beeinträchtigt ist.“ Allerdings, so die Oberärztin, werde die Diagnose HIV bei einem Viertel der Patienten erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium gestellt, sodass eine Therapie manchmal zu spät kommt.

Späte Diagnose bei älteren Patienten

Gerade bei älteren Menschen wird HIV oft erst sehr spät diagnostiziert. Das Bewusstsein, dass ein älterer oder gar sehr alter Mensch von HIV betroffen sein könnte, ist in der Bevölkerung und auch bei Ärzten kaum vorhanden. „Meist ist der oder die Betroffene schon krank, wenn an AIDS gedacht wird. AIDS-Kampagnen und Aufklärung richten sich meist an jüngere Menschen. Ältere hingegen fühlen sich vom Thema nicht angesprochen, sie denken kaum an eine mögliche Ansteckung“, sagt Geit.

Soziale Ächtung

Viele Infizierte sind gesundheitlich kaum beeinträchtigt. Gesellschaftlich ist ein Leben mit dem Virus dagegen noch immer ein Tabu. „Die Umwelt reagiert oft richtig schockiert, wenn sie von einer Person erfährt, dass diese infiziert ist. Die Betroffenen leiden daran und ihre Psyche wird belastet. Sie können mit niemandem darüber sprechen und leben in der Angst, dass jemand von ihrer Ansteckung erfährt“, weiß Geit. Diese betrifft auch ältere Menschen, die etwa Probleme bekommen können, wenn sie einen Heim- oder Pflegeplatzplatz benötigen.

Übertragung bei Älteren

HIV betrifft entgegen einem immer noch landläufigen Vorurteil nicht primär Homosexuelle oder Drogenkonsumenten. Sämtliche Arten von ungeschütztem Sexualverkehr sind riskant. Ältere Menschen stecken sich fast ausschließlich durch ungeschützten sexuellen Kontakt an und zwar gleichermaßen durch heterosexuellen wie durch homosexuellen Kontakt. Auch in höherem Lebensalter sind Menschen zunehmend sexuell aktiv. „Vor allem Männer ab 50, die einen zweiten Frühling erleben, stecken sich an, weil sie kaum Bewusstsein für die Gefahr entwickeln und ungeschützten Sex praktizieren“, sagt Geit. Dieses Risikoverhalten sei ausschlaggebend für HIV-Infektionen und auch andere Geschlechtskrankheiten.
Die großen Erfolge der medizinischen Therapie haben auch eine Kehrseite. „Viele Menschen glauben nun, AIDS sei nicht mehr gefährlich und sie leben sexuell leichtfertig, indem sie auf Safer Sex verzichten“, so Geit.

Testen lassen

Österreich hat eine der höchsten Pro-Kopf-Raten an HIV-Tests in Europa. Trotzdem hat rund ein Viertel der Patienten beim ersten HIV-Test bzw. bei der HIV-Diagnose bereits einen fortgeschrittenen Immundefekt. Oberärztin Geit plädiert dafür, dass sich alle sexuell aktiven Menschen und auch Schwangere gezielt auf HIV testen lassen: „Jeder sollte über seinen Status Bescheid wissen, weil HIV jeden treffen kann.“
Solche Tests muss man aktiv verlangen, sie werden nicht routinemäßig mit erledigt. Etwa bei der Gesundenuntersuchung. „Man sollte den Hausarzt ersuchen, zur Absicherung einen HIV Test zu machen“, rät Geit. Vor allem am Land besteht in der Bevölkerung eine Scheu dies zu tun. Wer mit seinem Wunsch nach Testung anonym bleiben will, kann sich etwa an eine der Aids-Hilfen wenden, hier kann sich jeder anonym und kostenlos testen lassen. Weitere Möglichkeiten: Auch Laboratorien und Krankenhäuser können diese Tests durchführen.

Dr. Thomas Hartl

Jänner 2012

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020