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Depressive Kinder: Symptome und Therapie

Depressive Kinder: Symptome und TherapieAuch bei Schulkindern treten Depressionen auf. Sie sind nicht immer leicht zu erkennen. Ein empathischer Umgang mit den Kindern kann sie vor Depressionen bewahren und helfen, Depressionen zu überwinden. In mittleren und schweren Fällen ist eine Therapie nötig.

Zwei Prozent der Schulkinder (sieben bis14 Jahre) und vier bis acht Prozent der Pubertierenden gelten als depressiv im Sinn einer echten Depression. „Die Wissenschaft geht bei dieser Krankheit von einem Defizit verschiedener Neurotransmitter aus. Ferner gibt es Hinweise auf Störungen des Zellaufbaus, der Zellfunktion und des Stoffwechsels, sowie auf Verringerung des Volumens bestimmter Hirnregionen bei depressiven Kindern“, erklärt OA Dr. Karl Arthofer, Leiter der Akutstation an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg.

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Früherkennung

Depressionen sind typischerweise eine „leise Störung“ und werden anfangs oft als solche nicht erkannt. Es erfolgt zunächst ein innerer Rückzug mit dem Bemühen, sich nichts anmerken zu lassen. Eine Depression bei einem Kind zu erkennen, ist meist nicht einfach. Häufig wird sie von einer anderen Störung (z.B. Angststörung) überlagert oder es treten gleichzeitig weitere Störungen (ADHS, Sozialverhaltensstörungen) auf.

Depressionen verlaufen in einem spiralförmigen Entwicklungsprozess. Eine Spirale sieht etwa so aus: Das Kind ist traurig und niedergeschlagen. Es zieht sich zurück und kann keine positiven Erfahrungen mehr machen. Die Stimmung sinkt weiter ab, es zieht sich noch weiter zurück und so fort. Mit der Zeit verfestigt sich ein negatives Selbstbild, der Selbstwert nimmt stetig ab.

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Symptome kindlicher Depressionen

Je früher man depressive Anzeichen erkennt, desto besser können Eltern darauf reagieren und desto erfolgreicher kann man therapeutisch gegensteuern.

  • Stimmungseinbruch, Traurigkeit und mangelnder Antrieb (im Denken und Handeln) sind die Hauptsymptome von depressiven Schulkindern.
  • Zusätzlich zeigen sich oft Symptome wie Freudlosigkeit, Stimmungslabilität, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, mangelnder Selbstwert und Schlafstörungen. Die Kinder können sich nicht an dem erfreuen, woran sich Gleichaltrige erfreuen, verlieren die Lust am Spielen, sind in sich gekehrt, gehemmt oder auch aggressiv, oft essen sie wenig. Die schulischen Leistungen sinken, die Kontakte zu Mitschülern werden auf ein Minimum reduziert.

Besteht der Zustand schon länger oder handelt es sich um eine schwere Depression, treten Belastungszeichen auch nach außen. Das geschieht in spezieller Weise bei älteren Kindern in der Pubertät, wenn aggressives und lautes Verhalten durchbricht. Bei schweren Depressionen denken Betroffene über Suizid nach, manchmal sprechen sie auch davon; am Ende einer derartigen Entwicklung kann es zu Suizid/Suizidversuchen kommen.

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Vorbeugender Umgang

Eltern können einiges dazu beitragen, damit ihre Kinder nicht in Depressionen abgleiten:

  • Achtsamkeit dem Kind gegenüber: Eltern sollten in ihrem Alltag feinfühlig gegenüber ihren Kindern sein, Positives und Negatives registrieren. „Wahrzunehmen, ob etwas nicht stimmt, ist ein wichtiger Punkt in Sachen Prävention“, so Arthofer.
  • Ein positives Klima in der Familie baut Depressionen vor. Es gilt Störungen im Familienverband wahrzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Eltern sind Vorbilder. Können sie eigene Gefühle mitteilen und Probleme ansprechen und lösen, wird dem Kind vermittelt, dass es auch für seine Probleme eine Lösung gibt.
  • Eine mögliche Überforderung des Kindes erkennen. „Man kann sich die Frage stellen: Muss mein Kind nach Schema F funktionieren? Besser ist es, ihm Raum zu geben, sich nach eigenen Tempo und Maßstäben zu entwickeln“, sagt der Psychiater.
  • Anerkennung und Lob zollen. Das Bemühen belohnen, nicht bloß den Erfolg.
  • Gemeinsame Unternehmungen machen: Hobbys, Sport etc.
  • Das Kind nicht auf eine Partnerebene heben, sondern es Kind sein lassen. Kinder sind Kinder, Eltern die übergeordnete, helfende, starke Instanz.

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Umgang mit einem depressiven Kind

Bemerkt man, dass das Kind traurig ist, sollte man nicht leichthin ein gut gemeintes „Es besteht doch kein Grund zur Traurigkeit“ sagen, sondern das Kind ernst nehmen. Es besteht die Notwendigkeit, sensibel zu sein, dem Kind zu helfen, seine Gefühle zu erkennen und diese sprachlich auszudrücken. Dazu braucht es oft Anleitung, denn (vor allem kleinere) Kinder sind sich ihrer Gefühle oft nicht bewusst und müssen erst lernen, diese zu beschreiben.
Wichtig ist es, den Kontakt zum Kind zu halten, auch wenn es sich nicht so verhält, wie man sich das wünscht. Geduld und Wertschätzung sind gerade in schlechten Phasen nötig. Keinesfalls sollte man wegsehen und darauf bauen, dass sich die Sache von selbst bereinigt. Befindet sich das Kind in einer subjektiven Sackgasse („Keiner mag mich“, „Alles hat keinen Sinn mehr“), ist es eine Gratwanderung, ob man es in seinen Gefühlen bestärkt oder abwiegelt. „Man sollte dem Kind nicht einreden, dass alles halb so schlimm sei, aber man sollte auch nicht dramatisieren. Was man tun kann, ist zuhören, wahrnehmen, dem Kind das Gefühl geben: Ich bin für dich da“, so der Kinder- und Jugendpsychiater.

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Ursachen kindlicher Depressionen

Erbliche Anlagen: Die Anlage zu psychischen Erkrankungen wird zu einem gewissen Grad in den Genen weitergegeben. Sind die Eltern depressiv, haben auch die Kinder ein erhöhtes Depressionsrisiko. „Die Gene spielen zwar eine Rolle, sind aber keinesfalls allein verantwortlich, wenn ein Kind depressiv wird“, erklärt der Psychiater. Mindestens ebenso wichtig ist die Lebensweise und -orientierung der Eltern, denn diese werden an die Kinder weitergegeben. Sehen die Eltern das Leben nur negativ, übernehmen die Kinder diese Sichtweise.

Situation in der Familie: Ist die Atmosphäre in der Familie dauerhaft belastet, färbt das auf die Kinder ab. So belasten etwa eine (im Raum stehende) Trennung der Eltern, dauerhafte Streitigkeiten, Krankheit und Todesfall und andere traumatische Erlebnisse. Ist das familiäre Klima geprägt von einem Alltag voll von negativen Emotionen wie Aggression, Angst und Zorn, oder gar von Gewalt (jede Form von Misshandlung), ist dies ein Nährboden für psychische Erkrankungen der Kinder. Zu einer negativen Atmosphäre zählen auch die geringe Beachtung der Kinder, Lieblosigkeit, sich nicht um sie zu kümmern bis hin zur Verwahrlosung.

Situation in der Schule: Ist ein Kind in der Schule dauerhaft unglücklich, etwa weil es ständig überfordert ist und daher schlechte Leistungen erbringt, oder wird es von Mitschülern gemobbt oder von einem Lehrer benachteiligt, ist dies häufig ein Auslöser für eine Depression. „Fordern und fördern ist wichtig. Überforderung dagegen kann Depressionen auslösen. Mobbing in der Schule ist oft so gravierend, dass daraus Traumastörungen resultieren können“, sagt Arthofer.

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Behandlungsformen

Bei Depressionen stehen vor allem Gesprächstherapien bei Kinder- und Jugendtherapeuten bzw. Psychiatern zur Verfügung. Medikamentöse Behandlung (Antidepressiva) kommen vorwiegend bei schweren Depressionen zum Einsatz. In Österreich gibt es für Kinder ein einziges zugelassenes Antidepressivum. „Antidepressiva machen zwar nicht abhängig, ihr Einsatz macht aber nur in Kombination mit Gesprächstherapie Sinn, denn erst die verschiedenen Arten der Psychotherapie verhelfen dem Kind, sich selbst zu verstehen und besser mit seiner Situation umzugehen“, so Arthofer.

Dr. Thomas Hartl
Oktober 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020