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Alzheimer: Wenn die Erinnerung erlischt

Alzheimer: Wenn die Erinnerung verlischtDie Alzheimer‘sche Demenz ist die häufigste degenerative Demenzform und betrifft etwa zwei Drittel aller Demenzpatienten. Etwa 110.000 Demenzkranke gibt es derzeit in Österreich, eine nicht unerhebliche Dunkelziffer nicht eingerechnet. Weltweit rechnet man derzeit mit 34 Millionen Alzheimerkranken, bis 2050 dürfte sich diese Zahl verdreifachen – der Preis für die steigende Lebenserwartung. Nicht jede kleine Vergesslichkeit ist schon Vorbote einer Demenz, weil die Hirnleistung einem normalen Alterungsprozess unterliegt.

Körperpflege und Haushalt erledigen, sich Gesichter und Telefonnummern einprägen, Beruf und Hobby ausüben, Termine planen und sich merken – unser tagtägliches Denken und Handeln erscheint selbstverständlich. Eine alte Melodie fällt uns wieder ein, die Suche nach der verlegten Brille hat immer wieder Erfolg – nur nicht beim Alzheimer-Patienten. Er vergisst nach und nach für immer. Er vergisst, was er soeben erzählt hat, jahrelang vertraut gewesene Namen sind nicht mehr abrufbar. Die Vergesslichkeit beeinträchtigt immer mehr den Tagesablauf – bis hin zu zeitlichen und räumlichen Orientierungsstörungen und zur Umkehr des Tag-Nacht-Rhythmus. Alltagshandlungen werden nicht mehr beherrscht, Gegenstände landen am völlig falschen Platz, wie etwa der Mixer im Tiefkühlfach.

Der Wortschatz versiegt bis zum Verstummen, die Hygiene wird vernachlässigt, Persönlichkeitsveränderungen werden immer ausgeprägter, lange vor der völligen Pflegebedürftigkeit. Ehemals gutmütige Personen werden streitbar und starrköpfig, aus Sparsamkeit wird Geiz. Unbegründete quälende Eifersuchtsideen oder die Angst, bestohlen zu werden, verfolgen viele Alzheimer-Opfer, ein sozialer Rückzug setzt ein. Besonders belastend für die Umgebung ist das „Shadowing“ – wie ein Schatten folgt der Demenzkranke seinem Betreuer überall hin. Stimmungsschwankungen ohne äußeren Anlass und Depressionen sind häufig. Wenn Angehörige die ersten Krankheitssymptome als eher weniger besorgniserregend empfunden haben, so bringen sie spätestens jetzt den Patienten zum Arzt.

Ursache der fortschreitenden Alzheimer-Symptome sind Einlagerungen von Eiweißspaltprodukten – genannt Amyloid und Tau – zwischen und in den Nervenzellen des Gehirns. Diese Plaques stören die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen und somit die Hirnleistung. Es kommt zu einem Mangel an Botenstoffen, sogenannten Neurotransmittern, im Gehirn, vor allem Acetylcholin. Der Botenstoff Glutamat wiederum, der beim Gesunden Lern- und Denkvorgänge steuern hilft, ist im dementen Gehirn im Überfluss vorhanden. Die hohe Glutamat-Konzentration an den Schlüsselstellen zwischen den Nervenzellen führt zur Übererregung der Nervenenden und zu einer gestörten Impulsweitergabe. Nach und nach sterben Nervenzellen ab. Das Gehirn ist jahrelang imstande, den Verlust unauffällig wettzumachen. Werden Defizite in der Hirnleistung erst einmal wahrnehmbar, ist schon ein erheblicher Gewebsuntergang passiert.

Die Ursache der Eiweißeinlagerungen ist ungeklärt, viele Theorien werden diskutiert. Freie Radikale, die berüchtigten aggressiven Stoffwechselprodukte, stehen zumindest als mitschuldig unter Verdacht, berichtet Univ.-Prof. Dr. Friedrich Leblhuber, der Leiter der Abteilung für Neurologisch-Psychiatrische Gerontologie an der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg in Linz.

Unter den 65-Jährigen sind nur etwa zwei Prozent von Alzheimer betroffen, unter den 85-Jährigen ist bereits ein Drittel erkrankt. Unabhängig von den seltenen erblichen Alzheimer-Varianten steigt das Erkrankungsrisiko, wenn ein Verwandter etwa im Alter von 80 Jahren an Demenz erkrankt. Die Nachkommen müssen aber nicht zwangsläufig an Demenz erkranken. Weltweit wird derzeit fieberhaft nach Erbfaktoren für diese Epidemie des 21. Jahrhunderts „Morbus Alzheimer“ geforscht. So konnten neben dem seit 1995 bereits bekannten Erbfaktor ApoE von einer internationalen Forschergruppe zuletzt zehn weitere genetische Faktoren identifiziert werden, die vor allem den Cholesterinstoffwechsel sowie chronische Entzündungsvorgänge beeinflussen.


Nicht immer Alzheimer

Je früher eine Demenz auftritt, desto schwerer und drastischer ist im Allgemeinen der Verlauf. Frauen scheinen in der Statistik der Demenzen häufiger auf als Männer, nicht zuletzt wegen der höheren durchschnittlichen Lebenserwartung. Unter anderem dürften aber auch hormonelle Einflüsse das Erkrankungsrisiko erhöhen. Mindestens 95 Prozent aller Alzheimer-Fälle sind der sogenannten sporadischen Alzheimer-Demenz zuzuordnen, die eher ab dem 65. Lebensjahr einsetzt. Viel seltener ist die erbliche, nämlich genetisch bedingte Alzheimer-Form, die schon sehr früh, nämlich um das 50. Lebensjahr, auftreten kann.

Die Parkinson‘sche Erkrankung, die Schüttellähmung, führt in ihrem Verlauf ebenfalls zur Demenz – auch hier lagert schädlicher Eiweißmüll (das sogenannte Alpha-Synuclein) im Gehirn. Bei der Lewy-Body-Demenz gehen Demenzzeichen den Parkinson-Symptomen voraus. Die Frontallappen-Demenz („Morbus Pick“) ist oft genetisch bedingt und äußert sich vor allem in Verhaltensauffälligkeiten. Die vaskuläre Demenz als Folge von Durchblutungsstörungen der Hirngefäße ist die zweithäufigste Demenzform. Im hohen Alter bestehen häufig Mischformen, also etwa Alzheimer und vaskuläre Demenz, die oft nur schwer voneinander abzugrenzen sind. Während Alzheimer-Patienten jedoch noch lange Zeit körperlich kraftvoll und gangsicher erscheinen, entstehen bei der vaskulären Demenz oder auch bei der Lewy-Body-Demenz frühe Einbußen in der Beweglichkeit. Typisch für eine vaskuläre Demenz ist auch das schnelle Schwanken der Symptome oft innerhalb eines Tages. Patienten, die sich am Tag zuvor noch gut orientieren konnten, können praktisch über Nacht durch kleine „stumme“ Infarkte in bestimmten Hirnabschnitten völlig verwirrt erscheinen.

Vielfache Narkosen und häufige Kopfverletzungen wie Gehirnerschütterungen, Umweltgifte, Rauchen, Alkohol, Medikamenten- und Drogenmissbrauch begünstigen die Entwicklung einer Demenz ebenso wie Bluthochdruck im mittleren Lebensalter. Ungünstig ist auch ein plötzlich zu niedriger Blutdruck im höheren Alter, wenn zuvor hochdruckgeschädigte, starre Blutgefäße nicht mehr für eine ausreichende Durchblutung sorgen. Äußerst negativ wirkt sich ein schlecht eingestellter Diabetes aus. Blutarmut und Schlafapnoe stören die Versorgung der Gehirnzellen ebenfalls und zählen wie Schilddrüsenhormonstörungen zu den Demenz-Risikofaktoren. Übergewicht im mittleren Lebensalter begünstigt ebenso das spätere Auftreten von Demenz. Außerdem ist Fettleibigkeit oft Ursache und Folge von Bewegungsmangel, der wiederum der Hirnleistung nicht zuträglich ist. Eine üppige Körperfülle bedeutet zudem erhöhte Sturzgefahr – für die ohnehin schon eingeschränkt beweglichen Demenzkranken ein weiteres Gefahrenmoment.

Mehr und mehr geraten sogenannte stille Entzündungen – „silent inflammations“ – in den Blickpunkt der Demenzforschung, erklärt Primar Friedrich Leblhuber. Chronisch vorhandene Entzündungsfaktoren sind oft nur im Labor nachweisbar. Akut auftretende Entzündungen etwa der Harn- oder Atemwege können durch plötzliches Ansteigen dieser Faktoren dann zu einer eklatanten Verschlechterung der Demenzsymptome führen.

Depression

Ein Zusammenhang zwischen Alzheimer und Depressionen wird insofern vermutet, als Alzheimer-Patienten, die im Laufe ihres Lebens wiederholt an depressiven Phasen gelitten haben, einen schwereren Verlauf der Demenzerkrankung erleben. Die erhöhte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol in der Depression beeinträchtigt vor allem jene Hirnbereiche, die für die Gedächtnisleistung zuständig sind. Sogar Eiweißfragmente ähnlich wie bei Alzheimer sind nach wiederholten Depressionserkrankungen nachweisbar. Kein Wunder, dass wir in extremen Stresssituationen oft nicht mehr klar denken können, zerstreut und vergesslich sind, ohne wirklich dement zu sein. Aber auch die Depression geht oft mit einer vorübergehend verminderten Denk-, Merk- und Konzentrationsfähigkeit einher, die einer beginnenden Demenzerkrankung ähnelt, ohne dass eine Demenz vorliegt. Wichtig ist also, die Ursache der Gedächtnisstörung so gut wie möglich abzuklären.

Einen einfachen Test, um eine Alzheimer’sche Demenz oder eine andere Demenzform eindeutig nachzuweisen, gibt es nicht. Die genaue Erhebung der Krankheitsgeschichte, eine genaue körperliche Untersuchung, Laborwerte aus dem Blutbild und die Hirnwasseruntersuchung sind für die Diagnose ebenso wichtig wie Computertomografie und Magnetresonanztomografie. Stoffwechselvorgänge und Durchblutung des Gehirns können mit den bildgebenden Verfahren PET und SPECT beurteilt werden. Die neuropsychologische Diagnostik untersucht mit speziellen Leistungstests, ob das Denkvermögen von der gesunden Norm abweicht. Die Testperson erhält zum Beispiel einfache Rechenvorgänge und Anweisungen. Sehr aufschlussreich ist der Uhrentest, bei welchem auf ein Ziffernblatt eine bestimmte Uhrzeit eingezeichnet werden muss. Bei Verdacht auf eine erbliche Alzheimerform kann ein Gentest Auskunft über eine mögliche Gefährdung geben. Nur in der Zusammenschau aller Untersuchungsergebnisse gelingt eine Diagnose, die mit hoher Sicherheit eine jeweilige Demenzform feststellen oder ausschließen kann. Andere neurologische Erkrankungen wie Hirntumore, unauffällig verlaufene Schlaganfälle oder auch Stoffwechselstörungen müssen ebenfalls ausgeschlossen werden.

Ob dem demenzkranken Patienten die Wahrheit zuzumuten ist, ist im Einzelfall zu entscheiden. Die Angehörigen müssen in jedem Fall über die Diagnose „Demenz“ informiert werden. Ziel der Behandlung ist, den Leidensdruck zu mildern, zumindest den Ist-Zustand möglichst lang zu halten und den unaufhaltsamen Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Die medikamentöse Therapie setzt dazu beispielsweise Wirkstoffe ein, die den Abbau des Botenstoffs Acetylcholin hemmen, so dass mehr davon im Gehirn verfügbar ist. Andere Wirksubstanzen verringern das Glutamat-Überangebot oder beheben den Mangel am Botenstoff Serotonin, der im Alter besonders häufig entsteht und zu Depressionen führt. Immuntherapeutische Behandlungsmöglichkeiten (sogenannte Alzheimerimpfung) sind derzeit Gegenstand einer internationalen Studie, an der auch Patienten der gerontologischen Abteilung der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg teilnehmen.

Entscheidend ist, dass eine Betreuungsperson die Medikamenteneinnahme sorgsam überwacht, betont Univ.-Prof. Dr. Leblhuber. Zum Gesamttherapiekonzept gehört ein Ausdauertraining mehrmals pro Woche. In neueren Studien hat sich gezeigt, dass durch diese Bewegungsabläufe Gehirnzentren aktiviert werden, die an der Gedächtnisfunktion beteiligt sind. Geistige Aktivität („Gehirnjogging“) ist auch fixer Bestandteil des Therapieprogramms. Neben einem anspruchsvolleren Kreuzworträtsel darf es etwa auch ein Sudoku sein. Das Lernen einer neuen Fremdsprache könnte für manche Patienten die geeignete Herausforderung sein. Handwerkliche und künstlerische Tätigkeiten im Rahmen der Ergotherapie und andere spezielle Beschäftigungen – sie sollen noch erhaltene Fähigkeiten, Eigenständigkeit und Selbstwertgefühl möglichst lange fördern, jedoch ohne zu überfordern.

Enorme Herausforderung

Wenn bekannte Risikofaktoren früh entschärft werden, können das möglicherweise drohende Auftreten der Demenzerkrankung und auch die Pflegebedürftigkeit um viele Jahre verzögert werden, versichert Professor Leblhuber. Dazu zählt die Regulierung von Bluthochdruck, Übergewicht und hohen Blutfettwerten schon im mittleren Lebensalter. Dinner-Cancelling, der Verzicht auf die Abendmahlzeit, kann so ein wirksames Mittel zur Demenzvorbeugung sein. Rotes Fleisch und Innereien sollen möglichst wenig, Obst, Gemüse, Geflügel und Fisch umso öfter verzehrt werden. Omega-3-Fettsäuren, im Fischöl enthalten, und Folsäure – sie helfen, Gefäßschäden vorzubeugen. Wichtig ist aber eine angemessene Dosierung. Das gilt auch für Vitamin D, das auch für die Funktion des zentralen Nervensystems unverzichtbar, bei Demenzkranken aber nur mangelhaft vorhanden ist. Es beeinflusst Muskelfunktion und Gleichgewichtssinn. Ein hohes Maß an Schulbildung, gezielte Fortbildung und angemessene berufliche Anforderungen sind keine Garantie, aber doch ein wirksamer Schutzfaktor gegen die Alzheimer-Demenz.

Weltweit arbeiten tausende Forscher daran, Demenzerkrankungen, allen voran die Alzheimer-Krankheit, zu entschlüsseln. Unzählige Studien und Experimente geben immer wieder neue Aufschlüsse, die für den klinischen Alltag aber – noch – ohne Bedeutung sind. Biomarker zum Nachweis der krankhaften Eiweißeinlagerungen im Gehirn sind aus Kostengründen noch nicht breitflächig einsetzbar, werden aber in absehbarer Zeit im klinischen Alltag zur Verfügung stehen, um Veränderungen an den Gehirnstrukturen früher darzustellen.

Die Betreuung der wachsenden Zahl von Alzheimerpatienten und anderen Demenzkranken wird eine enorme Herausforderung an die alternde Gesellschaft der Zukunft sein. Neue Wohnformen müssen gefunden, ausreichend geschultes Pflegepersonal ausgebildet werden. Neue Konzepte zur Rund-um-die-Uhr-Betreuung gilt es zu entwickeln. Der Demenzkranke braucht einen strukturierten Tagesablauf mit Ruhe und Aktivität. Lieb gewordene Gewohnheiten und Erinnerungsstücke erlauben ihm, in seiner eigenen, vergangenen Welt zu leben. Je mehr die Worte schwinden, umso wichtiger werden Berührungen und Gefühle – bis in die Endphasen der Erkrankung. Den Patienten mit seinem Leiden bedingungslos anzunehmen mit wohlwollender, respektvoller Zuwendung – die Pflegenden stoßen dabei oft an ihre Grenzen. Sie müssen ihren eigenen Bedürfnissen Freiraum geben, ohne Schuldgefühle. In Selbsthilfegruppen und anderen Einrichtungen erfahren sie, dass sie mit ihrer Situation und Problematik nicht alleine sind.

Klaus Stecher

Juni 2012

Foto: Bilderbox, privat

Kommentar:

Kommentarbild: Alzheimer, Dr. Leblhuber„Die Angst vor der Diagnose soll Betroffene keinesfalls von einer fachärztlichen Untersuchung abhalten. Wenn sich kein Krankheitsbefund ergibt, bringt sie Beruhigung. Andernfalls wird keine weitere Zeit versäumt, um auf den Verlauf der Demenz positiv Einfluss zu nehmen.“
Univ.-Prof. Dr. Friedrich Leblhuber
Leiter der Abteilung für Neurologisch-Psychiatrische Gerontologie, Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020