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Pica-Syndrom: Essen von Nicht-Essbarem

Pica-Syndrom: Essen von Nicht-EssbaremInsekten, Erde, Kalk, Haare. Die Liste der ungenießbaren Dinge ist lang, die Betroffene des Pica-Syndroms essen. Warum Menschen derart Ungewöhnliches zu sich nehmen, erklärt Dr. Till Preißler von der Landesfrauen- und Kinderklinik Linz.

Zu den Essstörungen wie Magersucht (Anorexie nervosa) oder Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) reiht sich eine neue Form: das Pica-Syndrom. Der Name leitet sich vom lateinischen „pica pica“ ab, was übersetzt Elster bedeutet. Die Bezeichnung verweist damit auf das Verhalten des Vogels, der alles Mögliche in den Schnabel steckt, um sein Nest zu bauen.

Betroffene des Pica-Syndroms essen Dinge, die üblicherweise nicht gegessen werden. „Das Essen von Nicht-Essbarem erfolgt unabhängig vom Alter und Geschlecht der Betroffenen. Es gibt aber noch zu wenig Fallzahlen, um Aussagen darüber zu treffen, inwieweit das Pica-Syndrom suchtartig ist und wie viele Betroffene es gibt. Auch weiß man bisher kaum, warum man etwas zu sich nimmt, was man normalerweise nicht isst“, erklärt Preißler, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Landesfrauen- und Kinderklinik Linz.

Kalk, Haare oder Papier

Auf der Liste der von Betroffenen verzehrten Dinge stehen Kalk, Asche, Haare, Erde, Kieselsteine, Papier oder Textilien, Kreide, Mehl, Farben, Gummi, Insekten, Kot oder Schaumstoff. Werden diese für die menschliche Ernährung nicht üblichen Substanzen länger als einen Monat gegessen und ist der Verzehr dieser Dinge nicht Teil der jeweiligen Kultur und auch nicht angemessen für das jeweilige Alter, dann handelt es sich um ein Pica-Syndrom. Das Syndrom kann als eigenständige Erkrankung oder im Zuge einer anderen seelischen Störung auftreten. „Häufig wird die psychiatrische Störung bei der Gruppe der geistig schwer beeinträchtigen Menschen beobachtet“, so der Mediziner.

Nicht immer krankhaft

Nicht immer muss das Pica-Syndrom krankhaft sein. Der Verzehr an sich ungenießbarer oder ungewöhnlicher Dinge kann auch Ausdruck einer Mangelerscheinung sein. Bei kleinen Kindern ist es als Teil des Entdeckungsverhaltens noch normal, wenn sie alles in den Mund nehmen. Auch ist das Essen von Naturprodukten bei anderen Völkern nichts Ungewöhnliches. Eine harmlose Variante sind die mitunter sehr eigenartigen Gelüste von schwangeren Frauen.

Krankhaft ist das Pica-Syndrom dann, wenn Betroffene mit dem Verzehr etwas zu kompensieren versuchen. Der Facharzt für Psychiatrie erklärt: „Sie wollen beispielsweise durch das Essen Liebe erfahren und signalisieren durch das Hinunterschlucken: Das gehört mir!“

Gefährliche Komplikationen möglich

„Der Körper weiß nicht, was er mit dem Gegessenen machen soll. Er versucht es zu zerlegen, was aber nicht gelingt. Die verzehrten Dinge bleiben liegen und können den Darm verstopfen, was wiederum eine Entzündung hervorrufen kann“, erklärt Preißler. Besonders gefährlich ist der Verzehr von Haaren, die zu einem lebensbedrohlichen Darmverschluss führen können. Auch kann es zu Vergiftungserscheinungen oder mechanischen Verletzungen im Magen oder Darm durch spitze Gegenstände kommen. Eine weitere, wenn auch sehr seltene, Komplikation des Pica-Syndroms ist der Bolus-Tod. Dabei handelt es sich um einen plötzlich einsetzenden Erstickungs- oder Schocktod, der nach dem Verzehr von sehr großen Gegenständen, die die oberen Atemwege verlegen, auftreten kann. Es kommt zum plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand.

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen

„Das wichtigste und schwierigste ist die Einsicht“, so der Mediziner. Zunächst gilt es herauszufinden, was hinter dem Pica-Syndrom steckt. Neben der medikamentösen Behandlung sollen Betroffene mittels Psychotherapie – vor allem mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen – lernen, ihr Essverhalten wieder zu normalisieren.

MMag. Birgit Koxeder
Jänner 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020