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Tinnitus


TinnitusTinnitus - Lärm, den man nur selber hört. Unter „Tinnitus“ (lat. tinnire: klingeln) versteht man jede Art von Ohr- und Kopfgeräuschen, die auf keine äußere Schallquelle zurückzuführen sind. Diese Geräusche werden oft als Klingeln, Summen, Heulen, Pfeifen oder Zischen beschrieben.

Symptom, nicht Krankheit

Tinnitus ist keine Krankheit sondern ein Symptom, vergleichbar dem Schmerz. Er  ist häufig ein Warnsignal, dass sich die Betroffenen körperlich und psychisch übernommen haben.

Auswirkungen

Die Auswirkungen des Tinnitus richten sich stark nach der subjektiven Stärke der Ohrgeräusche. Einige Menschen können damit sehr gut umgehen und sind nach einer Gewöhnungszeit kaum beeinträchtigt. Andere wiederum sind kaum in der Lage, ein normales Leben zu führen. Beruf und Freizeit sind für diese Patienten kaum zu bewältigen, sie leiden unter großen psychischem Stress. Schlafstörungen sind oft ein großes Problem, da während der nächtlichen Ruhe der Tinnitus stärker wahrgenommen wird. Die Lebensqualität kann dadurch stark beeinträchtigt sein. Depression und Angstzustände sind mögliche Folgeerscheinungen.

Viele mögliche Ursachen

Tinnitus kann durch ständige oder plötzliche Lärmeinwirkung, durch einen Hörsturz, Viruserkrankungen, einen Morbus Ménière (Schwindel) ausgelöst werden. Tinnitus kann aber auch durch die Einnahme bestimmter Medikamente verursacht werden. Stress kann den Tinnitus verstärken.

Es gibt zahlreiche mögliche körperliche Ursachen: Bluthochdruck, Halswirbelsäulenerkrankungen, Kiefergelenksschäden, Schädelverletzung, die mit einer Verletzung des Innenohres einhergeht, Durchblutungsstörungen der Kopfgefäße, Mittelohrentzündungen, die eine Schädigung des Innenohres hervorrufen können, Gefäßverengungen oder Ausbuchtungen der Halsschlagader oder von Gefäßen im Ohr, Herzklappenerkrankungen, Anämie, Cholesterinstörungen, abgelaufene Entzündungen (Röteln, Toxoplasmose oder Grippe), Medikamente (wie Salicylsäure), Vergiftungen, eine Unter- oder Überfunktionen der Schilddrüse, Diabetes, lokale Krankheiten wie zum Beispiel ein Ohrpfropf im Gehörgang oder langdauernde Entzündungen im Mittelohr. Zur Erhebung der Ursachen sind daher mitunter zahlreiche Fachleute zu Rate zu ziehen: der HNO-Arzt, der Internist, der Orthopäde, der Neurologe, der Psychologe und andere.

Tinnitusgedächtnis

Oft lässt sich die Ursache nicht mehr ermitteln. Man nimmt an, dass es sich, ähnlich wie beim Phantomschmerz, um ein „Tinnitusgedächtnis" handelt. Beim chronischem Tinnitus scheint es sich, zumindest teilweise, um eine Art Wahrnehmungsstörung beziehungsweise Überinterpretation des Gehirns zu handeln.

Frühzeitige fundierte ärztliche Diagnostik und eine individuelle Beratung sind wichtig, um Betroffenen falsche Ängste und ein ständiges, zwanghaftes „daran Denken müssen“ zu nehmen und eine Überreaktion zu verhindern.

Behandlung bei akutem Tinnitus

Unter akutem Tinnitus versteht man das erstmalige Auftreten eines Tinnitus. Oft legen sich Ohrgeräusche von selbst wieder binnen Stunden. Ist der Tinnitus am nächsten Morgen noch nicht abgeklungen, sollten ein Fachmann aufgesucht werden. Bei der Behandlung ist entscheidend, ob der Tinnitus durch einen frischen Innenohrschaden (Hörsturz, Mittelohrentzündung oder Lärmtrauma) ausgelöst wird oder durch psychischen Faktoren (Stress, Depressionen).

„Liegt ein akuter Innenohrschaden vor, so sollte man versuchen, diesen möglichst rasch mit durchblutungsfördernden Maßnahmen wieder zu normalisieren, in der Regel mit Tabletten oder Infusionen, gegebenenfalls zusätzlich mit Cortison. Führt dies nur zu einer geringen oder keiner Verbesserung, so käme noch eine Behandlung in der Druckkammer in Frage, die sogenannte Hyperbare [Überdruck] Sauerstofftherapie“, so Dr. Claus Despineux, Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten in Gallneukirchen.

Eine weitere Möglichkeit der Behandlung bei frischem Tinnitus bietet die Infusionstherapie. Sie ist jedoch nur bei einem akuten Innenohrschaden zielführend.

Ist der Tinnitus die Folge von psychischen Faktoren ohne Organschaden, haben durchblutungsfördernde Maßnahmen keinen Sinn. Es empfehlen sich eher Stressabbau oder Entspannungsübungen.

Behandlung bei chronischem Tinnitus

Bildet sich der akute Tinnitus im Laufe eines Jahres nicht zurück, spricht man von chronischem Tinnitus. „Das Problem hierbei ist, dass sich mit der Zeit der Tinnitus unabhängig von der auslösenden Ursache im Gehirn festbeißt“, so Despineux. Der HNO-Experte empfiehlt bei chronischen Tinnitus die TRT-Methode (Tinnitus-Retraining-Therapie). „Damit behandeln wir nicht nur das Innenohr, sondern das Gehirn als die zentrale Schaltstelle unserer Wahrnehmung“, sagt Despineux.

Tinnitus-Retraining-Therapie

Die Grundlage der TRT bietet ein ausführliches ärztliches Beratungsgespräch, bei dem Patienten Informationen bezüglich Entstehung und Verarbeitung des Tinnitus gegeben werden. „Man kann einen Gegner nur beherrschen, wenn man weiß, wo er herkommt und wie er sich verhält.“ Die Methode: Mittels eines im Ohr getragenen Rauschgeräts wird dem Gehirn über einen längeren Zeitraum zusätzlich zum Tinnitus ein angenehmes Gegengeräusch angeboten, sodass allmählich eine kognitive Umstrukturierung erfolgt.

Laser, Klang, Entspannung

Viele internationale Studien haben die Unwirksamkeit der Softlasertherapie beim Tinnitus bestätigt.

Klangtherapien bei der Tinnitusbehandlung sind durchaus zielführend, allerdings nur dann, wenn Patienten mit Musik etwas anfangen können. Die Klangtherapien sollten individuell auf die Patienten abgestimmt sein.

Da Stress nicht nur Auslöser sondern vielfach auch Verstärker des Tinnitus ist, spielen auch Entspannungsverfahren wie progressive Muskelentspannungen, Yoga etc. eine große Rolle. Bestehen zusätzlich neben dem Tinnitus noch Depression oder Angst- und Panikzustände, so soll ein Psychologe beziehungsweise Psychotherapeut hinzugezogen werden.

Von Pontius zu Pilatus

Despineux warnt jedoch vor einem Zuviel an Behandlung. „Mein Grundsatz lautet: Weniger ist mehr. Denn je mehr Therapien die Patienten probieren, desto mehr setzt sich der Tinnitus im Gehirn fest und desto mehr spielt er sich in der Wahrnehmung in den Vordergrund. Zusätzlich werden die Patienten immer hoffnungsloser. In der Regel sind diese alternativen Therapien auch sehr kostspielig.“

Helfen alle Behandlungen nichts, entwickelt sich ein bleibender Tinnitus. Wenn das dauerhafte Ohrgeräusch die Lebensqualität erheblich beeinträchtig, ist eine therapeutische Behandlung im Sinne einer individuellen Tinnitus-Bewältigung notwendig. Ziel ist es, mit dem Tinnitus sein Leben wieder genießen zu können.


Dr. Thomas Hartl

April 2008


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020