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Panikattacken: Wie ein Überfall

Panikattacken - Wie ein ÜberfallPanikattacken kriechen heimlich heran und packen dann zu. Wie der Blitz aus heiterem Himmel und scheinbar ganz ohne Grund kommt der Angstüberfall. Eine Panikattacke kann überall passieren – in der Warteschlange an der Kinokasse, in der Kirche, im Theater oder Konzertsaal, im Supermarkt, im Flugzeug oder im Stau auf der Autobahn. Und sogar daheim im Fernsehsessel.

Ein leises Unbehagen in der Menschenmenge, bedrückende Gedanken etwa an ein ungelöstes Problem am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft drängen sich auf. Die innere Spannung wächst, Unruhe steigt auf und ganz plötzlich ist eine rasende Lawine unguter Gefühle losgetreten. Die übersteigerte Selbstbeobachtung unter emotionalem Stress verfälscht die Wahrnehmung der körperlichen Funktionen. Ein Seufzer, Herzklopfen – die geringste körperliche Reaktion auf das gedankliche Katastrophenszenario wird plötzlich als unheimlich und bedrohlich erlebt. Eine unbestimmte Angst schaukelt sich auf und führt binnen Sekunden oder weniger Minuten zu einer Kettenreaktion von körperlichen Stress-Symptomen, die nicht mehr steuerbar sind.

Herzklopfen, Herzrasen, Kurzatmigkeit, Mundtrockenheit, Schwitzen, Frösteln, Nervosität, Beklemmung, Benommenheit, Kribbeln, Schwächegefühl, Harndrang, Magen-Darm-Beschwerden, Bauchschmerzen, Schwindel, Zittern, Übelkeit, die Angst, unweigerlich in Ohnmacht zu fallen. So beschreibt Univ.-Prof. Dr. Michael Bach, Leiter der Abteilung für Psychiatrie am LKH Steyr, die vielfältigen und typischen Begleiter eines Panikanfalls. Sie verstärken die ohnehin schon quälenden Angstgefühle, die ihrerseits den Teufelskreis zwischen beängstigenden körperlichen Symptomen und ausufernder Angst nur noch beschleunigen und zur Panik eskalieren lassen. Schwere Panikattacken können auch mit sogenannten Depersonalisations- und Derealisationserlebnissen einhergehen. Die Betroffenen haben dabei das Gefühl, neben sich zu stehen, sich von außen zu betrachten, und die umgebende Wirklichkeit wird als bedrohlich, fremd und unwirklich wie in einem Film empfunden. Besonders belastend ist im Panikanfall die Furcht vor totalem Kontrollverlust und die Angst, verrückt zu werden, zu ersticken oder an einer Herzattacke zu sterben. Nach ein paar Minuten ist der Spuk meist vorbei, selten dauert eine Panikattacke länger als 20 bis 30 Minuten. Betroffene berichten aber auch über mehrere kurz aufeinanderfolgende Anfälle mit einer Gesamtdauer von bis zu fünf Stunden.

Lebenswichtige Angst

Panikattacken sind gar nicht so selten. Etwa fünf bis zehn Prozent aller Menschen erleben mindestens einmal im Leben einen Angstanfall. Panikattacken in Verbindung mit einer Agoraphobie, das ist eine Angst vor weiten Plätzen, verbunden mit entsprechendem Vermeidungsverhalten, kommen sogar bei 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung vor. Von einer krankhaften Panikstörung ist die Rede, wenn die Anfälle innerhalb von vier Wochen viermal und öfter auftreten. Das trifft auf etwa drei Prozent der Bevölkerung zu, wobei viel mehr Frauen als Männer darunter leiden. Typischerweise beginnen Panikstörungen erst zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Kinder sind davon kaum betroffen. Im Kindesalter sind hingegen Phobien, also gerichtete Ängste, wie zum Beispiel Spinnenangst, häufiger zu beobachten.

Fight or flight – Kampf oder Flucht – diese angeborene Stressreaktion ist ein uraltes Überlebensprinzip, das der Mensch mit den Tieren gemein hat. In einer Gefahrenlage werden die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol von Gehirn und Nebennieren automatisch und schlagartig in den Körper geflutet. Diese Botenstoffe erhöhen unter anderem Atemfrequenz, Herzschlag, Zuckerspiegel und Blutfluss. So wird in den Muskeln sofort die nötige Energie bereitgestellt, die für die Bewältigung der Krisensituation gebraucht wird. Und zwar, um sich der Gefahr zu stellen oder die gefährliche Szenerie fluchtartig und schnellstmöglich zu verlassen. Gesteuert wird die Alarmreaktion von Schaltzentren im Gehirn, nämlich zum einen von der sogenannten Amygdala-Region des limbischen Systems, das unter anderem für die Regulation unserer Gefühle verantwortlich ist. Jedes Signal, jeder Reiz, der unser Gehirn erreicht, passiert auch die Amygdala, die wie eine Art Angstfilter prüft, ob die aktuelle Lage bedrohlich oder harmlos ist. Dazu bedient sich die Amygdala einer zweiten, ebenso wichtigen und komplexen Gehirnstruktur, des Hippocampus. Er ist das emotionale Gedächtnisarchiv, wo die Amygdala quasi immer wieder die Schubladen öffnet, um herauszufinden, ob dieses jeweilige Ereignis schon einmal aufgetreten ist und als gefährlich gespeichert wurde. Dann setzt die Amygdala den Großalarm in Gang, und zwar in Millisekundengeschwindigkeit, noch bevor der Mensch überhaupt nachdenken und bewusst entscheiden kann. Diese angeborene biologische Fluchthilfe wird auch bei der Panikattacke ausgelöst, diesmal allerdings als unerwünschter falscher Alarm.

Biologische Anfälligkeit

Panikattacken können auch im Verein mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Phobien oder posttraumatischen Belastungsstörungen auftreten. Alkohol und Koffein können bei sensiblen und anfälligen Personen das Entstehen von Panikstörungen ebenso begünstigen wie manche Medikamente, die als Nebenwirkung etwa Herzklopfen verursachen. In wissenschaftlichen Experimenten wurden Paniksymptome bei vorbelasteten Patienten auch durch Inhalieren von Kohlendioxid oder durch Infusionen von Laktat – einem bei körperlichen Anstrengungen entstehenden Stoffwechselabbauprodukt – provoziert. Damit scheint eine spezielle biologische Anfälligkeit für Panikanfälle nachgewiesen.

Erster Ansprechpartner bei Panikattacken kann der Psychotherapeut sein, besser aber noch der Hausarzt. Eine gründliche medizinische Abklärung zum Beispiel mittels EKG, Blutdruckmessung oder Blutzuckerbestimmung ist sinnvoll. Damit soll hundertprozentig sichergestellt werden, dass sich hinter den körperlichen Symptomen eines Panikanfalls nicht doch eine organische Krankheit verbirgt. Denn ernstzunehmende Erkrankungen wie Kreislaufstörungen oder eine Schilddrüsenüberfunktion kann durchaus panikartige Anfälle heraufbeschwören. Auch epileptische Anfälle im Schläfenlappen des Gehirns können täuschend ähnliche Symptome wie Panikattacken erzeugen. Und schließlich können auch ein Kreislaufkollaps oder ein Atemproblem in einen Panikanfall hineinführen. Das mache es zunächst keineswegs immer einfach, so Univ.-Prof. Michael Bach, ein Kreislauf- oder Atemproblem von einer Panikattacke klar zu unterscheiden. Nur bei einer bereits bestehenden Herzschwäche oder vorgeschädigten Herzkranzgefäßen kann eine Panikattacke das Herz möglicherweise gefährden. Der Panikanfall selbst verursacht keinerlei körperliche Folgen. Die charakteristische Todesangst während der Panikattacke ist beim herzgesunden Menschen ganz und gar unbegründet. Partnerschaftlicher Beistand tut gut. Belächeln, nörgeln, Vorwürfe machen, beschwichtigen – das ist kränkend und hilft dem Panikpatienten überhaupt nicht. Er hat sich sein Leiden schließlich nicht freiwillig ausgesucht. Ihn zu zwingen, sich in ein konkretes, womöglich belastendes Umfeld zu begeben, kann eine dramatische Erfahrung nur noch fester in seine Seele einzementieren.

Dem Betroffenen seine Angstbürde abnehmen zu wollen und zum Beispiel für ihn einkaufen zu gehen, damit er sich nicht dem unberechenbaren Ausbruch einer Panikattacke aussetzen muss – das mag zwar gut gemeint sein, schwächt ihn aber in seinen Bemühungen, den Alltag selbstständig zu meistern. Er braucht vielmehr Bestärkung und neues Selbstvertrauen, um selber wieder alle seine Kompetenzen zu erlangen. Gut zureden, ihm versichern, dass er die Panikattacke durchstehen wird, ihn ermutigen, sich mit seinem Angsterlebnis vertrauensvoll mitzuteilen, sich so die Angst von der Seele zu reden – das allein wirkt meist schon angstreduzierend und erleichternd.

Panikpatienten neigen dazu, in der Gesellschaft buchstäblich am Rand zu sitzen, aus Angst, ausgeliefert, eingekesselt, ausweglos gefangen zu sein. Die Angst wird lebensbestimmend bis zur sozialen Isolation, Arbeitsunfähigkeit und krankheitsbedingten Frührente. Etwa dann, wenn die Betroffenen das Haus nicht mehr verlassen wollen – aus Angst vor der Angst, die irgendwo mit einer Panikattacke lauern könnte. Das Vermeiden vermeintlich angstträchtiger Situationen ist eine seelische Schonhaltung, die sicher nur kurzfristig und auch nur scheinbar erfolgreich ist. Mehr und mehr Lebensbereiche werden an ein befürchtetes Panikerlebnis gekoppelt. Auf Dauer erzeugt die Panikstörung einen massiven Leidensdruck, der die Lebensqualität gravierend einschränkt.

Gute Heilungserfolge

Die Panikstörung hindert den Patienten daran, zu erfahren, dass die befürchtete Gefahr gar nicht existiert. Spätestens dann ist sie behandlungsbedürftig. Ein wichtiges Therapieprinzip ist, sich der Angst schrittweise wieder stellen zu lernen und dabei zu erkennen, dass sie tatsächlich überwunden werden kann.

Selbsthilfegruppen sind zwar hilfreich, ersetzen aber niemals eine professionelle Therapie, betont Professor Michael Bach. Die Heilungserfolge bei Panikstörungen sind ausgesprochen gut – vier von fünf Patienten werden mit einer medikamentösen Therapie oder einer Psychotherapie innerhalb weniger Monate wieder ganz gesund. Damit ist die Panikstörung wahrscheinlich eine der am besten zu behandelnden psychischen Erkrankungen überhaupt. Sollte die Krankheit wiederkommen, ist auch das kein Grund zur Resignation, sondern einfach Anlass zu einer neuerlichen Behandlung. Bei schweren Panikstörungen gilt ein kombiniertes Therapiekonzept mit Antidepressiva und Psychotherapie als besonders nachhaltig und wirkungsvoll. Antidepressiva müssen über mindestens sechs Monate eingenommen werden, um eine anhaltende Wirkung zu erzielen. Erst dann kann je nach Befindlichkeit des Patienten in Abstimmung mit dem behandelnden Arzt versucht werden, sie langsam und ausschleichend wieder abzusetzen. Beruhigungsmittel sind in der Behandlung von Panikstörungen nicht nur wegen ihres Abhängigkeitspotenzials nicht sinnvoll. Sie sind allein schon deswegen kontraproduktiv, weil sie den Patienten von der Angst abschotten, statt den Umgang mit ihr zu normalisieren. Die Psychotherapie setzt unter anderem auf die kognitive Verhaltenstherapie. Diese bewährte und wissenschaftlich gut fundierte Methode ist eine besonders aktive Form der Angstbewältigung. Jeder Therapieschritt beruht auf Freiwilligkeit. Auch im Rahmen der Therapie wird den Angstpatienten empfohlen, all ihre Gedanken, Gefühle, Stressempfindungen und Körpersignale ausführlich zu beschreiben oder sogar auf ein Blatt Papier zu bringen. Wichtig ist dabei immer, nicht ein Netz aus sich aufdrängenden möglichen Katastrophenszenarien zu spinnen, sondern sich darauf zu konzentrieren, was tatsächlich geschieht, und in der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt, zu bleiben. Oft sind auch die Angehörigen in die Therapie mit eingebunden. Beratung und Informationen helfen ihnen, den Angstkranken unterstützend zu begleiten, ohne dabei Krücken zu sein. Der Patient lernt in dieser Verhaltenstherapie, sich wieder entspannt in angstbeladene Situationen zu begeben und zu klären, wann und wie die Angst in seiner Lebensgeschichte eingetreten ist. So kann er Konfliktsituationen bewusst lösen und damit seine Lebensperspektive zum Guten verändern.

Klaus Stecher
März 2010


Foto: Bilderbox, privat

Kein Nein

Ein typischer Denkfehler von Angstbetroffenen ist, in Verneinungen zu denken: Hoffentlich werde ich jetzt nicht ohnmächtig, hoffentlich muss ich jetzt nicht sterben. Das Dilemma dabei ist, dass unser Gehirn nicht in Verneinungen denken kann und das Wörtchen „nicht“ einfach „überhört“. Wer hofft, nicht bewusstlos zu werden, denkt also schon an die Bewusstlosigkeit. Und das erzeugt unbewusst noch mehr Angst. Je zwanghafter man versucht, etwas Unangenehmes nicht zu denken, umso tiefer schlittert man in die Angst hinein.

Zentrum der Angst

Das limbische System des menschlichen Gehirns – vor allem die Bereiche des sogenannten Mandelkerns (Amygdala) sowie des Hippocampus – ist für die Steuerung von Angstgefühlen zuständig. Dabei funktioniert der Mandelkern wie ein Angstfilter, der Hippocampus wie ein Archiv.

Gegen die Flut

Ein allgemein gültiges Notfallrezept gegen drohende Panikattacken gibt es leider nicht. Jeder muss seine eigene Formel entwickeln, meist mit Hilfe eines Therapeuten. Wichtig ist, Verneinung, etwa nach dem Motto „Lass dich nicht gehen“, auf jeden Fall zu vermeiden. Nur positive Formulierungen, wie „Ich schaffe es“, „Ich bin ganz ruhig“ machen stark und sicher. Rechtzeitiges bewusstes Atmen mit extralangen Pausen zwischen Ein- und Ausatmen kann die Kaskade von Angstgefühlen abbremsen. Eine Kleinigkeit kauen – auch das scheint manchen Panikpatienten zu helfen. Entspannungsübungen gelingen in der akuten Paniksituation kaum. Wenn die Angst den Betroffenen überflutet, kann er nur versuchen, durchzutauchen und sich ganz auf die Realität in ihm und rundherum zu konzentrieren.

Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Michael Bach zum Printartikel „Wer vor der Angst davonläuft, wird von ihr beharrlich verfolgt. Ziel ist es, stehen zu bleiben, sich umzudrehen und der Angst tapfer ins Gesicht zu schauen. Nur so lernt man, sie zu ertragen und sich auch bis zu einem gewissen Grad wieder an die Tatsache zu gewöhnen, dass gesunde Angst ein normales Gefühl ist.“
Univ.-Prof. Dr. Michael Bach
Leiter der Abteilung für Psychiatrie am LKH Steyr und der Abteilung für Psychosomatik am LKH Enns

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020