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Tödliche Keime im Krankenhaus

Tödliche KeimeManche Patienten bezahlen Infektionen im Spital mit ihrem Leben. Ins Krankenhaus geht man, um gesund zu werden. Doch das Spital ist nicht nur ein Ort des Heilens, sondern auch eine Brutstätte für Bakterien. Für Patienten mit geschwächtem Immunsystem kann das lebensgefährlich sein.

 

Desinfektionsflaschen in Reih und Glied, in Plastik verpackte Spritzen und Verbände, Mundschutz bei Ärzten – wer im Krankenhaus liegt, wähnt sich rein optisch in einer klinisch sauberen Welt. Doch der schöne Schein trügt: Auch Krankenhäuser, wo großer Wert auf Hygiene gelegt wird, sind nicht porentiefrein. „Völlige Keimfreiheit gibt es nicht, diese ist auch gar nicht erwünscht, weil Keime im richtigen Maß für den Menschen nützlich sind“, sagt Univ.-Prof. Dr. Walter Koller, Leiter der Klinischen Abteilung für Krankenhaushygiene im Allgemeinen Krankenhaus Wien.

 

Und dennoch: Wegen sogenannter multiresistenter Krankenhauskeime (MRSA) sterben nach Schätzungen von Medizinern in Österreich jährlich rund 2.500 Patienten. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr waren es im Jahr 2007 „nur“ 691. Staphylococcus aureus nennt sich einer der gefährlichsten Wundkeime.

 

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Zunehmende Resistenz

Bei gesunden Menschen ist er eigentlich harmlos. Doch wehe, er entdeckt kranke Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist. „Betroffen sind vor allem sehr junge oder alte Patienten. Für sie stellt jede zusätzliche Eintrittspforte am Körper eine Gefahr dar“, sagt Koller. Das bedeutet: Wer etwa einen Katheter braucht, ein Harnableitungssystem, einen Herzschrittmacher, künstliche Beatmung oder eine Dialyse, der verschafft dem Infektionserreger einen Zugang zu Körperbereichen, die sonst keimfrei sind. „Besonders häufig kommen Krankenhausinfektionen auf der Intensivstation vor. Obwohl dort nur fünf bis zehn Prozent der Patienten behandelt werden, treten dort 25 Prozent aller Krankenhausinfektionen auf“, erklärt Primar Univ.-Prof. Dr. Helmut Mittermayer, leitender Krankenhaushygieniker am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz. Das Problem bei der Behandlung: Viele Staphylococcus-Stämme sind mittlerweile gegen Antibiotika resistent. Doch für Panik gebe es keinen Anlass. Mittermayer: „Man darf nicht vergessen, dass durch medizinische Eingriffe heute Menschen gerettet werden können, die vor zwanzig Jahren überhaupt noch keine Überlebenschance gehabt hätten.“ Wie sein Kollege Koller wünscht auch er sich mehr Bewusstsein und mehr finanzielle Ressourcen für Krankenhaushygiene – wenngleich Österreich im internationalen Vergleich im guten Mittelfeld liege. Von den Hygienikern erwarte man eben „dass nichts passiert“, meint Mittermayer. Das sei natürlich nicht so spektakulär wie eine gelungene Operation. Koller verweist auch noch auf einen anderen Aspekt: Richtige Hygiene im Krankenhaus helfe, Geld zu sparen: „Wenn es im Krankenhaus zu Infektionen kommt, dann verlängert sich der Aufenthalt für die Patienten und es erhöhen sich die Kosten für die Therapie.“  


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'Ich war entsetzt ...'

Sichtbare und unsichtbare Zeichen der Hygiene im Krankenhaus und beim Arzt sind heute eine Selbstverständlichkeit. Das war jedoch nicht immer so. Noch vor 160 Jahren herrschten in den Spitälern unvorstellbare Zustände. „Ich war entsetzt, als ich vom Prozentsatz der Patientinnen hörte, die in dieser Klink sterben. In diesem Monat starben dort sage und schreibe 36 von 208 Müttern, alle an Kindbettfieber. Ein Kind zur Welt zu bringen, ist genauso gefährlich wie eine Lungenentzündung ersten Grades“, notierte der Arzt Ignaz Semmelweis im Juli 1846 in sein Tagebuch. Ihm fiel jedoch auf, dass die jungen Mütter dort umkamen, wo Studenten auch klinische Sektionen an Leichen jener Patientinnen durchführten, die zuvor an Kindbettfieber verstorben waren. Die Untersuchungen der gerade entbundenen Mütter erfolgten mit ungewaschenen Händen. So wurden die Infektionen übertragen. Semmelweis wies die Studenten an, sich vor Untersuchungen mit Chlorkalk zu desinfizieren. So gelang es dem „Retter der Mütter“, die Sterblichkeitsrate bis 1848 von 12,3 auf 1,3 Prozent zu senken. Einen weiteren bahnbrechenden Schritt auf dem Gebiet der Krankenhaushygiene machte etwas später Joseph Lister in England. 1867 versorgte er Wunden als Erster mit Verbänden, die zuvor in Karbolsäure getränkt wurden. Außerdem besprühte er den Operationstisch zunächst mit desinfizierendem Karbol, was ebenfalls zu einer deutlichen Verminderung der Todesfälle im Krankenhaus führte. Der dritte Meilenstein in der Geschichte der Medizinhygiene ist Alexander Fleming zu verdanken, der 1928 das Penicillin entdeckte, das Wachstum und Vermehrung von Bakterien stoppt. Der erste Patient wurde damit 1942 behandelt.


Birgit Baumann

Juli 2008


Foto: Bilderbox, privat

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Kommentar

Kommentarbild von Univ.-Prof. Dr. Walter Koller zum Printartikel „Für Patienten ist es kaum möglich, abzuschätzen, ob in einem Krankenhaus die Hygiene-Vorschriften eingehalten werden. Aber ein wenig kann man selbst dazu beitragen, indem man beispielsweise seine Hände immer ausreichend reinigt. Hat man im Krankenhaus den Eindruck, dass Ärzte und Pfleger in entscheidenden Momenten keine Handschuhe tragen, sollte man sich nicht scheuen, nachzufragen.“
Univ.-Prof. Dr. Walter Koller
Leiter der Klinischen Abteilung für Krankenhaushygiene, AKH Wien

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015