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Hoher Blutdruck: Schleichendes Gift


Schleichendes Gift - Ärztin misst BlutdruckHoher Blutdruck vollbringt ein leises Zerstörungswerk. Wer Bluthochdruck auf die leichte Schulter nimmt, zahlt früher oder später mit schweren Organschäden. Nur fünf von hundert Hypertonie-Patienten haben ihren Bluthochdruck tatsächlich im Griff. Jeder Dritte nimmt die Behandlung nicht ernst genug. Ein weiteres Drittel ahnt nicht einmal etwas vom stillen Killer, der in den Adern sitzt. 


Für Dauerhochdruck sind unsere Gefäße nicht ausgelegt. Die Gefäßverkalkung – die Atherosklerose – ist die Hauptkomplikation des unerkannten oder unzureichend behandelten Bluthochdrucks. Besonders gefährdet ist das Gehirn, wo Gefäßwandschäden sich in den hochempfindlichen Gehirnzellen äußerst drastisch auswirken.

Gefäßverschluss kann überall sitzen

Wenn Verkalkungen sich direkt im Gehirn abspielen, drohen dort Thrombose, Gefäßverschluss und damit Schlaganfall. In der Halsschlagader, der Karotis, und anderen zum Gehirn führenden Arterien können sich ebenfalls Gerinnsel anheften. Mit dem Blutstrom können sie losgerissen und ins Gehirn geschwemmt werden, wo sie als Embolie die gleiche Katastrophe heraufbeschwören. Ein weiteres Horrorszenario ist die Gehirnblutung, wenn der Hochdruck ein Gehirngefäß platzen lässt. Wer den Schlaganfall überlebt, dem blühen Dauerschäden wie Lähmung oder Sprachbehinderung. Jedenfalls bleibt jahrelang schlecht eingestellter Bluthochdruck nicht folgenlos, so Primarius Dr. Hans Joachim Nesser, Vorstand der 2. Internen Abteilung am Linzer Krankenhaus der Elisabethinen. Zahlreiche kleinste Gefäßnarben führen zur sogenannten vaskulären Demenz, die mit Gedächtnisschwäche, kurzzeitigem Gedächtnisverlust, Übergängen zu Alzheimer und anderen neurologischen Defiziten einhergeht. So kann chronischer Bluthochdruck Wegbereiter sein für Betreuungs- und Pflegebedürftigkeit.

Bedrohung für die Nieren

Die Steuerzentrale für den Blutdruck ist das Gehirn, das die Befehle zur Hormonausschüttung gibt. Darauf reagieren unter anderem die Nebennieren mit der Adrenalinproduktion. Zusätzlich wird von einem Hormonsystem, das über das Nierengewebe aktiviert wird, das Enzym Angiotensin freigesetzt. Ein Zuviel dieses Enzyms bewirkt eine drucksteigernde Gefäßspannung. Durchblutungsstörende Kalkablagerungen an den Nierenarterien und feinsten Nierengefäßen infolge Bluthochdrucks, was über erneute Hormonausschüttung eine weitere Reduzierung des Gefäßquerschnitts und damit noch mehr Druck bedingt – ein Teufelskreis. Umgekehrt können bestimmte Nierenerkrankungen wie zum Beispiel chronische Entzündungen Bluthochdruck auslösen, der die kranke Niere noch mehr schädigt.

Bedrohung für das Herz

Das Herz reagiert auf den erhöhten Widerstand mit zunehmender Muskelmasse. Der krankhaft verdickte Herzmuskel ist zwar noch lange fähig, sich kräftig zusammenzuziehen, verliert aber bald an Dehnungsfähigkeit. In weiterer Folge kommt es zur Abnahme der Pumpkraft. Diese Herzinsuffizienz oder Herzschwäche kann zu akutem Herzversagen führen, gerade im Zuge von Blutdruckspitzen. Als lebensbedrohliche Komplikation des Hochdruckherzens droht auch eine Lungenstauung. Zugleich schädigt der Blutdruck die Herzkranzgefäße. Diabetes, Rauchen, hohe Blutfettwerte und andere Faktoren beschleunigen Atherosklerose und Infarktrisiko. Manche Patienten sind in Ruhe beschwerdefrei, erreichen aber bei Aktivität extrem hohe Blutdruckwerte, begleitet von Symptomen einer Angina Pectoris. Dieser  Belastungsbrustschmerz kann ein Signal für bereits erlittene Gefäßschäden und Durchblutungsdefizite sein. Bluthochdruck ist aber auch eine Bedrohung für das Augenlicht. Er kann am Augenhintergrund zu Gefäßveränderungen, Verengungen und Verkalkungen führen.

Bluthochdruck ist lebensgefährlich

Müdigkeit, Kopfweh, verminderte Belastbarkeit, Luftmangel bei Anstrengung, Hitzewallungen oder Schwindel sind nicht bei allen Patienten zu beobachten oder werden lange fehlgedeutet. Unübersehbar sind aber die Zeichen einer Hochdruckkrise, wenn der ohnehin schon abnorme Blutdruck in extreme Höhen schnellt. Benommenheit, Bewusstseinseintrübungen, starker Kopfschmerz, Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, akute Herzleistungsschwäche und Lungenstauung besonders bei vorgeschädigtem Herz-Kreislaufsystem — die Hochdruckkrise bedeutet Lebensgefahr, so Primarius Dr. Nesser. Moderne Diagnosemethoden können blutdruckbedingte Gefäß- oder Organschäden relativ früh entdecken. Die Medizin kann dann versuchen zu reparieren, was der Bluthochdruck oft über Jahre und Jahrzehnte angerichtet hat. Vieles ist nicht wieder gutzumachen. Umso wichtiger ist es, den Blutdruck zu beobachten und zu hohen Blutdruck sofort wirksam zu bekämpfen.

120:80 oder weniger

120:80 und darunter – wenn es zeitlebens gelänge, solche Werte zu halten, wäre ein wesentlicher Risikofaktor ausgeschaltet. Die frühere Ansicht, dass man mit
zunehmendem Alter einen höheren Blutdruck toleriere könne, ist überholt. Schon Messwerte bis 140:85 sind ober Normgrenze. Werte ab 140:90 gelten als Hochdruck.
Maßgeblich ist nicht eine einmalige Messung, sonder die Beobachtung im Rahmen von 20 bis maximal 30 Kontrollen. Ein Blutdruckmessgerät gehört
eigentlich in jedes Haus.


Zweimal Entspannung

Bei konzentrierter Arbeit erreicht wahrscheinlich jede zweite Mensch mehrmals am Tag Blutdruckspitzen bis zu 170:90. Diese arbeitsbedingten Hochdruckphasen sollte täglich durch mindestens zwei Entspannungspausen ausgeglichen werden – etwa mit Meditation oder einem „Nickerchen“. Ständig erhöhte Gefäßdruck durch Dauerstress fördert die Gefäßverkalkung.
Körperliche Aktivität erhöht zwar ebenfalls den Blutdruck, um die Herzleistung und damit die Sauerstoffversorgung zu steigern. Danach aber entspannen sich die Arterien umso besser. Regelmäßige Bewegung stärkt also die Gefäßelastizität und senkt den Blutdruck um bis zu 10 mm Hg.


Klaus Stecher

September 2006


Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild von Prim. Dr. Hans Joachim Nesser zum Printartikel "Der Mensch ist so alt wie seine Blutgefäße. Ein 80-Jähriger, 
dessen Arterien nicht mit Verkalkungen belastet sind, ist biologisch jünger als ein Mittfünfziger, in dessen Kreislaufsystem sich die Atherosklerose bereits eingenistet hat. Sogar 15- bis 18-Jährige können schon betroffen sein.“
Prim. Dr. Hans Joachim Nesser
Vorstand der 2. Internen Abteilung am KH der Elisabethinen, Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020