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Diabetischer Fuß: Gefahr auf tauben Sohlen

Gefahr auf taubenSohlen - Diabetischer Fuß1Das diabetische Fußsyndrom ist eine gefürchtete Folge der fortgeschrittenen Zuckerkrankheit. Das diabetische Fußsyndrom – kurz DFS – ist die häufigste Ursache für Amputationen und somit auch volkswirtschaftlich die teuerste Komplikation von Diabetes. Mit sorgfältiger Kontrolle und sachkundiger Pflege lassen sich die gefürchteten Folgen des diabetischen Fußsyndroms in den meisten Fällen abwenden.

 

Das diabetische Fußsyndrom entsteht durch ein Zusammenwirken diabetesbedingter Nerven- und Gefäßschäden, die komplexe Veränderungen am Fußskelettsystem nach sich ziehen. Die häufigste Form der Fußsyndrome sind Nervenschäden – die sogenannte sensible Polyneuropathie. So wie für Augen und Nieren ist hoher Blutzucker auch für die Nerven und deren versorgende Gefäße reines Gift. Zusätzlich vorhandene Risikofaktoren wie etwa der Konsum von Alkohol beschleunigen den Erkrankungsprozess. Die beidseitig symmetrisch auftretende Nervenfunktionsstörung beginnt immer an der großen Zehe. Je schlechter der Diabetes eingestellt ist, umso größer die Gefahr, dass der Patient eine solche Neuropathie entwickelt.

 

 

Es tut nicht weh

Mit dem Verlust von Sensibilität, Temperatur- und Berührungsempfinden ist das Warnsystem der Nerven beeinträchtigt. Deshalb wird das DFS oft lange bagatellisiert – mit tragischen Folgen. Durch das gestörte Schmerz- und Druckempfinden entstehen Zonen einseitiger Belastung. Als Abwehrreaktion der Haut entwickeln sich Schwielen, die aufbrechen, sich entzünden und Geschwüre bilden. Kleinste Verletzungen können beim ohnehin anfälligen Diabetiker besonders leicht zu ausgedehnten Infektionen bis hin zur Knocheneiterung führen.

Ein „bamstiges“ Gefühl, Gehen wie auf Wolken, Hitze- oder Kältegefühl, aber auch starke Schmerzen – das sind typische Missempfindungen, die den Neuropathiekranken besonders im Ruhezustand belästigen. Zudem droht Sturzgefahr durch die Gangunsicherheit infolge der verlorenen „Bodenhaftung“. Diabetesveränderungen an Augen und Nieren sind typische Begleitsymptome des Neuropathiepatienten, so OA Dr. Peter Grafinger, Spezialist in der Diabetes-Fußambulanz am AKH Linz. Bei 50 bis 60 Prozent aller Patienten mit DFS liegt eine Neuropathie zugrunde, ohne dass es zu Durchblutungsstörungen kommt. Deshalb ist der Fußpuls bei diesen Patienten gut fühlbar, der Fuß wirkt insgesamt extrem stark durchblutet – eine Folge der gestörten Gefäßkontraktion. Etwa 40 Prozent der DFS-Kranken leiden an einer schweren Durchblutungsstörung – der Makroangiopathie. Diabetesbedingte atherosklerotische Veränderungen an den großen Gefäßen, inklusive der Herzkranzgefäße und der hirnversorgenden Gefäße, machen auch vor den großen Blutgefäßen im Becken- und Beinbereich nicht Halt. Viele dieser Patienten haben schon einen Herzinfarkt oder Schlaganfall durchgemacht. So wie das Raucherbein, das in erster Linie von Durchblutungsstörungen im Oberschenkel verursacht wird, ist die diabetische Makroangiopathie von Schmerzen begleitet, die speziell bei Bewegung auftreten. Beim Diabetiker sind aber vor allem die Unterschenkelgefäße betroffen. 30 bis 40 Prozent aller DFS-Fälle sind Mischformen, bei denen sowohl eine Neuropathie als auch eine Durchblutungsstörung vorliegt.

Eine besonders schwere Form des DFS ist der sogenannte Charcot-Fuß, wo es durch fortschreitende Knochenzerstörung zum kompletten Zusammenbruch des Fußskelettes kommen kann.

 

Zunächst ist eine gründliche Diagnose wichtig, bei der neben der klinischen Untersuchung auch Ultraschall und andere bildgebende Verfahren zum Einsatz kommen. Im Fall einer Durchblutungsstörung muss zunächst der Blutfluss verbessert werden, falls nötig durch eine Gefäßaufdehnung — eine Dilatation — oder eine Bypassoperation. Entzündungen müssen umgehend bekämpft werden, sonst drohen Thrombosen und die Amputation der betroffenen Zehen. Spezialantibiotika und lokale Antiseptika werden zur Infektionsbehandlung eingesetzt. Oft ist das Skalpell unverzichtbar, um abgestorbenes Gewebe zu entfernen. Wenn bereits eine septische Knocheneiterung eingetreten ist, ist eine teilweise Knochenentfernung oder schlimmstenfalls die Amputation die einzige Chance, die Krankheit in den Griff zu bekommen. Daneben werden natürlich auch Schmerzmittel eingesetzt.

 

 

Druck wegnehmen

Die gefährlichen Schwielen entstehen dort, wo der Schuh drückt. Vor allem DFS-Patienten mit Neuropathie neigen dazu, zu kleine Schuhe zu tragen, weil sie darin scheinbar besseren Halt finden — ein verhängnisvoller Fehler. Auch abgenutzte Schuhe sind eine potenzielle Gefahr für den DFS-Patienten, weil dadurch leicht Verletzungen drohen. Eine der wichtigsten Maßnahmen ist, auf bequeme, gut sitzende Schuhe zu achten. Gesundheitsschuhe aus dem Regal sind oft wahre Fußkiller — so Dr. Grafinger — weil sie der individuellen Fußform des Diabetikers nicht gerecht werden und oft aus zu harten Materialien gefertigt sind. Die Haut ist jedoch an den Füßen genauso empfindlich wie im Gesicht. Der Diabetiker muss Veränderungen und Verletzungen der Haut, Druckstellen, Druckbelastungen und Blasen um jeden Preis vermeiden.

 

Die Füße pflegen

Gefahr auf tauben Sohlen - Diabetischer Fuß2Die penible, tägliche Fußpflege ist Pflicht für den Diabetiker, um dem DFS vorzubeugen beziehungsweise ein Fortschreiten und dramatische Akutkomplikationen zu verhindern. Jeder Diabetiker braucht deshalb eine Schulung. Die Fußhygiene und Fußbetreuung sind darin eines der wichtigsten Kapitel – damit die Füße ein Leben lang tragen.

 

Klaus Stecher

Oktober 2008


Foto: AKH Linz, privat

Die 10 Gebote der DFS-Prophylaxe

  1. Die Füße täglich genau kontrollieren
  2. Regelmäßige Fußkontrolle durch den Arzt
  3. Bei Hautveränderungen den Arzt sofort kontaktieren
  4. Professionelle Pediküre
  5. Keine Heimchirurgie – also nicht selbst herumschnipseln
  6. Die Haut so zart erhalten wie die Gesichtshaut
  7. Hochwertige, passgerechte Schuhe tragen und rechtzeitig erneuern
  8. Bei Problemfüßen diabetesgerechte Spezialeinlagen verwenden
  9. Möglichst nicht barfuß gehen
  10. Optimale Blutzuckereinstellung


Kommentar

Kommentarbild von OA Dr. Peter L. Grafinger zum Printartikel "Diabetiker müssen ihre Füße täglich gründlich inspizieren. Jede Fußveränderung muss für Diabetiker Anlass für einen sofortigen Arztbesuch sein."
OA Dr. Peter L. Grafinger
Internist und Diabetologe an der Diabetes-Fußambulanz, AKH Linz

Zuletzt aktualisiert am 13. November 2020