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Hörsturz: Plötzlich sehr still

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Eine ungesunde Lebensweise schlägt als Hörsturz zurück. Manchmal wäre es besser, etwas nicht gehört zu haben. Wenn man jedoch wie aus heiterem Himmel deutlich schlechter oder gar nichts mehr hört, sollte man schleunigst einen Arzt aufsuchen. Seine Diagnose könnte nämlich "Hörsturz" lauten.


Über die Ursachen, die zu einem Hörsturz führen, existiert noch keine völlige Klarheit. "Man nimmt an, dass es sich dabei in den meisten Fällen um eine dramatische Durchblutungsstörung des Innenohres, ähnlich dem Auslöser eines Herzinfarktes oder Schlaganfalles, handelt", erläutert Prof. Ernst Richter, Leiter der HNO-Abteilung am Allgemeinen Krankenhaus in Linz, die wahrscheinlichen Ursachen eines Hörsturzes. Im Innenohr befinden sich die signalverarbeitenden Haarzellen, die ein Hören überhaupt erst möglich machen. Geräusche bewirken in ihnen ein elektrisches Signal, das über den Hörnerv an das Hörzentrum im Gehirn weitergeleitet wird. Bei einer Unterversorgung des Ohres mit Blut – beispielsweise durch Verklumpungen oder Verstopfungen der Blutgefäße – werden die Haarzellen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Die Folge: Die Haarzellen geben die Impulse nicht mehr entsprechend weiter und können in Extremfällen sogar absterben, was den Verlust des Gehörs zur Folge hat.

Ungesunde Lebensweise

Keineswegs immer, jedoch auffallend oft ist es eine ungesunde Lebensweise, die einen Hörsturz zur Folge hat: übermäßiges Rauchen, Bewegungsmangel, Übergewicht. Aber auch Grunderkrankungen wie Diabetes, ein überhöhter Cholesterinspiegel, starke Blutdruckschwankungen oder generell zu hoher Blutdruck, Herzerkrankungen, erhöhte Gerinnungsneigung des Blutes und Virusinfektionen können einen Hörsturz auslösen. Übermäßiger Lärm oder zu laute Musik können ebenfalls zu einer vorübergehenden Einschränkung des Hörvermögens führen. In diesen Fällen normalisiert sich der Zustand jedoch meistens innerhalb weniger Stunden.

Plötzliches Auftreten

Das Besondere an einem Hörsturz ist sein plötzliches Auftreten. Er beginnt meistens mit einem unangenehmen Druck im betroffenen Ohr, der am ehesten mit dem Gefühl von Watte im Ohr vergleichbar ist. Manche Patienten berichten auch von begleitenden Geräuschen. Jedenfalls kommt es zu einem erheblich verminderten Hörvermögen. "sie kann sich auf hohe, mittlere oder nur tiefe Frequenzen beschränken, aber auch alle Bereiche betreffen", beschreibt Prof. Richter die Symptome.

Riskantes Zuwarten

Eile ist nun geboten. "Wird in der ersten Woche nach dem Hörsturz mit der Therapie begonnen, kann in mehr als 80 Prozent der Fälle das Hörvermögen wieder zur Gänze so hergestellt werden, wie es ursprünglich war", beschreibt Prof. Richter die Heilungschancen, die jedoch immer schlechter werden, je länger zugewartet wird. Werden die Symptome vom Betroffenen auf die leichte Schulter genommen, gleicht das einem russischen Roulett. In rund 40 Prozent der Fälle klingen die Symptome ohne Behandlung wieder ab, weil die Haarzellen die kurzzeitige Unterversorgung relativ unbeschadet überstanden haben. Es kann aber auch eine Schwerhörigkeit zurückbleiben. Diese Gefahr besteht, wenn die Durchblutungsstörung sich nicht von selbst wieder gibt und dadurch ein dauerhafter Defekt der Haarzellen bewirkt wird. Bevor mit der eigentlichen Therapie eines Hörsturzes begonnen werden kann, wird der Patient einem genauen Check unterzogen. Denn eine plötzlich auftretende Schwerhörigkeit kann auch andere Ursachen haben, die von einer harmlosen Verstopfung des Ohres (Ohrpfropf) bis zu einem Tumor oder Schlaganfall reichen können. Erst wenn alle anderen Ursachen ausgeschlossen sind, kann mit der Therapie begonnen werden.

Beste Erfolge durch Infusionen

"Erklärtes Ziel ist es dabei, möglichst rasch die Durchblutung des Innenohres wiederherzustellen", erklärt Prof. Richter den Therapieansatz. Dabei konnten mit einer Infusionstherapie die besten Erfolge erzielt werden. Je nach Schweregrad bekommen betroffene Patienten über einen Zeitraum von bis zu zehn Tagen neben Cortisonpräparaten Infusionen verabreicht, die das Blut verdünnen. Dadurch verbessert sich die Fließeigenschaft des Blutes, sodass die Haarzellen wieder gut versorgt werden und sich regenerieren können. Ein operativer Eingriff ist sehr selten und nur dann erforderlich, wenn die runde Fenstermembran zwischen Paukenhöhle und Innenohr beschädigt ist. Dann muss die Öffnung geschlossen werden.

Vernunft - die beste Vorbeugung

Prof. Ernst Richter: "Jede Therapie und jedes Medikament ist jedoch sinnlos, wenn der Patient nicht zur Ruhe kommt. Jede Art von Stress und Aufregung kann zu einer Verschlechterung des Zustandes führen." Wie so oft sind auch in diesem Fall Stress und Überforderung Gift. Denn bei sehr vielen Patienten ist der Hörsturz im wahrsten Sinne des Wortes hausgemacht: sei es durch falsche Ernährung, zu wenig Bewegung, zu viel Stress oder alles zusammen. Was bedeutet: Die beste Vorbeugung gegen Hörsturz & Co. ist eine vernünftige Lebensweise. Der Spitalsaufenthalt könnte dann auch dazu dienen, sich diesbezüglich neu zu orientieren. Der Hörsturz also als Schuss vor den Bug, der für so manchen eine gute Lehre sein sollte.

Gabriele Beran

April 2006


Foto: deSign of Life

Kommentar

Kommentarbild von Prim. Prof. Dr. Ernst Richter zum Printartikel "Je früher mit der Therapie begonnen werden kann, desto höher sind die Chancen, nach einem Hörsturz das Hörvermögen wieder in seiner ursprünglichen Form herzustellen."
Prim. Prof. Dr. Ernst Richter
Leiter der HNO-Abteilung am AKH Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020