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Mysteriöse Müdigkeit

Mysteriöse MüdigkeitCFS kann des Leben der Patienten zur Hölle machen. Sie werden von der Umwelt oft als Hypochonder abgetan, können sich selbst kaum durchs Leben schleppen, ihr Leiden gibt Ärzten Rätsel auf. Chronische Erschöpfung ist eine Krankheit, deren Ursachen und Auslöser bis heute nicht bekannt sind. Eine Krankheit, die Betroffene zur Verzweiflung treibt, ihr Leben zur Hölle macht.

Susanna ist müde, todmüde. Morgens, tagsüber, nachts. Extreme, lähmende Erschöpfung macht ihren Alltag zur Hölle, alle Aktivitäten werden zur Qual, Schlaf ist nur eine zeitlich begrenzte Flucht ohne Erholung. Susanna leidet seit Wochen, sie fühlt sich schwer krank, aber kein Arzt kann eine Diagnose stellen. Dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher, als dass endlich einer formuliert, ausspricht, was sie hat. Die junge Frau ist kein Hypochonder oder Spinner und auch kein Einzelfall. Sie leidet an CFS, dem Chronic Fatigue Syndrome. Dieses Chronische Erschöpfungssyndrom ist eine heimtückische Krankheit, die schwer zu diagnostizieren, noch schwerer zu behandeln ist und es unmöglich macht, ein halbwegs normales Leben zu führen.

Oft beginnt CFS wie ein grippaler Infekt: Müdigkeit, Glieder- und Kopfschmerzen, Muskelziehen. Die Symptome werden aber auch nach einigen Tagen Bettruhe nicht besser, im Gegenteil, sie nehmen an Intensität zu. Halsschmerzen, Konzentrationsstörungen, Empfindlichkeiten der Lymphknoten, Nervenzuckungen, Ohrgeräusche, Sehstörungen, Depression kommen dazu, machen das Leben der Betroffenen zu einem Albtraum. Nach wissenschaftlichen Schätzungen erkranken annähernd doppelt so viele Frauen wie Männer, die Zahl der Erkrankten liegt zwischen sieben und 38 je 100.000 Einwohnern.

Immunsystem als Auslöser

Seit Jahren wird weltweit an den Ursachen geforscht, eine Arbeitsgruppe der amerikanischen Gesundheitsbehörde Center of Disease Control ist dabei federführend. Als Auslöser für chronische Erschöpfung werden Immunfehlfunktionen, Immundefekte, Viren, hormonelle Störungen, Pilze, anhaltender Stress, psychische Faktoren oder Umweltgifte diskutiert. Einig sind sich viele Forscher darin, dass eine Schwächung des Immunsystems beziehungsweise dessen chronische Aktivierung Kern der Erkrankung ist.

CFS kann trotz aller Bemühungen weder durch Blut- oder Labortests noch durch andere Untersuchungen als Krankheit diagnostiziert werden. Und das macht es für die Betroffenen auch so schwer. Sie sind – manchmal jahrelang – nicht in der Lage, ihr Leben zu ordnen, einer Arbeit nachzugehen. Zur körperlichen Erschöpfung kommen seelische Verzweiflung, Depressionen, finanzielle Schwierigkeiten, Unverständnis der Umwelt.

Trotz aller Defizite ist es für Betroffene wichtig, eine Abklärung ihrer Krankheitssymptome herbeizuführen. Andere Krankheiten wie Krebs, Multiple Sklerose, Hepatitis oder Tuberkulose, Virusinfektionen, schwere Stoffwechselstörungen oder psychische Beeinträchtigungen müssen ausgeschlossen werden. Wenn die Erschöpfungszustände bei negativen Befunden anderer Untersuchungen länger als sechs Monate anhalten, gehen Ärzte davon aus, dass es sich um CFS handeln kann. Dann beginnt für die Betroffenen der Therapie-Marathon. Denn auch hier gibt es keine vorgezeichneten Wege, keine optimalen Lösungen. Welche Medikamente das Krankheitsbild bessern können, ist umstritten. Manchmal helfen leichte Anti-Depressiva, oft ist es hilfreicher, Mangelzustände auszugleichen, chronische Infektionen zu behandeln, die Ernährung umzustellen.

Auch Physiotherapie und psychotherapeutische Unterstützung sind für Betroffene oft kleine Schritte hin zu einer Besserung. Den meisten CFS-Kranken gelingt es nach genauer Abklärung und medzinischer Begleitung, ökonomisch mit der ihnen verbliebenen Energie umzugehen und Grundlagen für einen effektiven Umgang mit der Krankheit zu schaffen, der zumindest die Strukturierung eines geregelten Tageslablaufs auch an besonders schlechten Tagen zulässt. Freunde und Familie können die Kranken vor allem dadurch unterstützen, dass sie die Krankheit ernst nehmen, den Betroffenen im Alltag unterstützen und ihn ermutigen und fördern, ein – im Rahmen von CFS verleibender Möglichkeiten – „normales“ Leben zu führen.

Mag. Kornelia Wernitznig

Februar 2009


Foto: Bilderbox, privat

Kommentar

Kommentarbild von Prim. Dr. Werner Grabmair zum Printartikel „Chronische Erschöpfung wird mittlerweile als eigenständige Erkrankung diagnostiziert. Wenn die Erschöpfungssymptome längere Zeit anhalten, sollte der Betroffene unbedingt einen Arzt aufsuchen, um die Ursachen abzuklären.“
Prim. Dr. Werner Grabmair
Leiter der neurologischen Abteilung am KH der Barmherzigen Schwestern, Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020