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Keine süßen Träume für Zuckerkranke

Keine süßen Träume für ZuckerkrankeAllein in den vergangenen 20 Jahren ist die durchschnittliche Schlafenszeit der Menschen in modernen Gesellschaften um zirka eine Stunde gesunken. Schlaf ist aber eine wichtige Ressource. Auf Dauer macht ein Defizit krank und leistet Übergewicht und Diabetes Vorschub.

Sanft wie in Morpheus`Armen dahinzuschlummern, welch gestresster Mensch träumt nicht davon. Die Realität sieht anders aus. Eine repräsentative Umfrage der Österreichischen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung (ÖGSM-ASRA) mit 1.000 Personen ab 14 Jahren ergab: 18 Prozent der Österreicher haben Schlafstörungen, 72 Prozent davon leiden darunter schon länger als ein halbes Jahr. Von Durchschlafstörungen berichteten 26 Prozent.

„Abgesehen von den vielfältigen Ursachen für Schlafstörungen, kann dieser Zustand auf psychische Erkrankungen wie Psychosen oder depressive Störungen hinweisen“, sagt der Neurologe OA Dr. Christoph Röper, Leiter des Schlafslabors am AKh Linz. „Eine Schlafsdauer unter sechs Stunden oder häufige Schlafunterbrechungen etwa durch nächtliche Atmungsstörungen, den so genannten Schlafapnoe begünstigen auch Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2.“

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Körpervorgänge regulieren

Der Schlaf ist deshalb so wichtig, weil wichtige Körpervorgänge wie etwa der Blutdruck, die Verdauung oder die Muskelspannung sich nachts verändern. Sie werden zeitweise heruntergefahren, wie etwa der Blutdruck im Tiefschlaf, andere gerade dann angekurbelt, wie bestimmte Stoffwechselvorgänge. Wird der Schlaf nun mehrfach unterbrochen, muss der Nichtschläfer sogar aufstehen, steigt zum Beispiel auch der Blutdruck wieder an. Länger anhaltende Schlafprobleme können Bluthochdruck begünstigen.

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Lernen wie im Schlaf

Im Tiefschlaf sind einige Körperzellen besonders aktiv, der Verlust an Eiweißstoffen ist gebremst. Solche Proteine benötigt der Organismus für das Zellwachstum und um Schäden zu reparieren, die durch Stress und schädliche Einwirkungen am Tage an den Zellen entstanden sind. Unser Hirn kann sich des Nachts allerdings nicht auf die faule Haut legen. Es leistet unter anderem wichtige Aufräum- und Reparaturarbeiten. Nervenzellen, die untertags stark beansprucht wurden und vielen Einflüssen unterliegen, können im Schlaf herunterfahren und regenerieren. Neu Erlerntes wird gefestigt und im Gedächtnis verankert. Wer gut schläft, lernt leichter und nachhaltiger.

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Nach Luft schnappen

Seit Langem sind Wechselwirkungen zwischen Diabetes mellitus Typ 2 sowie Schlafstörungen bekannt. Schlafstörungen können im Wesentlichen in zwei Gruppen unterteilt werden. Zum einen die so genannte Insomnie, die mit Ein- und Durchschlafstörungen vergesellschaftet ist. Auf der anderen Seite das obstruktive Schlafapnoesyndrom (OSAS). Dabei setzt bei Schnarchern die Atmung des Nachts wiederholt aus, bis sie mit einem lauten Japser nach Luft schnappen. Es gibt Vermutungen, dass aufgrund des Diabetes mellitus eine autonome Neuropathie entsteht, die Gaumen- und Rachenmuskulatur erschlafft zusehends, was zur Schlafapnoe führt.

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Unfallrisiko

In der Regel führen beide Störungen zu erheblicher Schlafunterbrechung mit teils gravierenden Auswirkungen auf die Gesamtbefindlichkeit der Patienten, wie Leistungsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, Unfallgefahr und Herzerkrankungen. Der Minutenschlaf hinterm Steuer kann seine eigentliche Ursache in einer unentdeckten Schlafapnoe haben.

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Polyneuropathien

Daneben wird die Schlafqualität von Diabetikern durch schmerzhafte Polyneuropathien gestört. Das Burning-Feet-Syndrom (brennende Füße) zählt ebenso dazu wie das Restless-legs-Syndrom (unruhige Beine). „Ich habe manchmal das Gefühl, als würde mir jemand mit glühenden Messern in die Fußsohlen stechen“, umschreiben Zuckerkranke die Nervenschmerzen. 

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Stoffwechselstörung verstärkend

Bei Diabetekern ist vor allem zu beobachten, dass die Schlafunterbrechung wiederum zu einer erhöhten Insulinresistenz, Verminderung des Leptins (Proteohormon, reguliert unter anderem den Stoffwechsel und hemmt Hungergefühle) und zu einem krankhaften Glukosestoffwechsel führen kann.

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Maske hilft der Atmung

Hilfreich beim OSAS ist die CPAP-Beatmung (Continuous Positive Airway Pressure), eine intensivmedizinische Beatmungsform mittels Maske. Sie schreibt dem Patienten nicht vor, wie er atmen soll, sondern erkennt die (zu schwache) Eigenatmung und verstärkt diese, um ein ausreichendes Atemvolumen zu gewährleisten. Mehrere Studien haben gezeigt, dass sich dadurch die diabetische Stoffwechsellage gerade bei Patienten mit ausgeprägter Insulinresistenz teilweise sehr rasch und anhaltend effektiv verbessern lässt. Ebenso konnte nachgewiesen werden, dass die Anzahl der hypoglykämen Blutzuckerwerte bei Patienten (der Körper reagiert auf den Unterzucker mit einem Alarmsystem: der Patient wacht auf) um bis zu 30 bis 40 Prozent nach der CPAP-Therapie abnehmen.

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Stückelwerk

Dr. Röper: „Ausreichender und qualitativ hochwertiger Schlaf ist ganz entscheidend für unsere seelische und körperliche Gesundheit und insbesondere für schon kranke Menschen. Wir können den Schlaf nicht beliebig zerstückeln, verkürzen und über den Tag verteilen. Zuckerkranke sollten sich deshalb unbedingt mit ihrem diabetologisch tätigen Arzt über die Qualität ihres Schlafes bereden.“

Elisabeth Dietz-Buchner
Jänner 2011


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020