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Hämorrhoiden: Trugschluss

Trugschluss – HämorrhoidenNicht alle Probleme „da hinten“ kommen von Hämorrhoiden. Jeder zweite Mensch bekommt es irgendwann einmal mit Hämorrhoiden-Problemen zu tun. Die erweiterten Blutgefäße sind zwar unangenehm, aber eigentlich nicht gefährlich. Gefährlich ist allerdings der Trugschluss, dass jedes Problem im Endbereich des Verdauungstraktes gleichbedeutend mit Hämorrhoiden ist. Denn hinter „vermeintlichen” Hämorrhoiden können sich ernstere Krankheiten des Anus oder des Enddarms verstecken.

Hämorrhoiden hat jeder Mensch. Das sind Blutgefäß-Pölsterchen, die das letzte Stück des Enddarms, den sogenannten Analkanal, umfangen und eine wichtige Rolle bei der Abdichtung des Darmausganges spielen. Ohne die Hämorrhoiden könnten wir nicht verhindern, dass ungewollt Gase oder Flüssigkeiten den Darm verlassen. Beim Stuhlgang erschlaffen nicht nur die Schließmuskel, sondern es fließt auch Blut aus den Hämorrhoiden ab, um den Vorgang zu erleichtern und selbst nicht verletzt zu werden. Nach verrichtetem „Geschäft“ füllen sich die Pölsterchen wieder mit Blut und sorgen wieder für den Feinverschluss.

Die Hämorrhoidal-Leiden, im Volksmund kurz Hämorrhoiden genannt, beginnen, wenn diese Blutpölsterchen vergrößert sind. Die Folge sind Juckreiz und Brennen im Analbereich, Nässen sowie Blutungen beim Stuhlgang. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es zu einem sogenannten Vorfall, das heißt, die Hämorrhoiden stülpen sich nach außen. Schmerzen gehören eigentlich nicht zu den typischen Symptomen. Die Mediziner unterscheiden je nach Ausmaß und Lage der vergrößerten Hämorrhoiden vier Stadien, die aber nicht immer etwas mit den Leiden zu tun haben, die der Patient verspürt. Der Leidensdruck ist es schließlich auch, der die Patienten in ärztliche Behandlung treibt. Viele erst, nachdem sie sich selbst mit den verschiedensten Mittelchen zu heilen versucht haben. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Wayand, der Leiter der zweiten Chirurgischen Abteilung am Linzer AKh: „Sei es aus falscher Scham oder aus Angst vor einem schmerzhaften Eingriff - gibt es immer wieder Patienten, die sehr spät zu uns kommen. Das kann auch fatale Auswirkungen haben.“ Jahrelang hingeschleppte Hämorrhoidenprobleme können nicht nur dazu führen, dass dagegen letztlich nur noch ein operativer Eingriff hilft.

Trugschluss – Hämorrhoiden

„Ein schwerer Kunstfehler“

Viel gefährlicher ist es, wenn sich hinter vermeintlichen „Hämorrhoiden“ etwas Bösartigeres versteckt. Professor Wayand: „Für viele Menschen kommt alles was da hinten nicht passt, gleich einmal von den Hämorrhoiden. Das muss aber unbedingt von einem Fachmann abgeklärt werden. Denn es kann sich hinter den Problemen auch ein Mastdarmkrebs oder ein Analkarzinom verbergen. Wenn ein Arzt in so einem Fall die Abklärung des untersten Verdauungstraktes nicht vornimmt, ist das ein schwerer Kunstfehler.“ Schon manch ein bösartiges Darmgeschwür sei in Selbstmedikation mit Hämorrhoiden-Salbe behandelt worden. Rühren die Beschwerden aber tatsächlich von vergrößerten Gefäßpölsterchen her, dann kennt die moderne Medizin eine ganze Reihe von Abhilfen. Die in der Selbstbehandlung so beliebten Salben und Zäpfchen lindern zwar die Symptome, ändern aber an den Ursachen nichts. Wirkungsvoller ist da schon das Veröden. Dabei wird eine Flüssigkeit in die Gefäßkissen gespritzt, die zu einer Schrumpfung der Hämorrhoiden führt. Das ambulant angewandte Verfahren muss meist mehrmals wiederholt werden, schafft aber besonders in einem frühen Stadium ganz wirkungsvoll Abhilfe. Bereits seit den 50er Jahren gibt es die sogenannte Gummibandligatur, bei der die Gefäße abgeschnürt und so zum Rückzug gezwungen werden. Auch wenn nur noch ein operativer Eingriff hilft, stehen mehrere Verfahren zur Auswahl. Der „Klassiker“ ist die Entfernung der vergrößerten Polster nach Milligan-Morgan. 1993 entwickelte der italienische Chirurg Dr. Longo die gleichnamige Operation, die mittels eines Klammernahtgeräts im schmerzunempfindlichen Teil des Enddarms ansetzt. Mitte der 90er Jahre hat der Japaner Morinaga die bislang modernste Operationsmethode entwickelt. Mittels Ultraschall wird ein sogenanntes Proktoskop punktgenau an die vergrößerte Hämorrhoide herangeführt, die dann eingefangen und umnäht werden kann. Das Ganze spielt sich ebenfalls im schmerzunempfindlichen Teil des Enddarms ab und ist ohne Narkose möglich. Primarius Wayand: „Welche Methode letztlich zum Einsatz kommt, wird individuell und gemeinsam mit dem Patienten entschieden.“

Relativ klar ist, wie man Hämorrhoiden-Problemen vorbeugen kann. An vorderster Stelle ist ballaststoffreiche Nahrung zu nennen. Wer einen „sitzenden“ Beruf hat, tut mit Ausgleichsbewegung auch seinen Hämorrhoiden etwas Gutes. Oft bewirkt der Wechsel auf ein weicheres Toilettenpapier schon eine Verbesserung. Wolfgang Wayand: „Am besten wäre es ja, sich nach jedem Stuhlgang zu waschen und gründlich abzutrocknen. Gut sind auch Öltücher. Ich habe schon Patienten in die Babyabteilung geschickt.“

Heinz Macher
Juli 2010


Foto: Bilderbox, deSign of life, privat

Kommentar

Hämorrhoiden: Trugschluss„Zur Abhilfe gegen Hömorrhoiden-Leiden gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, die individuell abgestimmt zum Einsatz kommen können. Das größere Problem ist aber, dass viele Menschen ihre Beschwerden zu spät abklären lassen. Denn hinter einem vermuteten Hämorrhoiden-Leiden kann sich auch Schlimmeres verstecken.“
Univ.-Prof. Prim. Dr. Wolfgang Wayand
Leiter der II. Chirurgischen Abteilung am Allgemeinen Krankenhaus, Linz

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020