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Diabetes Mellitus: Wenn das gute Leben krank macht

Diabetes MellitusImmer mehr und immer jüngere Menschen leiden an Diabetes. Die Hauptursachen für „Zucker“ sind zu viel Essen und zu wenig Bewegung. Kann ein Leiden mit dem harmlos klingenden Namen „Zuckerkrankheit“ tatsächlich etwas wirklich Ernsthaftes sein? – Leider ja, denn die damit gemeinte Stoffwechselerkrankung Diabetes mellitus ist potenziell tödlich. Sie ist außerdem eine häufige Ursache für Erblindung, Niereninsuffizienz, Herzinfarkt, Schlaganfall und die Amputation von Gliedmaßen.

Diabetes ist aber nicht nur eine ernst zu nehmende, sondern auch eine immer stärker um sich greifende Erkrankung. Der „Österreichische Diabetes-Bericht 2013“ belegt, dass Typ-2- und Typ-1-Diabetes in Österreich markant zunehmen. Beim Typ 1 gab es in den letzten zehn Jahren einen Anstieg um rund 25 Prozent. Beim Diabetes Typ 2 hat sich die Zahl der Betroffenen innerhalb der letzten 20 Jahre sogar verdoppelt. Dabei zeigen sich große regionale Unterschiede und ein starkes Ost-West-Gefälle: „Im Westen sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung betroffen, im Osten dürften es – die Dunkelziffer eingerechnet – bis zu elf Prozent sein“, schätzt der Diabetes-Spezialist Univ.-Doz. Dr. Raimund Weitgasser, Leiter der Inneren Medizin an der Klinik der Diakonissen in Salzburg.

Zudem hat sich der Zeitpunkt des erstmaligen Auftretens von Diabetes in den vergangenen Jahren deutlich nach unten verschoben. War früher „Zucker“ ein Thema für 60 oder 70 plus, sind jetzt immer mehr Menschen ab 50 oder sogar schon ab 40 Jahren betroffen. Auch Kinder und Jugendliche erkranken heute an Typ-2-Diabetes, was vor 20 Jahren in Österreich noch völlig unbekannt war.

Immer mehr Diabetiker

Die Frage nach den Ursachen für die Zunahme des Typ-1-Diabetes konnte die Wissenschaft noch nicht eindeutig beantworten, doch beim weit häufigeren Typ 2 kennt man die Gründe. Diabetes wird heute besser diagnostiziert und zudem werden die Menschen älter. Das geht automatisch mit einem höheren Risiko für Diabetes einher, da die Insulin erzeugende Bauchspeicheldrüse mit höherem Lebensalter weniger gut funktioniert.

Der im wahrsten Sinn des Wortes gewichtigste Grund für die Zunahme ist allerdings der Lebensstil: Die Österreicherinnen und Österreicher werden immer dicker. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit sind 40 Prozent zwischen 18 und 64 Jahren übergewichtig: 28 Prozent der Frauen und jeder zweite Mann bringen zu viel auf die Waage. 15 Prozent der Männer und jede zehnte Frau sind sogar adipös, also stark übergewichtig. Auch unter den Schulkindern zwischen sieben und 14 Jahren grassiert die Fettleibigkeit. Etwa ein Fünftel der Mädchen und fast jeder vierte Bub sind übergewichtig oder adipös.

Das ist äußerst besorgniserregend! Damit die Blutzucker-Werte erst gar nicht entgleisen, gilt es nämlich vor allem eines im Auge zu behalten: die Anzeige der Personenwaage. „Übergewicht ist ganz klar die Hauptursache für Diabetes“, warnt Primar Weitgasser. Vor allem bauchbetontes Übergewicht lasse das Diabetes-Risiko in die Höhe schnellen.

Bewegung schützt

Eine ungesunde, zucker- und fettreiche Ernährung fördert also Diabetes. Sie führt aber nicht zwangsläufig dazu, dass der Zuckerstoffwechsel entgleist. Auch ob jemand ein Sportmuffel oder eher bewegungsfreudig ist, spielt eine ganz wichtige Rolle. Aktive Muskeln kurbeln die Insulinwirkung an, was den Abbau des Blutzuckers erleichtert. Wer ausreichend Bewegung in sein Leben integriert, erkrankt daher deutlich seltener an Typ-2-Diabetes. Um diesen Schutzeffekt zu erreichen, sind keine stundenlangen sportlichen Aktivitäten nötig. Schon kurze Spaziergänge von 15 Minuten ein- oder zweimal täglich helfen. Besonders gesundheitsfördernd ist der Verdauungsspaziergang nach dem Abendessen. Viele Menschen, die etwa aus beruflichen Gründen tagsüber wenig Zeit für eine ordentliche Mahlzeit haben, essen am Abend besonders viel. Legt man sich anschließend auf die Couch vor den Fernseher, bleibt der Blutzuckerspiegel über einen längeren Zeitraum auf einem hohen Niveau. Macht man stattdessen einen kleinen Spaziergang, sinken die Zuckerwerte auf ganz natürliche Weise, was effektiv vor Typ-2-Diabetes schützt. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt bei Menschen über 60 Jahren.

Enorm wichtig ist das für Menschen, die unter einem erhöhten Blutdruck und zu hohem Cholesterinspiegel leiden, da bei Diabetes meist mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Ein erhöhtes Risiko tragen auch erblich belastete Menschen, in deren Familie bereits Diabetes aufgetreten ist. Kommen mehrere Belastungen zusammen, kann ein Auslöser das Fass zum Überlaufen bringen. Eine Stresssituation oder eine Infektion lassen die Zuckerwerte dann oft ganz plötzlich und dauerhaft entgleisen.

Diabetes Typ 2 ist heilbar

Dauerhaft heißt aber nicht zwangsläufig für immer, vorausgesetzt man ändert jenen Lebensstil, der den „Zucker“ verursacht hat. „Durch konsequente Ernährungsumstellung und Bewegung lässt sich Diabetes Typ 2 sogar heilen“, so die gute Nachricht des Diabetologen Dr. Weitgasser. Wer ohne Diabetes-Medikamente auskommen will, muss sich vor allem konsequent bewegen. Wie man erst seit einigen Jahren weiß, erreicht man auch bei der Behandlung eines bereits eingetretenen Diabetes mit Sport sehr viel, und zwar noch mehr als mit einer Ernährungsumstellung.

Früher wurde in der Diabetes-Beratung der Schwerpunkt vor allem auf die Ernährung gelegt; heute sind Bewegungsprogramme wichtiger geworden. Das richtige Maß weiß etwa der speziell für erfolgreiche Diabetes-Behandlungsstrategien geschulte Hausarzt. „Therapie Aktiv“-Ärzte haben eine auf die Behandlung von Diabetes abgestimmte Zusatzausbildung absolviert und können daher ihre Patienten bei der Bewältigung der Erkrankung ausgezeichnet unterstützen (Details unter www.therapie-aktiv.at). Sie sind auch in Sachen gesunder Ernährung besonders geschult. Am besten geht es jenen Erkrankten, die mediterrane Kost mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Fisch, Olivenöl und Nüssen verspeisen. Hochverarbeitetes Getreide und Weißmehlprodukte sowie rotes Fleisch sollten nur sehr selten auf den Tisch kommen. Auch Salz sollte man sparsam verwenden. An erster Stelle der Diabetes-Behandlung steht immer ein Plus an Bewegung und gesunder Ernährung. Reicht das nicht aus, um die Zuckerwerte zu normalisieren, helfen Medikamente, die den Zuckerwert absenken. Mittlerweile gibt es Präparate, die diese Aufgabe mit weniger Nebenwirkungen (zum Beispiel Gewichtszunahme, Gefahr der Unterzuckerung) erfüllen und die sich zugleich positiv auf andere Risikofaktoren wie etwa hohe Blutfette auswirken. Die neuen Medikamente sind zudem effektiver bei Patienten, die schlecht auf die Gabe von Insulin ansprechen.

Ohne Fingerstechen

Die Pharma- und Medizintechnikkonzerne, die für diesen weltweit lukrativen Markt forschen, bieten aber auch noch in anderen Bereichen Innovationen. Vor allem bei der Messung des Blutzuckerspiegels tut sich viel. Hier beschäftigt sich die Forschung intensiv mit der kontinuierlichen Messung des Zuckers über Sensoren in der Unterhaut. Eine Entwicklung mit viel Potenzial: „Ich rechne damit, dass in 10 bis 15 Jahren wahrscheinlich jeder Diabetiker mit einem solchen Sensor ausgerüstet sein wird und seine Zuckerwerte dann zum Beispiel am Handy ablesen kann“, erklärt Dr. Weitgasser. Diese Sensorsysteme lassen sich zudem mit einer Insulinpumpe kombinieren. Die Zukunft geht also – insbesondere für den insulinabhängigen Patienten mit Typ-1-Diabetes - in Richtung „künstliche Bauchspeicheldrüse“.

Auch aus dem Bereich der alternativen Behandlungsstrategien werden immer wieder Neuigkeiten gemeldet. Naturheilmittel zur Senkung des Blutzuckerspiegels wie etwa Knoblauch oder Zimt können allerdings die medikamentöse Diabetestherapie nicht ersetzen: „Sie nützen leider kaum etwas, wenn man bereits Diabetes hat“, erklärt Dozent Raimund Weitgasser. „Bei Menschen, die kurz davor stehen, die Schwelle zum Diabetes zu überschreiten, kann das aber manchmal helfen, den Ausbruch der Krankheit etwas hinauszuzögern“, weiß der Leiter des Salzburger Diabetes-Programms. Gänzlich rät der Experte hingegen von den in letzter Zeit oft angepriesenen Frisch- oder Stammzelleninjektionen für Typ-1-Diabetiker ab. Hierzu gebe es derzeit keine wissenschaftlich nachgewiesenen Effekte.

Dr. Regina Sailer
Dezember 2013


Foto: shutterstock, privat

Unterschiedliche Ursachen für Diabetes Typ 1 und Typ 2

Diabetes mellitus kann in verschiedenen Formen auftreten:

  • Typ-1-Diabetes tritt vor allem schon bei Kindern und Jugendlichen auf und ist auf das Fehlen der Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse zurückzuführen.
  • Bei Typ-2-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse mit der Zeit immer mehr Insulin, weil die Zellen kaum noch auf das Insulin ansprechen. Man spricht von einer Insulinresistenz.

Warum Diabetes so gefährlich ist

Das von der Bauchspeicheldrüse gebildete Insulin ist das einzige Hormon, das den Blutzuckerspiegel senken kann. Spricht der Körper auf Insulin nicht mehr richtig an (Typ-2-Diabetes) oder wird das lebenswichtige Stoffwechselhormon von der Bauchspeicheldrüse erst gar nicht hergestellt (Typ-1-Diabetes), hat das gefährliche Folgen. Im schlimmsten Fall entgleist der Stoffwechsel der Betroffenen völlig und es kommt zu akuten Notfällen wie einem diabetischen Koma oder einer starken Überzuckerung, der Hyperglykämie.

Man kann also, auch wenn das relativ selten ist, unmittelbar an Diabetes sterben. Weit häufiger sind jedoch schwere Erkrankungen als Folge eines (nicht optimal behandelten) Diabetes Typ 2. Ursache dafür ist der überschüssige Zucker, der sich im Blut ansammelt. Da er nicht seinen vorgesehenen Weg in die Zellen als Energielieferant gehen kann, wird er in aggressive Abbauprodukte umgewandelt. Diese lagern sich an Nerven und Gefäßen verschiedener Organe ab. Die Gefahr einer Arteriosklerose, also einer Arterienverkalkung, steigt in Verbindung mit anderen Risikofaktoren (hoher Blutdruck, hohe Blutfette, Rauchen) dadurch dramatisch. Das wiederum fördert Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch die Gefahr einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit erhöht sich. Die geschädigten Gefäße können das Gewebe der Beine nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen.

Im Endstadium des sogenannten diabetischen Fußes können dadurch Zehen oder größere Teile des Beines absterben, die amputiert werden müssen. Auch die feinen Gefäße der Augen sind sehr anfällig für diabetesbedingte Schäden. Die daraus entstehende diabetische Retinopathie ist die Ursache für nahezu ein Drittel aller Erblindungen in Europa. Weitere mögliche Folgeschäden betreffen Empfindungsstörungen und Kribbeln in Beinen und Armen, Entleerungsstörungen von Darm und Blase oder Impotenz als Zeichen einer diabetischen Neuropathie.

Das alles bahnt sich unmerklich an – ohne Schmerzen und (vorerst) ohne Symptome. Die Nerven, Gefäße und Organe leiden zwar unter den hohen Zuckerwerten, es dauert aber lange, bis sie sozusagen mittels Schmerzimpulsen um Hilfe schreien. Tun sie es schließlich, haben die hohen Zuckerwerte bereits Schäden angerichtet, die sich nicht mehr umkehren und reparieren lassen. „Daher ist es besonders wichtig, dass man sich schon ab der Diabetes-Diagnose zu halten versucht, auch wenn man noch keine Beschwerden hat“, legt der Diabetes-Spezialist Dr. Raimund Weitgasser allen Betroffenen ans Herz.

Falsche Ernährung führt zu Diabetes

Diabetes MellitusEin Hauptübel bei der Entstehung von Diabetes ist Zucker, wie er in Süßigkeiten, Softdrinks, Mehlspeisen und versteckt auch in vielen Fertiggerichten enthalten ist. Zucker trägt in zweifacher Hinsicht zu Diabetes bei. Er macht dick, da ein Übermaß im Körper zu Fett umgewandelt wird. Das überlastet viele Organe und ebenso die Bauchspeicheldrüse, die das Insulin ausschüttet. So wie ein Mittelklassewagen nicht für die Anforderungen an einen Kleinlastwagen ausgestattet ist, funktionieren auch die Organe des Menschen nur in einer gewissen „Gewichtsklasse“ störungsfrei. Die Zellen können in der Folge den Zucker nur unvollständig aufnehmen und abbauen. Er zirkuliert weiterhin im Blut und der Blutzuckerspiegel steigt. Ein dauernder Zuckerüberschuss (Hyperglykämie) im Blut, der langfristig die Gefäße, Augen, Nerven und Nieren schädigt, ist das Kennzeichen aller Diabetes-Formen.

Zucker trägt aber nicht nur über die Gewichtszunahme zum Diabetes bei. Die sogenannten Einfachzucker, wie sie in den oben genannten Speisen enthalten sind, haben noch einen weiteren Nachteil: Der Körper muss sie – anders wie etwa bei den kohlenhydratreichen Hülsenfrüchten – nicht erst aufspalten. Die in Werbeslogans gerne hervorgehobene Tatsache, dass Traubenzucker (so wie anderer Zucker) sofort ins Blut geht und neue Energie spendet, hat Schattenseiten. Der Körper braucht innerhalb kurzer Zeit sehr viel Insulin, um den aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Zellen zu schleusen.

Das alles bedeutet Schwerstarbeit für die Bauchspeicheldrüse. Sie schüttet immer noch mehr Insulin aus und überschreitet immer öfter die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit bis hin zur Erschöpfung. Diese Überforderung führt schließlich dazu, dass die Menge des ausgeschütteten Insulins abnimmt, obwohl es immer noch dringender benötigt wird. Denn die lange Zeit mit Insulin regelrecht überschütteten Körperzellen brauchen wie ein Drogensüchtiger immer mehr „Stoff“, also Insulin, um überhaupt noch davon zu profitieren. Diesen Zustand nennt man Insulinresistenz.

Kommentar

Diabetes Mellitus„Schwere Folgeschäden eines Diabetes können mit einer guten Einstellung des Blutzuckers und der zusätzlichen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirksam bekämpft werden! Eine Diabetes-Schulung und die schrittweise Vereinbarung von realistischen Behandlungszielen sind besonders wichtig.“
Univ.-Doz. Dr. Raimund Weitgasser
Leiter der Abteilung für Innere Medizin an der Klinik der Diakonissen, Salzburg

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020