DRUCKEN

Alzheimer: Leben und Vergessen

Alzheimer: Leben und VergessenTotal Recall, die totale Erinnerung, lautet das Motto des heurigen Festival Ars Electronica in Linz. Dabei geht es auch ums Vergessen: In einer alternden Gesellschaft ist Alzheimer die Volkskrankheit der Zukunft.
Demenzen sind nicht nur eine medizinische, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung der Zukunft. Wir werden uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vermehrt damit beschäftigen müssen. Ob wir wollen oder nicht. Das sagen Experten.

In Österreich sind derzeit rund 110.000 Menschen an einer Demenz erkrankt, 90 Prozent davon an hirnorganischen Demenzen, dazu zählt Alzheimer. Es entstehen Eiweißverbindungen im Gehirn, sogenannte Plaques, diese verhindern die Kommunikation der Nervenzellen. Das geht soweit, dass einzelne Areale im Hirn absterben, es nimmt sogar an Gewicht ab. Die zweite Form sind vaskuläre Demenzen, bei denen kleine Infarkte im Gehirn entstehen, einzelne Areale sterben dadurch ab. Rund 11.000 Österreicher sind davon betroffen.

„2050 werden bereits 230.000 Menschen an einer Demenz erkrankt sein - also mehr als doppelt so viele wie heute“, sagt Alexander Aschenbrenner, Gerontopsychologe aus Salzburg und Leiter der Demenzberatung des Diakoniewerks in Salzburg.

Mit 90 hat jeder Dritte Demenz

Demenz ist eine Alterserscheinung. „Und weil Frauen älter werden, sind sie häufiger betroffen als Männer“, sagt Aschenbrenner. Während zwischen 65 und 69 Jahren nur 1,2 Prozent der Bevölkerung an einer Demenz erkranken, sind es zwischen 80 und 84 Jahren bereits 13 Prozent. Ab 90 Jahren leidet mehr als jeder dritte an einer Demenz.
„Es wird also immer mehr Demenzkranke geben, die in unserer Gesellschaft leben“, sagt Aschenbrenner und plädiert für „Inklusion“. Eine „demenzfreundliche“ Gesellschaft sei eine echte Herausforderung in einer Welt, in der vor allem die geistige Leistung zählt. Neue Wohnformen seien gefragt und Ängste müssten abgebaut werden.

„Denn wer anders ist, erzeugt Angst“, sagt Aschenbrenner. Und ein Teil der Demenzerkrankung ist das veränderte Verhalten. Viele denken: So will ich auf keinen Fall werden. Für Angehörige ist es besonders schwierig. Die Patienten reagieren anders als bisher, die Persönlichkeit verändert sich, sie werden aggressiv. Zudem geht die Selbstständigkeit verloren. Und die Gedächtnisleistung nimmt ab. „Das Vergessen ist eines der ersten Symptome einer Demenzerkrankung“, sagt der Experte.
Viele vergessen Namen, können sich nicht mehr richtig orientieren. Auch Sprachstörungen, depressive Verstimmungen und Stimmungsschwankungen stehen am Beginn einer Erkrankung.
Demenzpatienten versuchen häufig, diese ersten Symptome zu kaschieren. „Wenn Angehörige aber einen Verdacht haben, sollten sie das unbedingt beim Hausarzt abklären lassen“, rät Gerontopsychologe Alexander Aschenbrenner. Demenz ist nicht heilbar, man könne deren Verlauf aber verzögern. Vor allem, wenn die Diagnose schon in einem sehr frühen Stadium gestellt wird.
Medikamente seien sehr gut entwickelt und wirken sich besonders auf das Verhalten positiv aus. „Oft wirken die Antidementiva sehr gut, manchmal aber auch gar nicht“, weiß Aschenbrenner aus Erfahrung. Die Angehörigen unterstützt er beim richtigen Umgang mit den Patienten und dabei, sich auf das Kommende einzustellen.
Demenzkranke bauen zwar geistig ab, „wenn man sich mit ihnen intensiver beschäftigt, erkennt man aber, dass ihre Liebes- und Beziehungsfähigkeit, ihre Begeisterung und der Humor nicht verloren gehen“. Es sei deshalb wichtig, ab und zu einen anderen Blickwinkel zu wählen.

Wer schon jetzt vorbeugen möchte, um keine Demenz zu bekommen, kann sich geistig fit halten. Ohne Garantie. Alzheimer treffe auch Universitätsprofessoren, sagt Aschenbrenner. „Ein engagierter Lebensstil hat aber bestimmt einen positiven Effekt. Wer Interesse zeigt, sein Gehirn anregt, lacht und liebt und sich auch sportlich fit hält, tut viel, um eine Demenz zu verhindern.“
Das zeigt auch die Wissenschaft: „Eine Kombination aus Bewegung und gesunder Mittelmeerkost konnte das Auftreten der ersten Alzheimer-Symptome deutlich verzögern“, schreiben Judes Poirier und Serge Gauthier in dem Buch „Ich habe mich selbst verloren“ (Kösel-Verlag). Auch sei mittlerweile eindeutig erwiesen, dass „konstante geistige Aktivität dem Fortschreiten der Krankheit bei bereits Erkrankten leicht, aber doch signifikant entgegenwirkt“.

Musik hilft Erinnern

Lieder aus der Kindheit, auch wenn man sie lange nicht gehört hat, bringen einen oft ganz schnell zurück in das Gefühl von damals. Auch die Texte sind wieder da. Warum? Akustische Erinnerungen, beispielsweise bestimmte Musikstücke, sind jene Informationen, die am längsten im Gedächtnis gespeichert werden. Das gilt auch für Alzheimer-Patienten.
„Wenn sie Musik von damals hören, haben sie oft auch wieder Kompetenzen und Bewegungsabläufe, die bereits verloren geglaubt waren“, sagt Daniela Palk vom Diakoniewerk. Viele seien erstaunlich textsicher, auch wenn sie ansonsten bereits sprachliche Schwierigkeiten haben.
Und die Patienten beginnen zu tanzen. „Das gibt ihnen Sicherheit. Sie können ihre Rolle als Mann oder Frau wieder leben“, sagt Palk. Auch für die Partner sei das ein schöner Moment, wenn Erinnerungen wieder wach werden.

Betroffene am Wort

Als Dolmetscherin kann Helga Rohra (60) nicht mehr arbeiten, seit sie vor sechs Jahren die Diagnose Lewy-Körper-Demenz erhielt, eine spezielle Form der Demenz. Die Münchnerin änderte ihr Leben, schrieb ein Buch, tourt mit Vorträgen durch die Lande und tritt häufig im Fernsehen auf, um Demenzkranken Hoffnung zu geben.

Sie steht öffentlich zu ihrer Krankheit. Für Angehörige, Freunde und Nachbarn ist im Umgang mit Demenzkranken laut Rohra das Wichtigste, dass sie die Betroffenen nicht bevormunden. An Demenz Leidende ruft sie dazu auf, Hilfe einzufordern und nicht einfach abzuwarten. „Ich denke nicht an das Ende. Ich lebe im Jetzt. Das ist das Geheimnis von uns allen, die Demenz haben“, sagt Helga Rohra.

Was Schlüsselreize aus der Kindheit bewirken

Menschen mit Demenz erhalten über den Computer Impulse für ein besseres Leben.
Wo bin ich zum ersten Mal Fahrrad gefahren? Welche Musik lief beim ersten Kuss? „Schlüsselreize werden vom Kleinkind- bis zum jungen Erwachsenenalter geprägt“, sagt Jochen Eder, dessen Firma Programme speziell für Menschen mit Demenz entwickelt hat. Und genau auf diese frühen Reize sprechen betroffene Patienten auch besonders an, wenn die Krankheit ausgebrochen oder bereits fortgeschritten ist.
Das Memocare-Programm ermöglicht es etwa, die Lieblingsmusik zu hören oder Fotos anzusehen, die individuell für den jeweiligen Patienten auf einem Tablet-PC abgespeichert werden. Mit diesem Gerät gehen die Pflegekräfte dann direkt zum Bewohner und beschäftigen sich mit dem Einzelnen. Es ist aber auch möglich, ganze Gruppen zusammenzufassen. Ein Beispiel: Menschen, die am Bauernhof aufgewachsen sind, schauen Bilder aus der Landwirtschaft an, die vor 50 Jahren entstanden sind. Dazu läuft etwa Innviertler Hausmusik.

Lieblingsmusik beim Putzen

Die Demenzkranken verknüpfen Erinnerungen mit Bildern und Klängen, kommen dadurch gemeinsam ins Gespräch. Angewendet wird dieses Programm bereits im Seniorenheim der Gemeinde Eberstalzell und in den zwei Bezirkspflegeheimen in Ried. „Vorreiter ist Graz. Dort geht es so weit, dass die Putzfrau die Lieblingsmusik des Bewohners einschaltet, wenn sie ins Zimmer kommt“, erklärt Eder.
Ein weiteres Programm, das „Memocare-family“ heißt, soll Menschen im Frühstadium der Krankheit daheim helfen, ihr Leben besser zu organisieren. Noch ist es nicht im Einsatz. Verhandlungen mit Rotem Kreuz, Hilfswerk, Volkshilfe und mit der Caritas sind im laufen.
Eders Firma, die sich seit 2001 mit Programmen für alte Menschen beschäftigt, hat auch ein Programm zum Gedächtnistraining im Sortiment: „Das soll helfen, präventiv zu arbeiten.“ (dh)

„Ich kenne 43-Jährige, die Alzheimer haben“

Felicitas Zehetner (75) aus Bad Ischl ist geistig und körperlich topfit. Trotzdem prägt die Krankheit Alzheimer bereits seit mehreren Jahrzehnten ihr Leben. „Vor 30 Jahren habe ich meinen Mann begleitet und betreut. Er war an Demenz erkrankt und ich bin ihm beigestanden. Damals gab es noch sehr wenig Informationen zu dieser Krankheit“, erzählt die akademische Gerontologin. Nach dem Tod ihres Mannes hat die Pensionistin den Verein M. A. S. Alzheimerhilfe in Bad Ischl gegründet, dessen Obfrau sie bis heute ist.

Mittlerweile gibt es in Oberösterreich sechs „Servicestellen“, an die sich Betroffene und Angehörige wenden können. „Heute ist es so, dass Betroffene und Angehörige sehr offen mit der Erkrankung umgehen und sich gerne Hilfe bei uns holen“, sagt sie. Und: Alzheimer zu haben sei nicht ausschließlich eine Krankheit des hohen Alters. „Ich habe auch schon 43-Jährige kennengelernt, die daran erkrankt sind“, sagt Felicitas Zehetner.

Viele Alzheimer-Betroffene würden ihre Symptome schon in sehr frühen Stadien erkennen. „Sie haben dann das Gefühl, dass ,etwas in ihrem Kopf passiert’, das sie selbst nicht genau benennen können.“ Dieses Gefühl sei ein völlig anderes als jenes, das wir alle kennen würden, wenn wir den Schlüssel verlegen oder einen Termin vergessen. „Betroffene verlieren in einem sehr frühen Stadium für ganz kurze Zeit die Orientierung. Sie gehen aus dem Haus, weil sie eine Zeitung kaufen wollen, und wissen plötzlich nicht mehr, wo die Trafik ist. Kurze Zeit später wissen sie wieder alles – aber die kurzen Aussetzer kommen immer wieder...“
„Am besten ist es, wenn sich Angehörige und Betroffene gemeinsam bei den Demenzservicestellen beraten lassen“, sagt Zehetner. In so genannten „M.A.S.-Gruppen“ wird das Gedächtnis trainiert. „Das ist kein Heilmittel, aber es kann die Krankheit doch erheblich verlangsamen. Die Betroffenen bleiben frischer und fitter und können viel länger im Familienverband leben“, sagt die Gerontologin. Seit zwölf Jahren werden diese Gruppen auch wissenschaftlich begleitet. „Unsere Erfolge sind durch Studien belegt“, sagt sie. Je früher das Training begonnen wird, desto wirksamer sei es. An erster Stelle stehe das Ziel, die Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten.

Fähigkeiten fördern!

Die ausgebildeten M.A.S.-Trainerinnen arbeiten mittlerweile auch in Senioren- und Pflegeheimen. „Auch wenn die Krankheit schon weiter fortgeschritten ist, kann man mit den Betroffenen noch singen, sie bewegen, sich mit ihnen beschäftigen und die bestehenden Fähigkeiten fördern“, sagt Zehetner. Keinen Sinn habe es, verlorenen Dingen nachzutrauern.
Wenn man mit Alzheimer-Patienten nichts mehr unternimmt, nicht mehr mit ihnen spricht, sei das ein Signal für die Betroffenen, sich gänzlich zurückzuziehen. „Dann versinken sie in der Welt des Vergessens.“

Angehörige berichten

Anlässlich des Weltalzheimertages bringt die M.A.S.-Hilfe das Buch „Menschen mit Demenz - Betroffene & Angehörige kommen zu Wort“ heraus. (www.alzheimerhilfe.at)

Hier ein Ausschnitt:
„Bei meinem Vater fing das mit 70 Jahren an. Heute ist er 76, wird liebevoll von meiner Mutter gepflegt. Mein Vater wohnt in Gedanken in seinem Elternhaus. Manchmal erkennt er auf Fotos seine Geschwister wieder, seine jetzige Familie kennt er nicht mehr...“

OÖN Zeitungsrolle_150pxClaudia Riedler und Barbara Rohrhofer
Gesundheitsmagazin der OÖNachrichten
4. September 2013



Foto: OÖN-Graphik
Sie alle haben oder hatten Demenz (von links oben): Muhammed Ali (71), Karlheinz Böhm (85), Rudi Assauer (69); Inge Meysel (+2004), Sean Connery (83), Margaret Thatcher (+2013), Charlton Heston (+2008)




Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020