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Morbus Bechterew: Symptome erkennen

Morbus Bechterew: Symptome erkennenBei chronischen, tief sitzenden Schmerzen an der Wirbelsäule sollte man auch an einen Morbus Bechterew denken. Eine frühe Diagnose vergrößert die Chance auf einen milden Krankheitsverlauf.

Morbus Bechterew (auch Spondylitis ankylosans genannt) ist eine schmerzhafte, chronische entzündlich-rheumatische Erkrankung. Entzündungen der Wirbelgelenke – der Gelenke zwischen Wirbeln und Rippen und zwischen Kreuz- und Darmbein – können zur Verknöcherung der Umgebung der Gelenke und zur knöchernen Überbrückung der Gelenke führen. Im fortgeschrittenen Stadium kann es (unbehandelt) zu einer gebeugten Körperhaltung kommen.

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Beginn der Erkrankung

Der Morbus Bechterew beginnt bei den meisten Patienten bereits im jungen Erwachsenenalter. Der Erkrankungsgipfel (Beginn der Erkrankung) liegt zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Nur selten treten erste Beschwerden nach dem 40. Lebensjahr auf, nie nach dem 45. Lebensjahr. Die Krankheit kann in Familien gehäuft auftreten, es besteht also eine gewisse genetische Disposition. Weitere Ursachen sind wissenschaftlich nicht belegt. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, das heißt, die körpereigene Abwehr greift körpereigene Strukturen an.

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Merkmale und Symptome erkennen

Morbus Bechterew wird oft erst nach jahrelangem Leiden diagnostiziert. Denn kaum ein Betroffener denkt von sich aus an eine Erkrankung, dessen Namen er nicht oder kaum kennt. Hinter den meisten Fällen von Rückenschmerzen stecken tatsächlich degenerative Wirbelsäulenveränderungen und eben kein Bechterew. „Dennoch ist es wichtig, bei ersten Symptomen frühzeitig auch an die Möglichkeit eines Morbus Bechterew zu denken, denn in einem frühen Stadium der Erkrankung liegen üblicherweise noch keine bleibenden Veränderungen an der Wirbelsäule vor. Eine in den Anfangsstadien der Erkrankung einsetzende Therapie kann in vielen Fällen ungünstige Verläufe verhindern“, sagt OA Dr. Michael Binder, Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz.

Typisches Frühsymptom ist tief sitzender Rückenschmerz, hier vor allem im Bereich der Lendenwirbelsäule. Die Schmerzen treten vor allem in der zweiten Nachthälfte auf. Betroffene werden dadurch häufig aus dem Schlaf gerissen. Durch Bewegung bessern sich die im Liegen hartnäckige Steifigkeit und die Schmerzen meist wieder. „Dadurch unterscheiden sich die Schmerzen von den viel häufigeren, nicht entzündlichen Rückenleiden, wie etwa bei Bandscheibenvorfällen und Arthritis. Dort schmerzen vor allem die Bewegungen und Ruhe wirkt schmerzlindernd“, erklärt Binder.
Als Symptom gilt nicht der akute, sondern der chronische (mindestens drei Monate anhaltende) Rückenschmerz. Er ist Ausdruck einer Entzündung an Gelenken zwischen Wirbeln und Rippen. „Oft sind nur kleine Gelenke betroffen, die jedoch große Beschwerden verursachen können. Der Schmerz entsteht für die Betroffenen scheinbar wie aus dem Nichts heraus“, so Binder.

Weitere klinische Merkmale, die einzeln oder gebündelt auftreten können (aber nicht müssen) und auf einen Morbus Bechterew hindeuten:

  • Einschränkung der Beweglichkeit in der Lendenwirbelsäule in allen Bewegungsrichtungen und der Beweglichkeit in der Drehung
  • Entzündung einzelner Gelenke (Arthritis), z. B. Hüftgelenk, Handgelenk, Kniegelenk
  • Achillessehnenschmerz oder eine andere Sehnenansatz-Entzündung, die ohne erkennbaren Anlass auftritt
  • Entzündung der Regenbogenhaut im Auge
  • Einschränkung der Brustkorbdehnung
  • Schmerzen über dem Brustbein
  • Gesäßschmerzen, abwechselnd rechts und links; Ausstrahlung in die Oberschenkel
  • Schuppenflechte und Darmerkrankungen wie Morbus Crohn sind mögliche Hinweise

Einen Verdacht liefert auch eine eindeutige Besserung der Schmerzen durch ein (cortisonfreies) entzündungshemmendes Medikament (NSAR) und die Wiederkehr der Beschwerden nach Absetzen des Medikaments. Häufig liegt zudem eine Entzündung der Kreuz-Darmbein-Gelenke vor oder es bilden sich feine Knochenspangen zwischen den Wirbelkörpern. Im späteren Verlauf kann es zu einer eingeschränkten Beweglichkeit der Wirbelsäule und eingeschränkter Atembreite kommen.

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Diagnose

Je früher die Erkrankung als solche erkannt wird, desto besser sind die Ergebnisse der Therapie. Werkzeuge einer Diagnose sind Krankengeschichte, Untersuchung der Beweglichkeit, Ultraschall bei peripherem Gelenksbefall und vor allem Magnetresonanztomografie (MRT), mit der Entzündungen im gelenksnahen Knochen schon vor dessen Zerstörung erkannt werden können.
In früheren Jahren war eine klare Diagnose erst möglich, wenn Verformungen der Wirbelkörper (vor allem der Kreuz-Darmbein-Gelenke) auf dem Röntgenbild sichtbar wurden, wenn also die Erkrankung bereits weit fortgeschritten war. Seit einigen Jahren können Entzündungen, also frühe Phasen der Erkrankung, mittels MRT in kurzer Zeit aufgespürt werden. Diese liefern meist einen deutlichen Hinweis auf die Erkrankung.
Im Labor kann der Risikomarker HLA B27 wegweisend sein, er findet sich bei den meisten Betroffenen. Liegen dieses Erbmerkmal und mehrere klinische Parameter (entzündliche Schmerzen, Sehnen oder Augen entzündet etc.) vor, lässt sich Morbus Bechterew relativ sicher diagnostizieren, noch bevor es überhaupt zu Verknöcherungen und Knochendefekten kommt. „Zeigt die MRT eine Entzündung an, dann genügt in der Regel bereits ein einziger klinischer Parameter, etwa Schmerzen, zur Diagnose“, so Binder.
Das klassische Röntgen wird vor allem dann eingesetzt, wenn die Beschwerden schon seit Jahren vorliegen und Auswirkungen auf den Knochenapparat im Röntgenbild sichtbar sein müssten. Bestehen Symptome wie Schmerzen erst seit Wochen oder Monaten, kommt statt Röntgen zumeist MRT zum Einsatz.

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Schwierigkeiten der Diagnose

Zu Krankheitsbeginn liegen oft nur wenige der oben beschriebenen Symptome vor. Untersuchungen des Blutes und des Urins liefern zudem meist keine auffälligen Befunde. Der Umstand, dass viele Patienten mit einem Morbus Bechterew keinerlei Entzündungszeichen im Blut haben (vor allem am Beginn der Erkrankung), führt dazu, dass die Diagnose manchmal erst spät oder gar nicht gestellt wird.

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Keine Männerkrankheit

In früheren Jahren ging man davon aus, dass vor allem Männer von dieser Erkrankung betroffen sind. Durch die verbesserten Diagnosemöglichkeiten ergibt sich nun ein anderes Bild. „Es zeigt sich, dass Frauen genauso häufig wie Männer einen Morbus Bechterew entwickeln“, so der Rheumatologe. Dennoch gibt es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Männer entwickeln doppelt so häufig knöcherne Veränderungen, bei Frauen hingegen bleibt es häufig bei Entzündungen. Der Leidensdruck entsteht freilich zumeist bereits durch die Entzündung. Sie verursacht die Schmerzen, die wiederum zu Bewegungseinschränkungen, Steifigkeit, Müdigkeit, geringer Belastbarkeit und Arbeitsunfähigkeit führen.

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Krankheitsverlauf und Therapie

Die Erkrankung verläuft individuell sehr unterschiedlich und meist in Schüben. Bei vielen Patienten beherrschen die Entzündungsschmerzen das Leiden, bei anderen steht die Versteifung im Vordergrund. Bei frühzeitiger Behandlung kann der Krankheitsverlauf deutlich gemildert werden. „Die Erkrankung kann in manchen Fällen auch zum Stillstand gebracht werden und die Schmerzen können wieder verschwinden“, so Binder.
Ziele einer Therapie sind die medikamentöse Schmerz- und Entzündungshemmung, das Bremsen eines unwillkürlichen Knochenwachstums und die Aufrechterhaltung der Beweglichkeit durch Bewegungstherapie.

Dr. Thomas Hartl
Oktober 2013


Foto: Bilderbox

Zuletzt aktualisiert am 11. Mai 2020