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Syphilis: "Pöse Plattern"

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Syphilis ist der große Imitator unter den Krankheiten. Neben Kartoffel und Tomate war die Syphilis ein "Geschenk" der Neuen Welt. Die Entdeckung des Penicillins machte die Krankheit zwar relativ gut behandelbar, jedoch der endgültige Sieg blieb aus: In den letzten Jahren gab es sogar einen deutlichen Anstieg der Neuinfektionen.


Von "pösen Plattern" sprach Kaiser Maximilian I. drei Jahre nachdem Columbus die Überfuhr nach Amerika entdeckt und die Seefahrer Treponema pallidum als blinden Passagier mit zurück nach Europa gebracht hatten. In Neapel soll es bereits 1495 zu einer wahren Epidemie mit zahlreichen Todesopfern gekommen sein. Der Verursacher, ein spiralförmiger Keim aus der Gruppe der Spirochäten, wurde genau vor 100 Jahren in Berlin vom Arzt Erich Hoffmann und vom Zoologen Fritz Schaudinn entdeckt. Erst ein Vierteljahrhundert später konnte mit der Entdeckung von Penicillin "Lues", wie die Krankheit medizinisch genannt wird, tatsächlich geheilt werden.

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Zuerst Quecksilber, dann Penicilin

Bis dahin waren die verschiedensten Versuche unternommen worden, der Seuche beizukommen. Univ.- Prof. Dr. Alexandra Geusau von der Abteilung für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten der Wiener Universitätsklinik: "Viele Syphilis-Opfer waren tatsächlich Opfer der Behandlung, beispielsweise der mit Quecksilber." Der Einsatz von Penicillin hat recht rasch dazu geführt, dass die Syphilis zumindest in den entwickelten Ländern fast ausgerottet werden konnte. Leider eben nur fast. Alexandra Geusau: "Da der Mensch der einzige Wirt für das Bakterium ist und ein wirksames Medikament zur Verfügung steht, wären ideale Bedingungen für einen Sieg gegen die Krankheit gegeben." Doch derzeit muss eher das Gegenteil registriert werden. Weltweit steigen die Infektionszahlen, bei den Risikogruppen teilweise dramatisch. Besonders betroffen sind etwa homosexuelle Männer.

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128 Prozent mehr Neuinfektionen

Auch Österreich blieb von der Entwicklung nicht verschont. Die Zahl der Fälle stieg zwischen 1999 und 2002 um 128 Prozent auf 410 und hat sich nun auf knapp unter 400 Fällen pro Jahr stabilisiert. Wahrscheinlicher Hauptgrund: eine laschere Einstellung zum Thema Safer Sex und Risiko- Kontakte. Univ.-Prof. Alexandra Geusau: "Das Problem ist eigentlich nicht so sehr die Infektion selbst, die sich ja gut behandeln lässt. Das Problem ist das Risikoverhalten, das die Infektion ermöglicht hat." Denn genauso komme es auch zu einer HIV-Infektion.


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Symptome

Wie äußert sich Syphilis? Im ersten Stadium kommt es zu einem relativ schmerzlosen Geschwür am Infektionsort, das nicht selten unentdeckt bleibt und auch ohne Behandlung wieder verschwindet. Nach einem beschwerdefreien Intervall von bis zu einem halben Jahr können sich vielfältige Symptome zeigen: Häufig sind Hautausschläge, Veränderungen an Mund- und Genitalschleimhaut sowie Haarausfall. Dazu kommen Schwellungen der Lymphknoten, grippeartige Beschwerden mit leichtem Fieber, Appetitverlust und Kopfschmerzen. Prof. Geusau: "Nicht umsonst gilt die Syphilis als der große Imitator unter den Krankheiten." Deshalb sollte man jeden unklaren Ausschlag an Haut und Schleimhäuten auch in diese Richtung abklären – besonders nach Risiko-Kontakten. Unbehandelt kann die Syphilis nach Jahren ohne Beschwerden (asymptomatisches Latenzstadium) zum gefürchteten Spätstadium übergehen. Betroffen können dann mit den unterschiedlichsten Symptomen nicht nur die Haut, sondern auch das Nerven- sowie das Herz-Kreislauf-System sein. Auch in dieser Phase ist die Krankheit heute mit Penicillin glücklicherweise noch immer behandelbar. Früher endete die Syphilis nicht selten in Lähmung, geistiger Umnachtung und Tod. Prominente Opfer: Friedrich Nietzsche, Franz Schubert, Heinrich Heine und Paul Gauguin.

Heinz Macher

April 2006


Bild: mauritius; privat

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Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Alexandra Geusau zum Printartikel "Das Problem ist eigentlich nicht so sehr die Infektion selbst, die sich ja gut behandeln lässt. Das Problem ist das Risikoverhalten, das die Infektion ermöglicht hat. Denn durch das gleiche Risikoverhalten wird eine HIV-Infektion erworben. Nach dem Ansteigen der Syphilis-Fälle ist deshalb auch wieder mit mehr HIV-Neuinfektionen zu rechnen."
Univ.-Prof. Dr. Alexandra Geusau

Abteilung für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten der Universitätsklinik Wien

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020