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Tourette-Syndrom: Außer Kontrolle

Außer Kontrolle - Tourette SyndromUrsachen des Tourette-Syndroms liegen im Dunkeln. Wenn Menschen durch Tics unangenehm auffallen, kann auch das Tourette-Syndrom die Ursache dafür sein. Eine rasche Abklärung hilft den Betroffenen und deren Umfeld.

Sie zucken, äffen ihr Gegenüber scheinbar nach, indem sie eben gehörte Wortfetzen wiederholen, stoßen obszöne Worte aus – und ernten damit bei ihrem Umfeld völliges Unverständnis und Ablehnung. Menschen mit dem Tourette-Syndrom leiden unter einer seltenen neuropsychiatrischen Erkrankung, die sich durch unwillkürliche Muskelzuckungen und Laute äußert, die der Patient oft nur sehr schwer kontrollieren kann.

Die Ausprägung dieser Tics kann sehr unterschiedlich sein. Leichte Formen sind das Zusammenkneifen der Augen, Blinzeln, unwillkürliches Nasenrümpfen oder Grimassen schneiden. Aber auch Muskelzuckungen bei Armen und Beinen sowie Springen oder das Berühren anderer Menschen können dazu gehören. Vokale Tics sind unwillkürliche Laute, wie Pfeifen, Räuspern, Grunzen oder Quieken, aber auch das Herausschleudern von Sätzen und Wortgruppen, die nicht zum Gesprächsthema passen, sowie obszöne Wörter oder das Wiederholen eben gehörter Wörter. „Die Palette ist hier sehr breit“, sagt Univ.-Prof. Dr. Josef Marksteiner, Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am LKH Klagenfurt.

Ausbruch im Kindesalter

Über die Häufigkeit der Erkrankung gibt es verschiedene Einschätzungen. „Auf 10.000 bis 50.000 Personen kommt ein Erkrankter“, erklärt Primarius Marksteiner. Das Tourette-Syndrom bricht meist im Kindesalter zwischen dem siebenten oder achten, sicher aber vor dem 18. Lebensjahr aus. Die Tics treten nicht in Regelmäßigkeit auf, manchmal können Wochen und Monate ohne Auffälligkeiten vergehen. In Stress-Situationen, bei Ärger, aber auch bei Freude und speziell in der Pubertät können sich die Symptome verstärken. In Phasen der Entspannung oder bei der Konzentration auf eine interessante Aufgabe hingegen bessern sie sich.

Ursachen nicht geklärt

Die Ursachen für die Entstehung der Krankheit sind nicht geklärt. „Eine genetisch-biologische Komponente spielt hier sicher mit. Man kann sagen, dass 50 bis 60 Prozent der Tourette-Syndrome genetisch bedingt sind“, sagt Primarius Marksteiner. Die Gene, die dafür verantwortlich seien, habe man jedoch noch nicht hundertprozentig identifiziert. Jedenfalls sei nicht nur ein einziges Gen daran beteiligt. Auch warum die Krankheit bei Männern dreimal häufiger auftritt als bei Frauen, können die Wissenschafter nicht beantworten. Eine vollständige Heilung des Tourette-Syndroms gibt es derzeit nicht. Für Univ.-Prof. Dr. Josef Marksteiner ist die beste Therapie Verständnis gepaart mit dem Wissen über die Erkrankung. Bei Verdacht auf Tourette-Syndrom sollte man mit seinem Kind den Kinderarzt oder Neurologen aufsuchen. Josef Marksteiner: „Weiß das Umfeld Bescheid, kann man auf die Betroffenen gezielt eingehen. Andernfalls gibt es große Probleme in der Gruppe.“ Und auch große Probleme für das betroffene Kind oder den Jugendlichen. Durch die Verhaltensauffälligkeiten werde der Intelligenzgrad oft völlig falsch eingeschätzt und die Betroffenen würden dadurch zu wenig gefördert. „Denn Menschen mit dem Tourette-Syndrom haben keineswegs einen niedrigeren Intelligenzgrad als der Durchschnitt“, weiß Marksteiner. Die Symptome überdeckten jedoch häufig die Fähigkeiten.

Entspannungsübungen

Für schwerere Fälle – wenn die Betroffenen sich bei Anfällen selbst verletzen, indem sie mit dem Kopf gegen die Wand schlagen – gibt es die Möglichkeit einer Psychotherapie in Form einer sogenannten Psychoedukation. Auch verschiedene Entspannungsübungen hätten sich in vielen Fällen als hilfreich erwiesen, erklärt Professor Marksteiner.

Bei den Medikamenten stehen Neuroleptika zur Verfügung, die auf die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin im Gehirn wirken. Auch mit Wirkstoffen auf Cannabis-Basis seien bereits recht gute Erfolge erzielt worden, sagt Josef Marksteiner. In vielen Fällen ist eine Behandlung nicht notwendig, wenn das Umfeld und die Betroffenen gelernt haben, damit umzugehen. Viele Patienten können ihre Tics in einem gewissen Rahmen kontrollieren, um sie zu Hause, wenn die innere Kontrolle schwächer wird, gezielt „herauszulassen“.

Bei 70 Prozent der Patienten lassen die Symptome zwischen dem 16. und dem 26. Lebensjahr nach. Bei einigen verschwinden sie im Laufe der Jahre völlig. Die Zahl derer, die ein Leben lang mit ihren Tics zurechtkommen müssen, ist eher gering. Auf die Lebenserwartung hat die Krankheit keinen Einfluss.

Ein Problem beim Tourette-Syndrom hingegen sind verschiedene andere Beschwerden, die oft gemeinsam mit dieser Krankheit auftreten. „Das können Hyperaktivität, Konzentrationsschwächen, Lernschwierigkeiten, Depressionen oder Schlafstörungen sein. Und diese Störungen gehören auf jeden Fall behandelt“, sagt Professor Marksteiner.

Monika Unegg

April 2010

Foto: shutterstock, privat

Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Josef Marksteiner zum Printartikel „Bei Patienten mit Tourette-Syndrom ist es wichtig, das Umfeld in die Therapie mit einzubeziehen. Verständnis und das Wissen um die Erkrankung sind eine wertvolle Hilfe für die Betroffenen.“
Univ.-Prof. Dr. Josef Marksteiner
Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am LKH Klagenfurt

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020