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BIID: Bizarrer Wunsch nach Amputation

BIID_Bizarrer Wunsch nach Amputation Der Wunsch, ein an sich völlig gesundes Körperteil zu amputieren, ist so groß, dass Betroffene sogar Selbstverstümmelungsversuche durchführen, um etwa das unliebsame Bein „loszuwerden“. Was es mit der als Körper-Integritäts-Identitäts-Störung (Body Integrity Identity Disorder) bezeichneten Krankheit auf sich hat, erklärt DDr. Hans-Peter Kapfhammer von der Medizinischen Universität Graz.

Zwei Arme und zwei Beine zu haben, die auch noch funktionieren, ist für viele Menschen nicht nur selbstverständlich, sondern auch beinahe unverzichtbar zur Bewältigung des Alltags. Allein der Gedanke, etwa durch einen Unfall eine Gliedmaße zu verlieren, würde bei vielen große Angst und Entsetzen auslösen. Bei manchen Menschen jedoch ist es genau umgekehrt: Sie erhoffen sich nichts sehnlicher, als eine Hand oder ein Bein zu verlieren. Was hinter diesem für Außenstehende bizarr anmutendem Wunsch steckt, erklärt Universitätsprofessor DDr. Hans-Peter Kapfhammer, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie der Karl-Franzens-Universität in Graz: „Hinter der sogenannten Körper-Integritäts-Identitäts-Störung oder Body Integrity Identity Disorder steckt der lang anhaltende, intensive Wunsch bei den betroffenen Menschen, durch die Amputation eines gesunden Körperglieds zu einem vollständigeren Körperselbst zu gelangen.“ Betroffene wünschen sich zutiefst, einen oder mehrere Körperteile zu „verlieren“. Die Amputation würde für sie nicht nur eine ungemeine Erleichterung bedeuten, sondern ihnen auch zu ihrer wahren körperlichen Identität verhelfen, die sie ohne die jeweilige Gliedmaße – zumeist handelt es sich um ein Bein – definieren. Sie würden glücklicher und zufriedener sein, wenn das betroffene Körperglied nicht mehr vorhanden sein würde. Deshalb beneiden Betroffene in gewisser Weise auch Menschen, die amputiert sind.

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Ursachen liegen oft in der Kindheit

Da das Störungsbild der Body Integrity Identity Disorder – kurz als BIID bezeichnet – noch relativ „jung“ ist, gibt es bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen dazu. Auch fehlt noch eine einheitliche wissenschaftliche Definition dessen, was eine BIID ausmacht. „Die Körper-Integritäts-Identitäts-Störung wird noch nicht in den offiziellen psychiatrischen Klassifizierungssystemen angeführt. Breit diskutiert wird sie aber in einigen Foren im Internet, in denen sich Betroffene austauschen. Dort findet man auch zahlreiche Fallberichte. Aufgrund noch fehlender wissenschaftlicher Erforschungen kann man derzeit aber nur ungefähre Aussagen etwa zur Entstehung der Krankheit treffen“, erklärt der Mediziner. Eine mögliche Ursache jedoch ist, dass Menschen mit einer BIID eine andere Vorstellung ihres Körpers haben, als dieser in der Realität aussieht. Dieses Körperbild haben sie oft bereits seit der Kindheit: Viele Betroffene hatten nämlich eine Art Schlüsselerlebnis. Das kann etwa sein, als sie das erste Mal einen amputierten Menschen gesehen haben und eine Begeisterung dafür verspürten, die sie auf den eigenen Körper übertragen haben. „Einige Menschen mit BIID haben eine anhaltende Faszination von körperlich behinderten, amputierten Personen und haben den Wunsch, in einer ähnlichen Position zu sein“, bestätigt Kapfhammer. Auch sexuelle Aspekte spielen eine Rolle: Menschen mit BIID können eine sexuelle Attraktion gegenüber Amputierten verspüren. Mit der Zeit entwickelt sich aus dieser Faszination das starke Bedürfnis nach Abtrennung eines eigenen Körperteils. Ein Wunsch, der oft jahrelang geheim gehalten wird und mit einem großen Leidensdruck verbunden ist.

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Leidensdruck führt zur Selbstverstümmelung

Im Alltag imitieren Betroffene oft, dass sie ohne die jeweilige Gliedmaße leben. Sie stellen sich vor, wie sie bestimmte Tätigkeiten etwa nur mit einem Bein bewältigen und probieren mitunter sogar aus, im Rollstuhl zu sitzen oder auf Krücken zu gehen. Kapfhammer: „Menschen mit einer Körper-Integritäts-Identitäts-Störung üben den Gebrauch von Rollstühlen oder Prothesen und gehen schließlich dem intensiven Wunsch nach Amputation nach, indem sie sich selbst verletzten, weil sie davon ausgehen, erst durch die Amputation zur ihrer wahren körperlichen Identität zu gelangen.“ Die Unzufriedenheit mit dem Körperteil wird schließlich so groß, dass Menschen mit BIID zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen. Einige Betroffenen verstümmeln sich selbst, indem sie mit einer Motorsäge versuchen, einen Arm oder ein Bein abzutrennen. Oder aber sie legen die Gliedmaße auf Schienen, damit sie vom herannahenden Zug abgetrennt wird. In einigen Fällen wird aber auch Trocken-Eis zur Abtötung des Gewebes verwendet.

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Amputation: Lösung des Problems?

Der Körper gilt längst als Mittel der Kommunikation. Egal ob Tätowierungen, Piercings oder die trendige Haarfrisur – sie sind Ausdruck einer bestimmten Einstellung. Wo hat nun aber die Körpermodifikation ihre Grenzen? Ist eine Amputation vertretbar und vor allem hilft sie den Betroffenen einer BIID tatsächlich? Der Mediziner antwortet dazu: „Das Verständnis der Körper-Integritäts-Identitätsstörung ist sowohl in seinen psychologischen als auch seinen neurobiologischen Aspekten derzeit noch höchst unvollständig. Eine differenzialdiagnostische Abgrenzung zu Persönlichkeitsstörungen, zu monothematischen Wahnstörungen, zu Störungen der sexuellen Präferenz und sexuellen Identität, zur körperdysmorphen Störung, zur artifiziellen Störung, aber auch zu speziellen neurologischen Störungen gestaltet sich regelhaft sehr schwierig. Empirisch erprobte therapeutische Ansätze existieren nicht. Viele medizinisch-ethische Fragen müssen in einem interdisziplinären Kontext diskutiert werden. Angesichts dieser sehr heikel einzustufenden Komplexität ist aus meiner Sicht größte ärztliche Zurückhaltung geboten, einem starken Begehren einer Person nach Amputation eines gesunden Körperteils nachzugeben und in einer solchen Operation die Lösung eines komplexen Problems erblicken zu wollen.“

MMag. Birgit Koxeder

Jänner 2012

Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015