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Stuhlinkontinenz: Rechtzeitig darüber reden

Stuhlinkontinenz: Rechtzeitig darüber redenEs ist peinlich und unangenehm und deshalb sprechen so wenige Betroffene über ihr Problem. Mit einer Stuhlinkontinenz muss man sich aber nicht abfinden. Welche Therapiemöglichkeiten Abhilfe verschaffen, erklärt Dr. Christoph Kopf.

Wenn man den Stuhl nicht willkürlich zurückhalten kann und unfähig ist, ihn an einem bestimmten Ort und/oder zu einer bestimmten Zeit abzusetzen, spricht man von einer Stuhlinkontinenz. Betroffene können den Darminhalt also nicht bewusst ausscheiden, stattdessen kommt es zum ungewollten und unkontrollierten Abgang von Stuhl. Man schätzt, dass fünf Prozent der Bevölkerung davon betroffen sind. Dabei gilt: „Der größte Risikofaktor ist das Alter. Bei den über 65-Jährigen sind es bereits zehn bis 15 Prozent, die darunter leiden“, sagt Prim. Dr. Christoph Kopf, Leiter der chirurgischen Abteilung am Landeskrankenhaus Schärding und Vorstandsmitglied der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (www.kontinenzgesellschaft.at). Doch welche Faktoren sind dafür verantwortlich?

Breit gefächerte Ursachen

Damit der Stuhl willentlich zurückgehalten werden kann, müssen Schließmuskeln, Beckenboden, Nerven und Mastdarm zusammenarbeiten. Sind einzelne Faktoren gestört, kann eine Stuhlinkontinenz auftreten. „Die Ursachen sind breit gefächert“, sagt Kopf und fügt hinzu: „Sie fangen mit der Beschaffenheit des Stuhls an. Ist dieser sehr flüssig, hat man Schwierigkeiten, rechtzeitig auf die Toilette zu kommen. Flüssiger Stuhl begünstigt also eine Stuhlinkontinenz.“ Gerade bei älteren Menschen kann hingegen eine Schwäche der Beckenbodenmuskulatur und der Schließmuskeln für die Stuhlinkontinenz verantwortlich sein. Hier tritt auch häufiger eine sogenannte Überlaufinkontinenz auf: Dünner Stuhl fließt um einen harten Kotballen im Mastdarm, was als Durchfall fehlinterpretiert wird. „Ein geschwächter Schließmuskel kann aber auch eine Folge von Operationen, wie zum Beispiel einer Fisteloperation am After, sein. Bei Frauen wiederum stellen Geburten einen Risikofaktor dar, bei denen es in einigen Fällen zur Schädigung des Beckenbodens kommt“, sagt der Primar. Zudem spielen Nervenschädigungen eine Rolle, die durch Überdehnung entstehen können. „Frauen sind häufiger verstopft als Männer. Das starke Pressen kann dann zur Überdehnung der Nerven und der Beckenbodenmuskulatur führen und eine Stuhlinkontinenz begünstigen“, so Kopf. Aber auch bestimmte Erkrankungen können dafür verantwortlich sein, dass man den Stuhl nicht halten kann. Dazu zählen beispielsweise Enddarmentzündungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn sowie Tumoren des Enddarms oder Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes. „Es gibt auch Menschen, die einen intakten Schließmuskel haben, aber deren kognitive Fähigkeiten eingeschränkt sind. Sie nehmen nicht wahr, dass sie auf die Toilette müssen. Ist hingegen die Mobilität eingeschränkt, schafft man es vielleicht nicht rechtzeitig dort hin“, ergänzt der Mediziner. Oft bleibt es dann nicht nur bei der Stuhlinkontinenz: Durch den ständigen Kontakt mit dem Stuhl und das permanente Feuchtigkeitsgefühl können Hautreizungen, wie ein Ekzem, oder hartnäckiger Juckreiz im Analbereich entstehen.

Ausmaß individuell unterschiedlich

Je nach Ausmaß der Beschwerden unterscheidet man verschiedene Schweregrade der Stuhlinkontinenz. Während einige Betroffene unter gelegentlichem Stuhlschmieren oder unwillkürlichem Abgang von Darmwinden leiden, können andere dünnen oder flüssigen Stuhl nicht halten. Bei schweren Formen der Stuhlinkontinenz verläuft die Darmentleerung völlig unkontrolliert. Auch fester Stuhl kann nicht zurückgehalten werden.

Tabuthema, das isoliert

In allen Fällen gilt jedoch meist: Die Betroffenen leiden stark darunter. „Über eine Harninkontinenz redet man öfter, über eine Stuhlinkontinenz überhaupt nicht. Das stigmatisiert unglaublich. Betroffene haben Angst, durch mögliches Stinken angesprochen zu werden. Sie ziehen sich zurück und leben sozial isoliert. Das Ausmaß des Leidens ist aber subjektiv verschieden: Während für eine äußerst gepflegte Person ein einmaliges Stuhlschmieren bereits ein einschneidendes Ereignis sein kann, können andere, die immer wieder größere Mengen Stuhl verlieren, zum Teil gut damit umgehen“, so der Mediziner.

Rechtzeitig thematisieren

Umso wichtiger ist es, das Thema rechtzeitig beim Arzt anzusprechen – auch wenn das schwerfällt. Kopf: „Üblicherweise sprechen es Betroffene nicht an, aber auch wir Ärzte fragen nicht immer nach. Das ist das Traurige. Es tut sich jetzt aber Gott sei Dank einiges. In Oberösterreich wurde von der Landesgruppe der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich ein Kontinenzstammtisch gegründet, um die interprofessionelle Zusammenarbeit zu verstärken. Das ist insofern wichtig, weil – sieht man sich die demographische Entwicklung an – die Stuhlinkontinenz noch ein schlagendes Thema werden wird.“

Therapie: Von der Ernährungsumstellung zur Operation

Ist die Diagnose gesichert und die zugrundeliegende Ursache ausgemacht, kann man mit der Therapie beginnen. Neben konservativen Methoden – wie gezieltem Beckenbodentraining, Elektrostimulation oder Biofeedback-Therapie zur Unterstützung der Beckenbodenmuskulatur oder einer individuellen Umstellung der Ernährung, weil fester Stuhl in der Regel leichter zu halten ist – können auch Medikamente zum Einsatz kommen. Sie verlangsamen die Darmtätigkeit und vermeiden Durchfälle. „Bei der Beckenbodengymnastik geht es darum, wieder ein Körpergefühl zu entwickeln und die Restfunktion des Schließmuskels zu trainieren“, so Kopf. Führt das alles nicht zum gewünschten Erfolg, ist bei 15 bis 20 Prozent der Betroffenen eine Operation notwendig sein. Hier gibt es verschiedene Verfahren, die zur Verfügung stehen – beginnend bei einer Rekonstruktion des Schließmuskels bei umschriebenen Defekten über eine Modulation der Beckennerven durch Implantation von Elektroden bis hin zu einem künstlichen Analschließmuskel. Zudem finden Patienten mit Stuhlinkontinenz eine Reihe von Produkten zur Unterstützung vor. Dazu gehören Analtampons oder Einlagen. „In manchen Fällen hilft aber leider nur ein Seitenausgang“, erklärt der Mediziner.

Beckenbodengymnastik zur Vorbeugung

Taucht noch die Frage auf, ob man einer Stuhlinkontinenz vorbeugen kann? „Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer, weil ihr Beckenboden muskulär schwächer ausgebildet ist. Hier wäre es wichtig, Beckenbodengymnastik ins lebenslange Fitnessprogramm einzubauen. Entscheidend ist natürlich auch, auf einen regelmäßigen Stuhlgang zu achten und heftiges Pressen zu vermeiden“, so Kopf.

MMag. Birgit Koxeder-Hessenberger
August 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020